Obgleich die Nacht empfindlich kalt, so rannte doch der heiße Schweiß mir von der Stirne, wobei die Glieder zitternd wankten und mir den Dienst zum Weitergehen versagten. Nach kurzer Ruhe wollte ich mich mehr links vom Wasser entfernen, als das Gestein mich zum Fallen brachte, und bis an den Abhang stolpernd, verlor der Körper das Gleichgewicht so daß ich hinab in die spitzigen Steine fiel. Blutend lag ich lange, ohne daß ich durch den Schreck Etwas von Schmerzen empfunden hätte, bis mich die Angst von Neuem zum Aufbruche mahnte. Doch jetzt wurde ich erst gewahr, daß mir beim Fall das Hutfutteral entkommen war. Solches wieder zu erlangen hielt weniger schwer, als die daraus entschlüpfte Brieftasche nebst Tagebuch zu finden, und lange suchte ich in dunkler Nacht vergebens; ich hätte das Erstere gern entbehrt, wenn ich nur zu dem Wiederbesitze des Letztern gelangt wäre.
Mein Geschick verwünschend und unzufrieden mit mir selbst, wollte ich ohne die verlorenen Sachen von Neuem den Wanderstab ergreifen, als die Töne eines Hornes die Nähe von Kanalbooten verkündete, deren Schein der Leuchten, wegen des zwischen mir und der Wasserstraße liegenden Dammes, nicht wahrgenommen werden konnte. Zu meinem Glück waren Passagiere auf dem Fahrzeuge, welche deutsch verstanden, und der Kapitän, durch diese von dem mich betroffenen Mißgeschick unterrichtet, ließ nicht allein sein Boot anhalten, sondern verband auch mit eigener Hand die Wunden am Kopfe und versah mich mit einer Handlaterne, durch welche es möglich gemacht wurde, die verlornen Sachen wieder aufzufinden.
Solch Handeln eines so braven Mannes verdient der Vergessenheit entrissen zu werden, da in Amerika wohl nicht ein Dutzend solcher anzutreffen ist, welche einem Verunglückten Beistand leisten. Auch ein besserer Pfad wurde mir gezeigt, dicht am Wasser hin, geebnet für den Gang der Pferde, auf welchem es möglich war, nach scharf fortgesetztem Marsche und dem vorkommenden Aufenthalte der Boote, beim Passiren der Schleusen, am Morgen mein Fahrzeug noch zu erreichen, wo ich ganz erschöpft aufs Lager sank. Doch auch hier war mir wenig Ruhe vergönnt, da sich eine böse Sybille mit auf dem Schiffe befand, welche dem lieben Mann, der sie wider Willen, wie Viele seines Gleichen, zur Auswanderung verleitet, die bittersten Vorwürfe machte, Mörder ihrer Kinder nannte, indem zwei derselben während der Seereise gestorben und ein drittes noch jetzt krank darnieder läge. Leider! verstand der Mann selbst nicht zu schweigen, und gereizt, sich so weit vergaß, Hand an das gebrechliche Weib zu legen, und diese nun durch die Stimme ersetzte, was ihr an Kraft zur Gegenwehr mangelte. Tiefen Eindruck machte der Vorfall auf Alle, und ich fühlte mich um so glücklicher, da ich die Meinen im sichern Hafen wußte, und nur allein dem Wechsel des Geschicks auf dieser beschwerlichen Reise unterworfen war.
Der Ton eines Hornes, wie ich schon in voriger Nacht vernommen, erweckte die Neugierde, und so verließ ich von Neuem das Lager, um zu sehen, was solcher bedeute. Es war das Zeichen, welches den Schleusenwächtern die Ankunft des Schiffes verkündete, und das Verlangen nach frischen Pferden zu erkennen gab, da man solche alle 2–3 Stunden wechselt.
Gewöhnlich sind zwei hintereinander gespannt, bei Paquetbooten aber, da solche meist im Trabe gezogen werden, verwendet man 3–4 Pferde, welche auf den längs des Kanals laufenden schmalem Wege gehen, der auch unter den vielen über den Kanal geschlagenen Brücken hinwegläuft. — Die Führer der Rosse, welche auf dem hintersten Pferde reiten, verstehen durch das Anhalten der Thiere zur rechten Zeit das Tau ihres Bootes im Wasser zu versenken, wodurch das entgegenkommende Fahrzeug, ohne sich in die Leinen des andern zu verwirren, über solche hinwegfährt und beide sich so geschickt auszuweichen verstehen.
