Bei dem Kochen des Kaffees, der für alle Passagiere im großen Kessel gebraut wurde, trat sehr oft der Fall ein, daß entweder zu viel oder zu wenig von diesem Labetranke bereitet worden war, indem die dazu beauftragten Personen nach ihrer eigenen Willkühr die Quantität Wasser dazu bestimmten; als aber noch durch den immer mehr und mehr abnehmenden Kaffeegeschmack die Erfahrung gemacht wurde, daß die sich mit dem Mahlen der Kaffeebohnen beschäftigten Personen das Metzen nicht vergaßen, so wurde fortan der gebrannte Kaffee in gleichen Portionen an jede Schlafstelle vertheilt, und Jedem selbst überlassen, wie viel er von dem kochenden Wasser verwenden wolle. Mit dem Thee verblieb es jedoch beim Alten, da derselbe reichlicher gespendet und von den Passagieren weniger begehrt wurde, weil derselbe bei mangelndem Zucker, Milch und Rum, in fauligem Wasser gekocht, bald Jedem widerstand.

Am Abend des 21. starb ein 19jähriges Frauenzimmer, welches schon kränklich das Schiff in Bremerhaven bestiegen und vom letzten Sturme vollends erschöpft und aller Hülfe entbehrend den Beschwernissen der Reise unterliegen mußte. Das Begräbniß erfolgte sogleich am folgenden Morgen, nachdem die Leiche in den Strohsack eingenäht worden, um die Schlafstelle, wo noch drei andere Passagiere mit placirt waren, zu reinigen. Kein Drängen der Reisenden zum Begräbniß, wie ich vermuthet hatte, fand statt, obgleich ein solcher Fall während der Fahrt noch nicht vorgekommen war. Alles scheute den Tod und blieb zurück. Nur der Bräutigam der Seeligen half den Matrosen beim Transport der Leiche aus dem Zwischendeck.

Da ich selbst nicht vermögend war das Lager zu verlassen, bat ich meinen Neffen, der Armen die letzte Ehre zu erzeigen und mir die dabei üblichen Formen und Gebräuche zu berichten, indem ich mir das Zeremoniel beim Einsenken in die See noch rührender als auf dem Lande dachte. Doch weder Steuermann noch sonst ein Anderer vertrat die Stelle des Geistlichen, kein Kapitän ließ sich sehen, alles blieb ruhig und so wurde die Leiche auf ein Bret gebunden, mit zwei Kugeln beschwert und ohne Sang und Klang in das Wasser hinabgelassen, wo sie alsbald ein Raub der Fische ward, welche, die Leiche witternd, das Schiff in Unzahl umschwärmten.

Am 25. wurden drei Schiffe bemerkt, welche gleich unserm Fahrzeug die Richtung nach Amerika nahmen, sich aber ziemlich entfernt hielten und, bald sichtbar bald nicht, den Passagieren einige Tage die Zeit verkürzten.

Als am 27. von einer Elsasser Familie das im Holzkübel gefaßte Mittagsbrot auf der neben der Treppenleiter stehenden Kiste verzehrt werden sollte, sah sich der besorgte Vater einer Judenfamilie genöthigt, das Schiff von einem mephitischen Geruche zu befreien, ward aber noch auf der Treppe von einer überschlagenden Welle getauft, wodurch er das Gleichgewicht verlor und mit seinem Nachtgeschirr zwischen die Elsasser fiel. Voller Wuth stürzten die Letztern den vollen Kübel mit den so verdorbenen Erbsen über den Kopf des vor Schreck halbtodten Juden, welchen auf seinen Hülferuf die Glaubensgenossen wieder zu befreien suchten; aber der schlüpfrige Boden, verbunden mit dem Schaukeln des Schiffes, machten das Feststehen unmöglich, und so fiel Einer über den Andern, welches sattsamen Stoff zum Lachen gab.

Am 31. verfolgten zwei junge Wallfische das Schiff, welche durch das fontänenartige Aussprudeln des Wassers den Passagieren zur Belustigung dienten. Besonders aber bringen bei warmer Witterung und ruhiger See die Meerschweine (Delphine) eine Abwechselung in das alltägliche Leben, da solche oft in stundenlangen Linien, einer hinter dem andern, zwei bis drei Schuhe hohe Sprünge über die Wasserfläche machen.

Ich selbst, der bis jetzt das Lager noch nicht verlassen, heute mich aber besonders wohl fühlte, wünschte dieses Schauspiel zu sehen und das Entzücken zu genießen, welches der Anblick des unendlichen Meeres zum ersten Mal auf den Menschen ausübt. Ich suchte daher mit Hülfe meines Neffen, da ich nicht vermögend war allein zu gehen, das Verdeck zu ersteigen und, am Mittelmast gelehnt, genoß ich in vollen Zügen die reine heitere Luft. Doch ein Blick auf das Meer ließ mir solches erscheinen, als wenn es tief in den Abgrund versinke und eben so schnell wieder zu den Wolken sich erhebe. Schwindel ergriff mich, Alles drehte sich mit mir im Kreise, es stellte sich das Erbrechen ein und zwar mit einer solchen Heftigkeit, daß ich mehr todt als lebendig zurück in das Verdeck getragen werden mußte.

Vier Wochen war ich also auf dem großen Weltmeere herumgeschwommen, ohne von der unermeßlichen Wassermasse, die uns umgab, Etwas gesehen zu haben, und würde vergessen haben, wo ich mich befand, wenn das geräuschvolle Anschlagen der Wellen nicht daran erinnert hätte.