Mir selbst wurde in Frankenthal ein herrlicher Genuß. Durch Briefe aus Amerika, von meinem Freund und Kollegen in der Kupferfabrik, brachte ich den Geschwistern und der Schwiegermutter Nachricht von dem Kinde, der lieben Tochter und dem Enkelchen. Außer sich vor Freude, wußte das Mütterchen nicht, wie sie ihre Dankbarkeit beweisen sollte, nöthigte zum Kaffee und ließ die Milch dabei überlaufen; invitirte zum Wein, und vergaß über alles Fragen, solchen zu holen, welches mir um so lieber war, da ich des Guten schon genug bei den Schwägern genossen, wo ich auch übernachten mußte. — O! hättest Du ahnen, und jetzt sehen können, alter Freund, und ihr Alle, welche Gleiches zu thun willens sind, wie es für Eltern schmerzlich ist, wenn sie so weit von den Ihrigen getrennt, sie mehr als todt beweinen, diese Wunde nie verharrscht, und bei jeder Nachricht von Neuem aufgerissen um so schmerzlicher wird, gewiß, ihr würdet vor der Ausführung, von dem unglücklichen Gedanken, Vaterland, Eltern und Geschwister zu verlassen, geheilt.
Am Morgen des 9. dieses traf ich wieder in Mannheim ein doch der Maler war noch nicht zurück, und, wie zu vermuthen stand, der Philister um das Anlehn geprellt, wenn nicht während meines Aufenthalts in dem bestimmten Gasthause zu Frankfurt, das Ehrenwort eingelöst wurde.
Bei dem Bezahlen auf dem Dampfschiffe wurde der Hund als halber Passagier in Rechnung gestellt, welche Ausgabe mir weniger unangenehm war, als daß ich solchen beständig an der Leine führen mußte, da diese Bestie einem deutschen Kameraden etwas unsanft den Gruß erwiderte, welchen der Pinscher kneffend anzubringen versucht hatte.
Die unfreundliche Witterung ließ wenig von der Gegend genießen, ebenso wurde von der Bundesfestung Mainz, welche wir um 4 Uhr erreichten, wenig gesehen, da um 5 Uhr der Eisenbahnzug nach Frankfurt abging wo ich mit diesem um 6 Uhr eintraf.
Während der Fahrt, wo ich bei meinem Nachbar, einem Frankfurter, Erkundigung wegen Gelegenheit zur Weiterreise einzuziehen suchte, wurde mir eine Herberge, in welcher in der Regel die Lohnkutscher logiren sollten, und wo man auch sonst gut aufgehoben sey, empfohlen, welches mich bestimmte, daselbst einzukehren, und den vom Maler empfohlenen Gasthof nicht zu beziehen, sondern nur Letzterem wegen des verpfändeten Ehrenworts einen Besuch abzustatten.
Am andern Morgen stattete ich sogleich dem Amerikaner Herrn Bindernagel, welcher sich zur Zeit in Bornheim aufhielt und dessen Bekanntschaft ich schon in New-York gemacht, einen Besuch ab, indem ich Briefe überbrachte. Dieser begleitete mich nach Frankfurt, und auf das dasige Polizei-Bureau, um mir daselbst den Unterschied zwischen amerikanischer und deutscher Geschäftsbedienung zu zeigen, da hier die ärmern Reisenden oft Stundenlang auf Einlaß wegen Visa warten müßten, währenddem die Herren Beamten im geselligen Diskurs ihre Zeit auszufüllen suchten. — Er selbst auf dem Bureau bekannt, geleitete mich durch eine Nebenthür in dasselbe, wo ich dieses leider bestätigt fand. Schnell wurde ich expedirt; um so zahlreicher aber standen die Reisenden vor dem Hause, harrten des Rufes zum Einlaß und übten sich in Geduld. Da schien es mir doch, als wenn Herr Bindernagel nicht ganz Unrecht hätte; er behauptete nämlich, daß nur in Amerika der Mensch überall als Mensch geachtet, und, gleich welchem Wirkungskreise er angehöre, bei jeder Behörde freien Zutritt und auf schnelle Bedienung Anspruch zu machen habe. Dem Amerikaner geht nichts über seine Zeit, und Wehe dem Angestellten, welcher gegen seinen Nächsten eine Geringschätzung blicken ließ, oder auf einem faulen Pferde gefunden würde.
Während Beseitigung dieser Geschäfte war der Hund dem Hausknecht zur Verwahrung übergeben worden, Letzterer solchem aber aus dem Gefängnisse entwischt, zu dessen Wiedererlangung die Nachmittagszeit verwendet werden mußte und dadurch versäumt wurde, in dem Absteigequartier des Malers zu hinterlassen, wo ich zu finden sey. — Am nächsten Morgen hatte ich den Verdruß, zu erfahren, daß dieser mit dem gestern Abend eingetroffenen Eisenbahnzuge angekommen, der Studiosus kein Schurke, sondern eingedenk seines gegebenen Wortes gewesen sey, sogleich nach mir gefragt, beim Nichtauffinden meiner Person aber vermuthet habe, daß ich bei meiner Ankunft in Frankfurt die Stadt sogleich wieder verlassen und die Reise fortgesetzt habe. — Die vermaledeiete Bestie, der Hund, war daher abermals Ursache des erlittenen Schadens, wenn der Schuldner die Generosität nicht so weit treiben sollte, mir einmal in Weimar die Ehre seines Besuches angedeihen zu lassen, was jedoch bis zur Zeit der Niederschreibung dieses noch nicht geschehen ist. Vielleicht kommen ihm diese Zeilen zu Gesicht und erinnern ihn an den alten Reisegefährten und sein gegebenes Wort.
Am Morgen des 10. März wurde von Frankfurt aus die Reise mit der von einer Privatgesellschaft errichteten Eilfuhrgelegenheit[65] fortgesetzt. Leider war aber hier Eile mit Weile gepaart, da bei jedem aus einem Haus herausschauenden Arme, Pferde und Menschen getränkt wurden, weshalb wir erst spät in Fulda ankamen. Statt aber unverweilt den Wagen zu wechseln, hielt der Herr Wirth für räthlicher, die Passagiere die zweite Hälfte der Nacht zu beherbergen und erst am Morgen die Tour fortzusetzen.
Das zweite Nachtquartier wurde in Eisenach gehalten, und der 13. März war der mir ewig unvergeßliche Tag, an welchem ich wieder in dem lieben Weimar eintraf und im Kreis meiner Familie von den Strapazen dieser Reise mich erholen konnte.