Die Windstille am 3. August machte abermals den Wunsch in mir rege, ein auf uns zusegelndes Schiff ankommen zu sehen, um das Gespräch der Kapitäns zu belauschen. Ich ließ mich, da ich allein noch nicht gehen konnte, wieder auf das Verdeck tragen und am Mittelmast absetzen, wo ich hauptsächlich vermied, den Blick auf das Wasser zu richten, um nicht neuen Schwindel zu erwecken. Wohlthätig wirkte die reine belebende Luft, welche ich so lange entbehrt, auf mich ein und die Ruhe, deren wir bei der Windstille auf dem festgebannt scheinenden Schiff genossen, trug dazu bei, Kopfweh, Taumel und Uebelkeit zu verscheuchen, und schon glaubte mein immer reger Geist, daß die Füße den magern Körper zu ertragen vermöchten. Jetzt war das Schiff nahe, doch war mein Neffe, mich zu unterstützen nicht da, weshalb ich allein die Blanke zu erreichen suchte. Aber in dem Moment ward das Schiff, um es dem Andern zu nähern, am Steuer gedreht, wodurch dasselbe hinüber und herüber schwankte, ich zum Fallen kam und gleich einer Tonne dem Schiff entlang rollte. Alles wollte vor Lachen bersten, über den Alten, wie man mich zu nennen pflegte, der gleich einem Betrunkenen nicht stehen konnte.
Das Schiff kam von Petersburg, hatte Korn geladen und segelte nach Boston.
Mattigkeit abgerechnet, war ich während der ganzen Reise nie so wohl gewesen, deshalb beschloß ich, vom Verdeck aus die Sonne untergehen zu sehen. Welch ein herrlicher Anblick! Wie ein Feuermeer lagen die Wolken rings um uns und versilberten den Wasserspiegel, aus welchem unzählige große und kleine Fische auftauchten. Von einem solchen Standpunkte aus fühlt man sich erst recht gedrungen, Gottes Allmacht zu bewundern. Auf dem Meere erst, wo der Mensch nicht, wie häufig auf dem Lande, vor Gefahr sich sicher glaubt, und im Selbstvertrauen sich dort mehr als hier von seinem Schöpfer unabhängig wähnt, fühlt man so recht seine Ohnmacht. Wo die Sonne gleichsam als Auge Gottes tief in das Innere des Menschen einzudringen sucht, da lernt man erst recht einsehen und begreifen, was der Mensch und dessen Bestimmung ist und daß man überall abhängig von dem ist, welcher Alles regiert und einst Rechenschaft fordert von unserm Thun und Lassen. Um wie glücklicher und beruhigter ist man auf dem großen Ozean, wenn man mit gutem Gewissen sagen kann: „Herr dein Wille geschehe! Mein Ende sey nahe oder fern!“ Wie ganz anders muß dem Bösewicht zu Muthe seyn, welcher in jedem Ungemach die gerechte Strafe zu erkennen glaubt.
Der milde Abend hielt mich noch immer auf dem Verdeck zurück, als die Nacht ihre dunkeln Fittige schon über das Meer ausgebreitet und von Millionen der glänzendsten Sterne am gewölbten Himmel erleuchtet wurde. Alles tummelte sich nach den Tönen einer Harmonika auf dem Verdeck, bis der Steuermann, des Lärmens müde, Feierabend gebot.
Fest schlief ich die Nacht, da die nicht gewohnte Seeluft ermüdet, und im Traume sah ich mich schon von Neuem auf dem Verdeck lustwandeln, als mein Neffe zur Empfangnahme des Kaffees weckte und dabei die Kunde gab, daß schwarze, sich zusammenziehende Gewitterwolken, sowie der dumpfe Donner das Herannahen eines Gewitters verkündeten.
Der Kapitän, vorsichtig wie immer, ließ die Segel einziehen; doch war die Mannschaft damit noch beschäftigt, als sich das Unwetter schneller als man vermuthete, nahete und der Wind das Schiff nach allen Richtungen peitschte. Die Luken wurden sogleich verschlossen und, in nächtliches Dunkel versetzt, suchte Jeder sich an seinem Lager festzuklammern.
Nichts ist schrecklicher zur See, als ein schweres Gewitter, indem man bei herannahendem Sturm sofort am hellen Tage durch Verschließung aller Schiffsluken in dichte Finsterniß versetzt wird, und das Rollen des Donners, sowie das Anschlagen der ungestümen Meereswellen daran erinnert, wie nahe man dem Feuer- und Wassertode ist. Das Schiff wurde im Wirbel herumgetrieben, bald hoch in die Luft, bald tief in den Abgrund geschleudert. Alle Effekten im Zwischendeck wurden losgerissen und herumgeschleudert; selbst die Passagiere hatten große Mühe sich fest zu halten. Bei Vielen stellte sich die Schiffskrankheit sogleich wieder ein, und abermals mußten wir das Unangenehme, in den untern Schlafstellen zu liegen, schrecklich empfinden, da wir, wie unter einer Dachtraufe liegend, von oben her tüchtig begabt wurden. Mich selbst brachte das Erbrechen wieder so von Kräften, daß ich fest glaubte, das Ende meines Lebens sey nahe, da ich keiner Besinnung mehr mächtig, nicht wußte, was um und neben mir vorging. Erst als die Schiffsluken wieder geöffnet und frische Luft eindringen konnte, erholte ich mich nach und nach wieder. Mein Neffe, besorgt, mich auf dieser Wasserreise noch zu verlieren, wollte vom Schiffskoch etwas Suppe für mich erbitten, hatte aber, gleich jenem Juden, das Unglück, durch eine überschlagende Welle von der Treppenleiter gespült zu werden und sich beim Herabstürzen den Kopf zu beschädigen.
Durch diesen Vorfall ängstlich geworden, getraute sich keiner der Passagiere, an welchen heute das Kochgeschäft war, auf das schaukelnde Verdeck, weshalb solches unterblieb und die hungrigen Magen auf den folgenden Tag verwiesen wurden.
Hatte ich mehrmals schon während der Reise bereut, dieselbe nicht als Kajütenpassagier unternommen zu haben, so war es besonders der heutige Tag, an dem ich alles Unangenehme, welchem ein Zwischendeck-Reisender ausgesetzt ist, doppelt zu fühlen glaubte, da hier jeder Genuß, jede Stärkung des Kranken fehlt, und den erschlafften Magen statt mit Brühe von frischgeschlachtetem Federvieh zu stärken, solchem nur gesalzenes Fleisch und stinkendes Wasser zugeführt werden kann.