Im Februar 1841.
Jetzt war ich am Ziele aller derzeitigen Wünsche, ich sage derzeitigen, denn welcher rege Geist ließe sich wohl Grenzen setzen? Mit eigenen Augen sollte ich die Kaiserstadt sehen, nach welcher schon der jugendliche schwärmerische Geist sehnlich verlangte und der die jungen Männer, wie die im Dienste ergrauten Krieger beneidet hatte, die nach errungenem Siege hier den Triumph ihrer Thaten feierten.
Während der Fahrt von Havre nach Paris kam uns von Frankreich nicht viel zu Gesicht, denn bald nach Abgang aus der Hafenstadt verbarg die Dunkelheit die Orte, welche während der Nacht durchflogen wurden, und der trübe, naßkalte Morgen war unfreundlich genug, der Sonne nicht zu gestatten, die bei ungünstiger Jahreszeit erstarrten Glieder von Neuem zu erwärmen und zu stärken. — Zum Glück war der gewöhnliche Landwein nicht theuer und mundete, beim Mangel besserer Sorten, ganz trefflich. Dabei war der Kondukteur ein ganz charmanter Mann, welcher, in Betracht der schlechten Passage von unserm Thronhimmel herab, die leere Flasche wieder zu füllen, mit übernommen hatte.
So fuhren wir seelenvergnügt in Frankreichs Hauptstadt ein, nachdem wir in jeder Lehmhütte ein hübsches Landhaus, und in einem solchen, einen Palast erblickt, ja mein Gefährte, der Bierbrauer, eine nach der Hauptstadt zu getriebene Heerde Ochsen, für schwere Kavalerie ansah und meine Sinne für umnebelt hielt, als ich es nicht glauben wollte. Mir selbst kam es zuletzt auch vor, als wenn der Wagen stille hielt, und die Häuser so lange vorüber marschirten, bis der Posthof ankam, und die verpflichteten Lastträger, wegen des Transportes der Koffer, sich erkundigten, wo man logiren wolle.
Das in nächster Straße gelegene Gasthaus war schnell erreicht, und von uns jetzt nichts Besseres zu thun, als bis zur Ankunft des Lohnbedienten das Räuschchen auszuschlafen.
Ohne Führer nur das Merkwürdigste in Paris aufzufinden, würde einen längern als von uns beabsichtigten Aufenthalt zur Folge gehabt haben, wobei immer noch eine nähere Definition über das Gesehene verloren gegangen seyn würde, weshalb beschlossen wurde, wie in London, einen Cicerone anzunehmen, und sogleich bei Ankunft in der Hauptstadt die Wanderung zu beginnen.
Auf dem Vendome-Platze waren Briefe abzugeben, weshalb wir dahin zuerst die Schritte richteten. Doch bald glaubten wir uns in den bald engen, bald weiten, meist aber krummen und mit hohen Häusern besetzten, Straßen von Paris in die Londoner City versetzt, da man hier wie dort, in den von Koth überzogenen, mit Menschen und Wagen gefüllten Gassen, sich nur mit Mühe durchzuwinden vermochte, und beim Mangel von Trottoirs, dem fortwährenden Rufen und Schreien der herumziehenden Verkäufer, wie dem Getöse der rollenden Räder, welche Wagen kaum Platz genug haben, sich einander ausweichen zu können, der Fußgänger immer in Gefahr kömmt, überfahren oder an die Häuser gequetscht zu werden. Die allgegenwärtige Polizei hat daher immer ein wachsames Auge auf die Lenker der Rosse, und ohne Erbarmen wird ein solcher zur Strafe gezogen, welcher das Unglück hat, während des Ausweichens, oder um eine Ecke fahrend, einen der Fußgänger zu verletzen.
Die Häuser dieser Riesenstadt sind fast alle 4 bis 5 Stockwerk hoch, viele noch höher, und bis in das letzte Dachstübchen bewohnt; daher kommt es, daß Paris aus drei bis vier gleichsam übereinander gethürmten Städten besteht, deren viele Bewohner sich alle unten in dem kleinen Raume herumdrängen müssen. London dagegen bietet außer der City ein ganz anderes Bild. Die Häuser, weniger zusammengedrängt, sind meist nur von einer Familie bewohnt, wodurch die Stadt an Umfang bedeutend gewinnt, und die Masse der Bevölkerung, weniger konzentrirt, keinem Ameisenhaufen gleicht, wie in Paris.
Die engen Straßen der Stadt, in welche, wegen der Höhe der Häuser, kein Sonnenstrahl dringen kann, sind hauptsächlich während der Winterszeit ewig naß und düster, und die kellerartigen Wohnungen hinter den Läden selbst am Tage dunkel und mit Kerzen oder Gas beleuchtet, welche Lichtflammen aus allen Etagen bis zum Lämpchen des Dachbewohners am Abend einen magischen Schein über die bis spät in die Nacht auf den Straßen wogende Menge verbreiten, deren Lärm dumpf bis zum Ohr der Bewohner der höchsten Region dringt.
Wohler und freundlicher wird dem Wanderer, wenn er die innern Boulevards erreicht hat, wo auf breiten Trottoirs, vor dem Fuhrwerk geschützt, in der Mitte des regsten Lebens, der höchste Glanz und die reichsten Kunstprodukte dem Auge sich entfalten. Die Menge der elegant aufgeputzten Magazine aller Art erinnern wieder an Londons großartigen Markt, und Paris wetteifert im Bieten des Luxuriösen mit jener Riesenstadt. Hinter Spiegelscheiben erblickt man auch hier, was menschlicher Erfindungsgeist zur Verschönerung des Lebens hervorgebracht hat. Gold und Silber, Seide und Spitzen, wie Prunk aller Art sind zur Schau aufgestellt und eine Anzahl von Gemälden und Kupferstich-Handlungen suchen den neugierigen Beobachter zu fesseln. Daß es dieser Promenade der schönen Welt nicht an Restaurationen und Kaffeehäusern fehlt, verrathen die Schilde, und um uns mit solchen auf eine feine Manier bekannt zu machen, schützte der Führer entsetzlichen Durst vor, und lud uns ein, ihm zu folgen, wohl wissend, daß ihm diese Restauration nichts kostete.