Mit neugierigem Blicke schauten wir nach dem kleinen Manne, dem großen Napoleon empor, welcher in moderner Kleidung, Ueberrock und dreieckigem Hute, auf der Vendome-Säule thront. — Als Kind stand ich schon einmal dem lebenden Manne in meiner Geburtsstadt nahe und jetzt sollte mir zum zweiten Male die Gelegenheit werden, die Bekanntschaft des Abgottes der Franzosen in seiner Residenz zu erneuern, um von seinem Standpunkte aus die am Fuße pilgernden Liliputtaner zu betrachten. Statt mit Empfehlungsschreiben an den sonstigen Machthaber versehen zu werden, empfängt man, um den Zutritt sicher zu erlangen, von dem wachthabenden Invaliden der Napoleonischen Garde eine Leuchte, mit welcher der Führer die schmale dunkle Treppe voranschreitet und die Fallthür öffnet. — Die herrliche Säule, mit der Statue 140 Fuß hoch, ist äußerlich mit bronzenen Basreliefs bekleidet, welche sich schneckenförmig an ihr in die Höhe ziehen, und die Heldenthaten der großen Armee vom Jahre 1805 an verzeichnen. Die Plattform, mit eisernem Geländer umgeben, gewährt einen sichern Stand, und bietet einen Ueberblick der Stadt, welcher leider! von den umstehenden hohen Gebäuden beschränkt wird.

Die mehr und mehr zunehmenden Lichtflammen in den Läden gaben zu erkennen, daß es Zeit sey, aus der Nähe des Kaisers sich zu entfernen, um auf Umwegen durch herrlich beleuchtete Straßen dem Glanzpunkte von Paris, dem weltberühmten Palais-Royal, uns zu nähern, wo das Auge bald rechts, bald links mit Entzücken auf reich geschmückten und mit einer Menge von Gas-Flammen beleuchteten Magazinen verweilt. Hier steht der Fremde bei dem ersten Anblicke wie bezaubert. Hunderte von Gas-Laternen, welche mit Tausenden der illuminirten Läden die Nacht zum Tage umwandeln, geben den Waaren einen blendenden Reiz und bestimmen Einen, hier seine Einkäufe zu machen. Die Arkaden, die sich längs der Läden hinziehen, so wie die Gallerieen, sind mit Menschen überfüllt, da zur Winterzeit die freien Plätze weniger besucht sind, und die vor dem unfreundlichen Wetter Schutz suchende Menge sich hier erlustiget, wo man nicht nur Alles, was man an Schmuck und Kleidung bedarf, sondern auch in Restaurationen und Kaffeehäusern erhält, was zur Erhaltung des Lebens von Nöthen, und wo auch für geistigen Genuß durch Lesekabinete und Theater gesorgt ist. Ja, in diesem Königlichen Palaste, welcher mehrere Millionen Renten trägt, soll es unter seinen Tausenden von Bewohnern Viele geben, welche das ganze Jahr hindurch diesen Aufenthalt nicht verlassen, weil sie auf diesem Punkte beisammen finden, was sie zu ihrer Art von Lebensgenuß nöthig haben.

Am nächsten Morgen machte ein Jeder von uns seiner Gesandtschaft die Aufwartung, um die nöthigen Pässe zur Weiterreise zu erhalten, und solche wegen Zulaß in öffentlichen Anstalten zu benutzen.

Ganz anders, wie in London, wo ohne Geld nichts zu sehen ist, wird in Paris dem Fremden mit der größten Liberalität Alles gezeigt, und derselbe genießt sogar noch das Vorrecht, daß ihm zu jeder Zeit nach vorzeigen seiner fremden Legitimation da die Thüren geöffnet werden, wo den Franzosen nur an bestimmten Wochentagen der Zutritt frei ist. Trinkgelder sind nur dann zu entrichten, wenn eine besondere Dienstleistung von dem Aufsichts-Personale verlangt wird, sonst ist nirgends etwas zu bezahlen.

Eile mit Weile! Die Bureaux waren noch nicht geöffnet, was unser Cicerone wohl gewußt, dieses Manövre aber benutzt hatte, um uns vor der Frühstückszeit aus der Wohnung zu locken, und in nächster Restauration als unser Gesellschafter gratis an dem Frühstück Theil nehmen zu können. Dieser Mensch, ein wahrer Nassauer[59], verstand die deutsche Dreistigkeit mit der französischen Pfiffigkeit zu vereinen, um sich so außer dem bedungenen Lohne auch noch die Zehrung frei zu machen.

Mein Paß, bis zur Unterschrift des abwesenden Minister-Residenten in aller Form ausgestellt, blieb zurück, und die Zeit des Abholens wurde auf den nächsten Tag bestimmt. Die Reisegefährten dagegen erhielten auf ihren Bureaux die vollständige Legitimation, welcher nur das Visa zur Weiterreise fehlte, und so wurde ich wider Willen schon in Paris von ihnen getrennt, da sie den andern Morgen den Postwagen bestiegen und mir voraus nach Straßburg eilten. So unangenehm mir der Vorfall war, so gab er doch Anlaß zu größerer Freude, da dieses Gelegenheit darbot, an Freundeshand die Hauptstadt von Frankreich in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit kennen zu lernen.

Noch ehe der Polizei-Palast erreicht war, wo die Gefährten das Weitere besorgten, machte uns der Führer auf die Morgue aufmerksam, in welchem Todtenhause alle unbekannten Leichname aufgestellt werden, welche man im Flusse, in den Straßen, auf den Plätzen und in nächster Umgebung der Stadt findet, und wo die über dem Kopfe aufgehängten Sachen der oft nicht mehr kenntlichen Leichen den Angehörigen und Freunden, welche in der Regel ein vermißtes Familienglied hier suchen, das Loos dieser Unglücklichen bekannt machen, welche die Leichen reklamiren können, wenn sie nicht auf Staatskosten beerdigt werden sollen.

Bald war das Nöthige auf der Polizei geschehen und dem Thiergarten zugepilgert, wo man ohne Anstoß Einlaß findet und Alles mit der größten Artigkeit dem Fremden gezeigt wird.

Der Thier- oder Botanische Garten, ein Vergnügungsort der Pariser und ein Lockvogel für Fremde, vereinigt Alles in sich, um den Botaniker, Naturforscher, Mediziner und Pharmaceuten zu belehren und zu bilden, dem Lustwandelnden Ruhe, Schatten und Wohlgerüche zu verschaffen und das Publikum zu ergötzen, da man die reichhaltigste Menagerie, welche es wohl geben mag, hier zu sehen Gelegenheit hat.

Nachdem der Garten in allen Richtungen durchwandelt, Irrwege, Treibhäuser, Lauben und Sitze gemustert waren, und der Führer zum Schlusse auf die große Ceder von Libanon aufmerksam gemacht hatte, sollte von hier aus über die eiserne Brücke d’Austerlitz nach dem berühmten Gottesacker Pére la chaise die Wanderung fortgesetzt werden. Doch auf dem so geschichtlich merkwürdigen Bastille-Platze, wo jetzt an der Stelle des frühern Staatsgefängnisses eine Säule, ähnlich der auf dem Vendome-Platze, errichtet ist, auf welcher eine Siegesgöttin prangt, besannen sich meine Gefährten eines Anderen, ließen die Todten ruhen und verzichteten auf einen Genuß, welcher mir später noch zu Gute kam.