Zehnter Brief.

New-York im August 1839.

Fortsetzung.

Bis Anfang August war die Fahrt bei allen ausgestandenen Gefahren und Beschwerden immer noch für die gesunden Passagiere erträglich gewesen, da bei den Meisten der in Vorsorge mitgenommene Extra-Proviant oder sonstige Leckereien ausgeholfen hatten. Dieses war aber jetzt verzehrt und nur auf die Schiffskost und das nicht mehr zu genießende stinkende Wasser blieb man beschränkt, welches Letztere ohne Zusatz von Essig nicht mehr getrunken werden konnte, wenn man auch während des Einfüllens die Nase verstopfte. Der Kaffee und Thee, in diesem Wasser gekocht und beim Mangel von Zucker, Rum und Milch, waren mehr als Brechmittel wie Labsal zu betrachten, und halfen nur als Uebergüsse den ans Roggenkleie steinhart gebackenen Schiffszwieback zu erweichen und so genießbar zu machen. Besser bekam und füllte die mehr und mehr ausgehungerten Magen früh und Abends der vorher eingeweichte, stark mit Pfeffer und Salz bestreute Zwieback, welcher, mit kochendem Wasser überbrüht, eine an Geschmack, doch mehr dem Aussehen nach, Wurstsuppen ähnliche Speise lieferte, welche in der Dunkelheit genossen, trefflich schmeckte, da hier weniger zu unterscheiden ist, was für Extra-Zusätze sich in der Speise befinden, welche zuweilen die Hals-Passage zu verstopfen drohen.[27] Fast aber mehr als alles Dieses machte das Ungeziefer den Passagieren das Ende der Reise wünschenswerth; da außer Wanzen, Flöhen, Ameisen, großen und kleinen Schwaben[28], die Läuse auf eine so furchtbare Art überhand nahmen, daß Männer und Frauen halb nackend sich möglichst zu reinigen suchten. Das Alles gab vorzüglich des Nachts Veranlassung zu lauten Klagen, und manche Frau verwünschte den Mann, der sie und die Familie durch süße Schilderungen der schönen Reise und lockender Zukunft zur Auswanderung vermocht. Doch jetzt war es zu spät; nur Geduld allein macht den reuigen Schritt weniger fühlbar.

Nicht zu beschreiben ist, wie lange Einem unter solchen Umständen die Tage und mehr noch die schlaflosen Nächte werden, überhaupt wenn man nicht vermögend ist, eine Viertelstunde lang lesen oder schreiben zu können, um sich mit Lektüre die Zeit zu verkürzen.

Der Glaser R. war eben so stark, wie ich, von der Seekrankheit heimgesucht, und mußte während der Dauer der Reise das Lager hüten. Jede heftige Bewegung des Schiffs erneuerte das Brechen bei ihm und erst auf dem festen Lande erhielt derselbe die geschwundenen Kräfte wieder.

Der Zimmermann S. glich mehr einem Skelett, als einem lebenden Menschen, da ihm Blutstürze verboten, von der gelieferten gesalznen Schiffskost Etwas zu genießen und er nur das Leben mit wenig Suppe fristete, die ihm der Schiffskoch aus Erbarmen reichte. Frau und Kinder hatten unter solchen Umständen viel zu ertragen, da Ersterer selbst der Abwartung bedurfte und nichts zur Bequemlichkeit der Familie beitragen konnte. Manches harte Wort mußte der Kranke von der Frau vernehmen, welche mehr gezwungen, als freiwillig die Heimath verlassen hatte.

Die Schuhmacherfamilie F. war abwechselnd gesund und krank, nur der alte Großvater hielt sich tapfer, wurde wenig seekrank, hatte immer Appetit und diente so Jedem zum Muster.

Der Seiler S. war ebenfalls mit seiner Frau gezwungen, die Hälfte der Reise das Lager zu hüten; später befanden sie sich aber wohl.

Der Metzger R., Anfangs gesund, war aber unmäßig im Essen und Trinken und mußte deshalb als gerechte Strafe die letzte Zeit hart dafür büßen; er konnte vierzehn Tage lang Nichts genießen und betrat äußerst schwach den amerikanischen Boden. Mein Neffe war der Einzige, welcher nie erkrankte, immer auf den Beinen und mit einem Appetit begabt war, daß ihn jede Speise labte.