Bis zum Chippeway-Strome, der zwischen dem Erie- und Ontario-See in ihn hineinstürzt, fließt er langsam und still, dort aber, enger zwischen Felsen geklemmt und von dem Wasser des Chippeway verstärkt, wird er unruhig, und sein Fall reißender. Stürmend kämpfen seine Wellen gegen Klippen und Felsen an, die ihm den Weg versperren wollen. Zwei Inseln spalten den Fluß in drei Theile, welche sich aber stürmisch wieder vereinigen, und dann mit mächtigem Ungestüm in den über 150 Fuß tiefen Abgrund hinunter stürzen. Die Breite des Flußbettes beträgt vor dem Sturze gegen 4000 Fuß, in welchen die wildkämpfenden Wogen durcheinander wüthen, bis sie am Fuße des Falles sich wieder vereinigen und ihren Lauf friedlich fortsetzen.
Die Masse der niederstürzenden Fluthen, von unten herauf gesehen, scheint aus dem Himmel herabzufallen, um sich in einen bodenlosen Abgrund begraben zu wollen. Die Felsenlager, welche unterhalb einige Absätze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden Wassersäulen zu zersplittern und zu zerstäuben. Man steht inmitten eines ewigen betäubenden Donners, während rings umher die ganze Natur, wie von Entsetzen erstarrt, schweigt. Aus der Tiefe, wo alles kocht und gährt, steigen silbergraue Staubwolken und Wassersäulen hastig empor, um von Nachkommenden wieder ereilt und zerstört zu werden. Sie heulen in allerlei Tönen zwischen den Klippen die gräßlichsten Stimmen, bis sie im Abgrunde durch das einförmige Brausen übertönt werden.
Die Felsen von beiden Seiten gehen schroff hinab, es ist aber eine hölzerne Treppe angebracht, auf welcher man bis zur tiefsten Stelle des Flusses steigen kann. Ein Führer geleitete uns hinab, allein man wird in seinen Erwartungen betrogen, da alles in Schaum und Dampf eingehüllt, keinen imposanten Anblick gewährt, und der feine Regen, vom Wasserstaub verursacht, bald zum Rückwege nöthigt.
Um an das gegenseitige Ufer zu gelangen, wo man, wie unser Führer versicherte, vom Table-Rock (Tafelfelsen) aus, die schönste Aussicht nach dem ganzen Falle genießen soll, bestiegen wir einen kleinen Nachen, welcher uns in einer halben Stunde mitten durch die wüthenden Wellen nach dem kanadischen Ufer brachte. Während der Ueberfahrt hat man nochmals die schönste Gelegenheit das Bild obiger Verwandlung zu übersehen. Das kanadische Ufer ist ebenfalls wie das jenseitige, der schroffen Felsen halber, mühsam zu ersteigen; doch bald bietet sich Gelegenheit, in einem nahen Gasthause sich zu erholen.
Obgleich es Herbst war, trafen wir hier doch viele Reisende, welche die großartige Naturerscheinung herbeigelockt, und da so eben eine Parthie zu dem Table-Rock abging, so schlossen wir uns an. — Auf diesem sich weit ins Wasser hervorstreckenden Felsen, welchen dieses Element ganz unterwaschen hat, genießt man in der That mit einem Blick das Ungeheuere des großen Schauspiels.
Fortwährende Fieberschauer nöthigten mich, bis zum Abgange des Dampfbootes, auf welchem wir die Reise nach dem 6 Stunden entfernt liegenden Buffalo machten, die Nähe des Feuers zu suchen, und wohlthuender und erquickender wirkte dieses Element auf mich ein, als es die großen Wassermassen gethan hatten.
Neunzehnter Brief.
Reise nach Cincinnati.