Schon war die Pforte geöffnet und der Führer bereit, uns unter das Chor hinab zu geleiten, wo die Grabgewölbe der übrigen Könige und ihrer Familienglieder sich befinden, als mich Kolik-Schmerzen zum Rückzug zwangen.

Keine Zeit war zu verlieren, um nach Paris zurückzueilen, weil daselbst heute noch die nur bis vier Uhr geöffnete Königliche Teppichfabrik der Gobelins besucht werden sollte. Doch vergebens harrten wir im Kuckuk auf den Abgang des Wagens, obgleich der Kutscher beim Einsteigen den schnellsten Transport versprochen hatte. Mein Freund mochte toben und fluchen, so viel er wollte, der Wagen rückte nicht von der Stelle, denn noch waren nicht alle Plätze besetzt und der Fuhrmann verlangte seine volle Ladung. Nur, als wir Miene machten, wieder auszusteigen um einen andern, besser besetzten Wagen zu frequentiren, wurde das erbarmungswürdige Thier durch Peitschenhiebe zum Fortgehen bewegt. Unterwegs wurden noch Höckenweiber und Arbeiter aufgenommen, wodurch sich die Passagiere dermaßen mehrten, daß der Kutscher die Freude hatte, noch Lapins[64] zu placiren. — An der Barriere angelangt, wurde sogleich ein Omnibus bestiegen; doch da vier Uhr längst vorüber war, als wir bei den Gobelins ankamen, so wurde der Zutritt nicht mehr gestattet und das Anschauen dieser berühmten Kunstteppich-Weberei ging für mich verloren.

Aergerlich gestimmt, gingen wir langsam durch das öde, garstige Stadtviertel, wo die Lohgerber an dem Bievre-Flüßchen wohnen und das Geschäft meines Freundes und Führers getrieben wurde, nach dessen Wohnung zu und an der Anatomie vorbei, wo Mediziner und Chirurgen ihr Geschäft an Hunderten von Leichen üben. In dem Logis angelangt, mußte ich bemerken, wie ein so großes Haus in Paris gleichsam eine kleine Welt umschließt, und das nämliche Dach oft den ausschweifendsten Luxus neben der drückendsten Armuth bedeckt. Man wird hier geboren, man lebt, man stirbt, man freut sich oder man verzweifelt, und Niemand im Hause, außer denen, die es zunächst berührt, erfährt etwas davon. — Erst als am Abend im Atelier des fleißigen Malers, meines braven Wirths, die Freunde sich versammelt und der dampfende Glühwein von Neuem den Leib erwärmte, war mir wohler, und bis spät in die Nacht wurde unter Sang und Klang der Gläser der Abschied gefeiert.


Die Heimkehr.

Am Morgen des 3. März war bei der Postanstalt Laffitte, Caillard et Comp. die Reise nach Straßburg akkordirt und für den Platz auf dem Kutschenhimmel 33 Franks für 120 Stunden Wegs bezahlt; wobei noch 50 Pfund Gepäck und ein Hund frei waren.

Das von Freundes Hand mir anvertraute alte Thier, um solches dem Vater zu überbringen, hatte gewiß seine Jugendzeit auf dem Combat in Paris verlebt und daselbst bei den Hundepaukereien als kunstgerechter Kämpfer sich Lorbeeren erworben, obgleich der Händler diese Bestie mit seinen fletschenden Zähnen, als noch in besten Jahren stehende Bulldogge verkauft hatte, welche die grauen Haare nur aus Verdruß über nicht anerkannte Verdienste bekommen habe.

Freud und Leid verschaffte dieser Begleiter, welchen ich mir während der Reise durch Schmeichelei und Leckerbissen geneigt zu machen suchte. Bald fuhr er knurrend meiner nicht allzuhübschen Nachbarin nach den Waden, wenn sie das Unglück hatte, ihn mit ihren großen Füßen zu berühren; dann verrieth die Feuchtigkeit an den Füßen, daß die Bestie, ungalant genug, sich nicht genirte, über den Häuptern der tiefer sitzenden Passagiere der Nothdurft sich zu entäußern.

Während der 2½ Tag und zwei Nächte unausgesetzten schnellen Reise über Chalons und Nancy wurde nichts der Aufnotirung Werthes bemerkt und wir erreichten wohlbehalten am 5. d. Nachmittags Straßburg, wo ich bei dem mir rekommandirten und empfehlungswerthen Jacob Phisterre einkehrte und sogleich das Nöthige auf dem Paß-Bureau besorgte, währenddem die Bulldogge angebunden in der Gaststube zurück blieb. Doch dem freien Franzmann beliebte nicht eine solche sklavische Behandlung, knurrend säuberte er seine Nähe von zudringlicher Bekanntschaft und zerriß die Bande, um mit einem Satz nicht über den Rhein, sondern nach einer sich in aller Unschuld nähernden Katze zu springen, welche zu spät gewarnt, durch die rächende Nemesis jetzt gleiches Schicksal erfuhr, was sie Tausenden von Mäusen bereitet hatte. Mir selbst diente das Geschehene zur größern Vorsicht, und da zum Glück das gefallene Opfer nicht der Liebling der Frau Wirthin mehr war, indem das jüngere Geschlecht sie aus der frühern Gunst verdrängt hatte, so war auch von dieser Seite der Friede bald wieder hergestellt, woran mir am mehrsten gelegen war, da ich es nicht gern mit den Weibern verderbe.

Schon war der Name auf dem Postamte zur Weiterreise notirt, als mein böser Genius, der Hund, diese Fahrgelegenheit vereitelte, da man solchen weder frei, noch gegen Vergütung als Passagier mit aufnehmen wollte. Lohnfuhrwerk zu miethen, kam als einzelne Person zu theuer, weshalb ich einen Allerweltsfreund beauftragte, in den andern Gasthöfen nach einer Retourfuhre sich umzusehen.