Was ich vermuthete, war geschehen. Das Theater war längst angegangen und schon ein Stück vorüber, wie die aus dem Hause kommenden Schaulustigen zu erkennen gaben, von welchen die nicht Zurückgehenden ihre Billets an bereit stehende Kontremarken-Händler verkauften und Letztere solche wieder an später kommende Zuschauer anzubringen suchten, weshalb mehrere dieser Industriellen sich an uns drängten und Marken offerirten.
Dieser Billethandel, wogegen die Theater-Direktion nichts einzuwenden hat, geht in Paris ins Große und verschafft dem Publikum den Vortheil, daß man nicht für die ganze Vorstellung, welche an einem Abend Statt findet, zu bezahlen hat, im Fall man vor dem Schluß des Hauses das Schauspiel verläßt, oder erst in dem bald beendigten Stück das Theater besuchen will.
Mit allem Pomp und getreuer Nachahmung der stattgefundenen Ceremonieen, bei Abholung der Leiche Napoleons von St. Helena bis zur Uebernahme derselben im Invalidenhaus zu Paris von Ludwig Philipp, wurde diese Begebenheit theatralisch dargestellt, welcher Genuß mir um so willkommner war, da ich bedauern mußte, zu spät nach der Hauptstadt gekommen zu seyn, um der wirklichen Trauerfeierlichkeit beiwohnen zu können.
Am nächsten Morgen wurde die Magdalenenkirche besucht, welches herrliche Gebäude, von Napoleon zu einem Tempel des Ruhms bestimmt, jetzt wieder, nach dem Willen ihres ersten Gründers Ludwigs XV., unter die Zahl der Gottgeweihten Häuser aufgenommen ist. Das vollendete Aeußere dieses großartigen Tempels gewährt einen freundlichen Anblick, ohne daß der Styl verräth, daß man einer christlichen Kirche nahe stehe.
Aehnlich der Magdalenenkirche ist die Börse großartig aufgeführt, und wie jene 52 Säulen von Außen zieren, so sind hier 66 dergl. angebracht. Die von oben erleuchtete und mit einem herrlichen Plafont geschmückte Halle ist groß genug, 2000 Personen fassen zu können; am schönsten kann man von der Gallerie herab das Gewühl der versammelten Menge von Spekulanten, Banquiers, Kaufleuten bis zum kleinsten Krämer herab, durchmengt von Neugierigen und Dieben, beobachten, wenn man nicht selber in der Nähe die großartigen Handels- und Geldgeschäfte mit ansehen und hören will, und weniger besorgt für seine Uhr und Börse ist, denn mit unglaublicher Keckheit werden hier, besonders den Fremden, nicht allein Taschentücher entwendet, sondern die Virtuosität dieser Industriellen erstreckt sich besonders auf Dosen, Uhren und Brieftaschen, welche, ehe man es ahndet, verschwinden. Paris und London werden sich wohl in diesem Fach immer den Vorrang streitig zu machen suchen und die unerreichbaren Vorbilder aller Gauner und Diebe bleiben.
Von hier aus wurde die große Passage des Panorames durchschritten und durch diese aufmerksam gemacht, verschiedene andere Glasgallerieen besucht; auch wurde mir das Haus gezeigt, woraus Fieschi seine Höllenmaschine auf den König abgeschossen hatte.
Die Beschauung des Louvre kam jetzt an die Reihe. Dieser Palast, von Franz I. (1528) errichtet, von allen nachfolgenden Regenten aber vergrößert und verschönert, interessirte mich ungemein. Er erweckt viele historische Erinnerungen und war häufig die Wohnung der Könige. Karl IX. schoß von hier aus auf die Hugenotten in der Bartholomäusnacht und hier fand der erbitterte Kampf des Volks gegen die Schweizergarde in der Juli-Revolution Statt. Das Aeußere, wie der innere Ausbau, dieses großartigen Gebäudes ist äußerst imposant und reich ausgeschmückt und soll für den Architekten viel Merkwürdiges enthalten. Die innern Räume des Louvre sind jetzt beinahe ganz von verschiedenen Museen eingenommen, und die Kunstschätze, welche hier aufbewahrt werden, übertreffen Alles, was man sich vor dem Beschauen davon verspricht.
Am letzten Tage meines Aufenthaltes in Paris fuhren wir nach St. Denis, einer Stadt von 5000 Einwohnern, um die daselbst befindliche merkwürdige Cathedrale zu besehen, wo die Gräber der französischen Könige sich befinden.
Wir besahen das alterthümliche Grab Dagoberts, das Grabmal Ludwigs XII., und Anna’s, seiner Gemahlin; dann das Denkmal von Heinrich II. und Catharina von Medicis, das Monument Franz I. und der Königin Claude.