Den andern Morgen wurde die Stadt besehen, wobei die Straßen derselben mit ihren engen, unregelmäßigen, meist hohen und altmodisch aufgeführten Häusern keinen freundlichen Anblick gewähren, und nur der Paradeplatz, mit ansehnlichen Häusern umgeben, macht hiervon eine Ausnahme.
Die mir als merkwürdig gezeigten Gebäude sind: der ehemalige bischöfliche Palast, das vormalige Jesuiten-Kollegium, die Münze, das Zeughaus, die Kanonengießerei, das Rathhaus und das Theater, vor Allem aber der berühmte Münster, das Meisterstück altdeutscher Baukunst. Der bewunderungswürdige hohe Thurm, welcher sein kühnes Haupt stolz bis zur Höhe von 438 Pariser Fuß in die Lüfte emporhebt, wurde bestiegen.
Eine herrliche Aussicht lohnt für die Mühe und das ängstliche Emporklimmen in einen der kleinen schlanken und mit durchbrochener Arbeit gezierten vier Thürmchen, welche bis hoch in die Lüfte den Hauptthurm umgeben, und in jedem eine schmale Schneckenstiege hinaufführt, die in der Spitze wieder in den Mittelthurm geleitet. Von diesem Standpunkte aus entfaltet sich dem Blicke das prachtvollste Panorama. Die Stadt mit ihren beträchtlichen Festungswerken liegt ausgebreitet unter dem Beschauer und gewährt den großartigen Anblick eines der ersten befestigten Orte. Ueber den Schanzen und Gräben hinaus fängt eine gut angebaute Gegend an, welche von schönen Gärten, Landhäusern und Dörfern angefüllt ist. Nachdem in allen Theilen die Riesen-Pyramide des Thurmes, welches Kunstwerk reichlich mit durchbrochener und anderer Bildhauerarbeit geziert, gemustert war, und ich auch die als Meisterstück anerkannte Thurmuhr besehen, verfügte ich mich nach der Thomas-Kirche, um das merkwürdige, dem Marschall Moritz von Sachsen errichtete Denkmal zu sehen. Eben daselbst werden auch in einer Nebenkapelle zwei in Särgen liegende Mumien gezeigt, von welchem der Zahn der Zeit schon einmal die Kleidungsstücke zernagt und Letztere mit neuen ersetzt worden sind; die Leichname selbst waren dagegen noch gut erhalten.
Eben als der Pförtner im Begriffe war zu erzählen, wer die längst Verstorbenen gewesen, trat der mich suchende Kundschafter ein und brachte die Nachricht, daß ein Herr mit mir vereint die Reise bis Frankfurt zu machen wünsche und im Logis meiner harre.
Ein mit der Post von Paris gekommener Musen-Sohn war das Herrchen, welcher mir die Ehre zugedacht, in seiner Gesellschaft und auf gemeinschaftliche Kosten die Reise fortzusetzen, und jetzt unserer Zwei, wurde es auch leichter, einen von Mannheim gekommenen, und auf Retourfuhre wartenden Lohnkutscher zu gewinnen.
Wohl hat freudiger, wie ich, kein Deutscher die große Schiffbrücke über den Rhein bei Straßburg passirt, denn mit wonnigen Gefühlen betrat ich von Neuem Deutschlands Boden. Während die Zolloffizianten bei Kehl sich mit Visitiren meiner Effekten beschäftigten, und ich von einigen Kleinigkeiten Eingangszoll zu entrichten hatte, war mein Reisegefährte um so schneller expedirt, da er außer seinem noblen Anzuge nur noch ein kleines Päckchen bei sich führte, dessen Inhalt mir unbekannt, aber doch nichts Steuerbares enthielt.
Den 7. März, Nachts 1 Uhr, in Karlsruhe angekommen, wurde von da früh 9 Uhr die Reise fortgesetzt, und von mir, wegen vorgeschütztem Mangel kleinen Geldes, für meinen Musensohn die Zeche ausgelegt. — Wie Letzterer erzählte, war er ein Schüler der Malerkunst, welcher im Begriffe stehe, in Frankfurt einen Onkel zu besuchen, sich da zu erholen, und frische Gelder zu erheben und in Dresden das Studium fortzusetzen; er war übrigens ein fideles Haus und ein guter Gesellschafter, welcher mir noch so Manches von dem Pariser Studentenleben mittheilte.
Abends 8 Uhr trafen wir in Mannheim ein und fanden im König von Portugal Unterkommen. Von hieraus wurde, um mich eines Auftrags zu entledigen, ein Abstecher nach Frankenthal nöthig, welches Geschäft einen Tag Zeit in Anspruch nahm, und meinen Reisegefährten bestimmte, um Jugendfreunde zu besuchen, auf der Eisenbahn nach Heidelberg zu fahren, morgen aber zu rechter Zeit zurückzuseyn, und auf dem Dampfschiffe wieder vereint mit mir, die Reise nach Mainz fortzusetzen.
Gegen den Beschluß war nichts einzuwenden; doch die Zumuthung, abermals die Zeche zu erlegen, machte mich bedenklich, als aber gar noch ein baares Anlehn kontrahirt werden sollte, wurde ich stutzig und nur als die Versicherung gegeben wurde, in Frankfurt sich der Pflicht pünktlich wieder zu entledigen, und man das Ehrenwort verpfändet hatte, gab ich theilweise nach, und machte wenigstens die Fahrt nach Heidelberg möglich.