Die Zeit, welche der Auswanderer in Bremerhaven zubringen muß, langweilt sehr, da das ewige Einerlei durch Nichts unterbrochen wird, zumal wenn man die Gasthäuser meidet, wo öfters die Matrosen mit Erstern karambuliren; ich hielt mich daher gewöhnlich in einem Schiffswerft auf, wo mir durch Zuneigung der Arbeiter Gelegenheit ward, Manches, was Bezug auf Schiffsbau und Seereise hatte, kennen zu lernen. Um so öfterer wurde aber die Nachtruhe gestört, wie ich solches schon erwähnt und folgender purlesker Auftritt bezeugen wird: Durch Beihilfe des Untersteuermanns hatten sich zwei Juden als blinde Passagiere mit auf das Schiff begeben, ohne daß dieses irgend einem der übrigen Reisenden aufgefallen war. Da dieselben sich aber unpolitisch genug des Nachts zu weiblichen Personen gesellten, so wurde die Eifersucht rege, die Liebhaber der Schönen wurden erwischt und aus dem Versteck geworfen.
Durch den Lärm wurden Alle wach und da es Mehre schon längst auf die Israeliten abgesehen hatten, so wurde sofort bei dunkler Nacht ein förmliches Treibjagen nach den geängstigten Juden gehalten. Gleich gehetzten Rehen, von den Hunden verfolgt, deren Gebell treu nachgeahmt wurde, suchten die Armen Schutz in den Schlafstellen ihrer Genossen, da das Entrinnen unmöglich und der Ausgang besetzt war. Die Jäger, immer auf den Fersen und die Lust, sich unerkannt das Müthchen zu kühlen, spendeten der Jagdhiebe viele, und Mancher erhielt so, was man ihm längst zugedacht hatte. Zum Glück brachte der Obersteuermann Licht und hinter Fässern wurden die Gesuchten entdeckt, ergriffen und noch diese Nacht dem Gericht überliefert.
Die bis zum 4. Juli konträr wehende Luft hatte sich mehr zu unsern Gunsten gewandt, welches den Kapitän bestimmte, das Schiff am 5. durch den Lootsen aus dem Hafen bringen zu lassen, um solches neben drei andern, ebenfalls zur Abfahrt bereit liegenden Schiffen vor Anker zu legen, bis der Wind vollends sich gedreht und so die Fahrt schnell und sicher zwischen England und Frankreich durchgehen könne, da Seitenwind leicht nach dem nahen felsigen Ufer treibt, wo schon manches Fahrzeug auf Untiefen gestrandet ist.
Der heutige Tag wurde von den Amerikanern festlich gefeiert, die Flaggen aufgezogen und herrlich gelebt, da der 4. Juli, weil an solchen 1776 die Unabhängigkeit von englischer Herrschaft verkündet war, hoch in Ehren steht. Auch unsere Matrosen trugen das Ihrige bei und kamen erst spät am Abend benebelt auf dem Schiffe an, wo sie das vom Ufer nach dem Fahrzeug gelegte Bret auf allen Vieren passirt hatten.
Am 5. d. beim Grauen des Morgens mahnte schon des Obersteuermanns Stimme zum Aufbruch und bald rufte der Gesang der Matrosen beim Ordnen des Tauwerks die Passagiere auf das Verdeck, um noch einmal das nahe Ufer zu sehen; die aufgehende Sonne spiegelte sich in mancher Thräne, welche bei der Trennung vom Vaterland den Zurückgebliebenen geweint wurde. Ein dumpfes Lebewohl schallte in die Lüfte, aber die Geliebten, welchen es galt, vernahmen es nicht.
Unwiderstehlich zog es mich nochmals auf die Erdscholle, welche mein Vaterland mit einschließt, um am Ufer unbelauscht den mannigfachen Gefühlen, welche in dieser Scheidestunde meine Brust beengten, durch Thränen Luft zu machen. War es Ahndung einer beschwerlichen Seereise, oder wie soll ich das Grauen nennen, welches sich meiner bemeisterte, als ich das Schiff von Neuem besteigen wollte. Furcht vor Gefahren war es nicht, denn diese kannte ich nicht, da eine innere Stimme mir zurief: Du siehst die Deinen wieder! und doch hing zentnerschwer der Boden unter meinen Füßen, als wolle er mich zurückhalten auf Deutschlands Erde. Nur eines Gedankens war ich mächtig, an Weib und Kinder, und ihr Bild stand vor meinem Herzen. Heilige Vorsätze glühten in meiner Seele und meine Lippen stammelten Segen für die Zurückgebliebenen. Unaufhaltsam flossen die Thränen, da der Schmerz mich übermannte. Fieberkrank nahm ich das Schiffslager ein, um es sobald nicht wieder zu verlassen.
Ich selbst durfte von dem gesalzenen Fleisch nur wenig essen, noch weniger von dem Wasser trinken, welches zur Seereise bestimmt war, da dieses bei mir Erbrechen verursachte. Der Kaffee mußte daher das Beste thun.
So sind denn dieses die letzten Zeilen, welche ich an Euch, meine Lieben, von hieraus schreibe, und auf Gott vertrauend, treten wir die große Seereise an. So lebt denn Alle wohl! und bin ich auch fern, so ist doch mein Geist stets um und neben Euch.