Der Durchgang von einer Schleuse in die andere, wird in einigen Minuten bewerkstelligt, und hält demnach die Fahrt im Ganzen nicht sehr auf.
Der Kanal längs des Mohawk-Flusses führt in gerader Richtung durch unermeßliche Waldungen und gut angebaute Thäler, wo man die Orte Thowaship, Amsterdam und Rotterdam erblickt, doch nur in Duodez-Ausgaben, da erst einigen Häusern diese Namen beigelegt worden sind. — Ueber einige Bäche und Flüsse wird der Kanal in Bohlen-Einfassung, welche auf Pfeilern ruhen, geleitet, welche für die Pferde mit Trottoirs versehen sind, oder durch das seichte Flußwasser selbst gehen. Da wo der Kanal die beiden Flüsse durchkreuzt, woraus solcher meist sein Wasser erhält, werden die Pferde, der Tiefe halber, mittelst einer Fähre übergesetzt.
Mit Anbruch der zweiten Nacht passirten wir ein enges, doch fruchtbares Thal, welches von wohlhabenden Farmern, wie solches die netten Häuser verriethen, bewohnt ward. Auch mehrere Sägemühlen befinden sich in dieser Gegend.
Am Morgen des 7. unternahm ich bei herrlicher Witterung mit drei Amerikanern längs des Kanals einen Streifzug, welcher sich aber leider nur auf Eichhörnchen erstreckte, da das Geflügel, fortwährend von Reisenden verscheucht, sich mehr in das Innere der Wälder zurückzieht. — Mit Erstaunen bemerkte ich, daß die Amerikaner sehr gute Schützen sind, da solche mit ihren langen Röhren, woraus sie Hirschposten schießen, jedesmal den Kopf des Eichhörnchens vom Rumpfe holten. — Meine Gefährden, darüber ärgerlich, daß es nichts zu schießen gab, was einen guten Braten versprach, wurden jetzt eine Heerde zahmer Gänse gewahr, welche auf dem Flusse an der Seite des Kanals schwammen, und ohne sich lange zu besinnen, legten sie an und, als es knallte, sanken dreien die Köpfe. Eine wurde vom Wasser mitgenommen, die andern beiden aber schwammen noch bis zur Insel, auf welche die Nichtgetroffenen sich retirirten, blieben aber entkräftet am Ufer liegen. — Lange sannen die Schützen, was zu thun sey, da das Wasser nicht tief und es die Braten zu holen erlaubte, doch Keiner wagte sich in die Fluthen und ließen, vorwärtsschreitend, den Raub im Stiche.
Nicht sowohl wegen der Beute selbst, als vielmehr um den Schützen zu zeigen, daß sie wohl verstanden eine Gans zu schießen, aber nicht die Courage hätten, das Erlegte zu holen, entschloß ich mich rasch, und schritt entkleidet der Insel zu. Gespannt standen jetzt die Erstern von fern, und lauschten des Ausganges, ohne mich vor der Gefahr zu warnen, welche mir drohete, die, wie sie später selbst erwähnten, ihnen nicht unbekannt gewesen, da sie die Bauern am jenseitigen Ufer hinter Gebüschen versteckt gesehen hätten. — Schon hatte ich die eine Gans gefaßt und noch drei Schritte vorwärts bis zur andern, als rasch hinter einander zwei Kugeln vom jenseitigen Ufer abgeschosen vor mir niederschlugen, mich aber, zum Glück noch außer Schußweite, nicht verletzten. Wie ein Donnerwetter machte ich Kehrt, um einer zweiten Ladung zu entgehen, und erreichte glücklich, mit einer Gans, das Gestade. Jauchzend wurde ich empfangen, und der Braten im Triumph dem Koche übergeben. Mir selbst aber verging aller Appetit, denn wie leicht wäre nicht mein Vorwitz hart bestraft worden.