Der große Erie-Kanal geht hier mittels einer steinernen Brücke von 780 Fuß Länge über den Genesse-Fluß; letztere hat 11 breite Bogen von 40–50 Fuß Weite und ist mit einem eisernen Geländer versehen. Ein Trottoir für die Pferde geht längs der einen Seite. Dieses großartige Werk führt eine durch Kunst und ungeheuren Geldaufwand geschaffene Wasserstraße über einen breiten natürlichen Fluß.

Am folgenden Morgen fühlte ich mich äußerst unwohl, da ein Wechselfieber mich heftig schüttelte, wie solches meinen beiden deutschen Reisegefährden, dem Einen mehr, dem Andern weniger, ebenfalls begegnete, indem wir uns gestern bei der ungünstigen naßkalten Witterung eine Erkältung zugezogen hatten. Es wurde daher beschlossen, hier zu bleiben, uns gut abzuwarten und erst morgen die Reise fortzusetzen. Die zweite Nacht fühlte ich mich noch kränker und so gern ich auch hier länger verweilt hätte, so trieb doch die späte Jahreszeit, welche kein Säumen erlaubte, wie mein unruhiger Geist selbst, von Neuem in den Wagen. Fest in die Mantel gehüllt und in die Wagenecken zurückgelehnt, wurde wenig von der Gegend, welche wir passieren, gesehen und die ewigen Schauer, welche die Zähne unwillkührlich zusammenschlugen, verbitterten den Vorgeschmack des großen Naturereignisses, worauf ich mich so lange gefreut und wir schon, obgleich noch vier Stunden weit vom Wasserfall entfernt, sein Brausen vernehmen konnten. — Mit einbrechender Nacht hielt der Wagen in dem am Ufer des Niagara-Flusses gelegenen Louristoba an, wo ich mich sogleich bis über die Ohren ins Bett begrub und zu schwitzen versuchte, ohne etwas Speise und Trank zu mir zu nehmen.

Umsonst war mein Bemühen den erquickenden Schlaf herbeizulocken. Die aufgeregte Phantasie hielt mich wach und meiner selbst nicht recht bewußt, schwebte der Geist im Fiebertraum aus der Vergangenheit in die Zukunft über. — Also hier, so weit von den Meinen entfernt, in den unermeßlichen Wäldern Amerikas, hier also, so nahe am Ziele des lang gehegten Wunsches, den größten der Wasserfälle mit eigenen Augen zu sehen, sollte ich vielleicht das Daseyn enden? — Und von bösen Träumen erwacht, richtete ich mich hastig auf und fühlte mich noch stark genug, selbst mit den Wilden zu kämpfen; dann hörte ich, wieder entschlummert, die lieben Kinder nach dem Vater fragen, welchen sie schon so lange vermißt und sehnlich seiner Rückkunft harrten. Immer nur vorwärts trieb’s mich, um dann um so schneller in die Heimath zurückzukehren, da nur der Körper schwach war, dieser aber nicht den regen Geist zu zügeln vermochte. So mag’s denn kommen wie es will! Fort und immer weiter führt es dem Ziele zu!

Noch war es Nacht und ein sanfter Schlummer suchte die matten Glieder von Neuem zu stärken, da der Geist sich abgetobt, denselben die Ruhe gönnte, als man uns weckte, weil nach dem Wunsche der übrigen Reisenden, bald aufzubrechen, der Wagen dazu bereit sey. So ungern ich auch das Lager verließ und meine Freunde mir riethen, länger zu verweilen, so raffte ich doch alle Kräfte zusammen, da die Füße noch nicht den Dienst versagten und bestieg, fieberkrank, den Wagen.

In kurzer Zeit war der Fuß eines Hügels erreicht und auf der Höhe angelangt, entfaltete sich dem Auge ein herrliches Gemälde, welches Alle hoch entzückte. Nur für mich verlor es viel von seinem Reiz, da das trübe Auge nicht vermögend war, das verstimmte Gemüth von Neuem zu begeistern.

Noch umhüllte ein blauer Nebelschleier den Gesichtskreis und mit bangem Sehnen sah Alles der aufgehenden Sonne entgegen, da man einen unfreundlichen Tag befürchtete, gleich denen der letztvergangenen Zeit. Doch bald fing im Osten der Himmel an, sich allmählich zu röthen und die Sonne lüftete den Schleier. Fantastisch gestaltete Wolkengebirge wetteiferten an Schönheit mit der romantischen Gegend und zogen den trunkenen Blick von der Erde zum Himmel. — Zu unsern Füßen breitete sich der Ontario-See aus, in dessen Spiegel sich die Strahlen der aufgehenden Sonne brachen. Nordwärts begrenzte den See der breite dunkle Raum von Canada’s unübersehbaren Wäldern, westwärts ein langer blauer Streifen von Gebirgen. An der Ausmündung des Niagara-Stromes stehen zwei Festen, am Canadischen Ufer die St. Georg-, auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten die Niagara-Feste. Aus dem Hintergrunde schimmerten am jenseitigen Ufer des Ontario-Gestades, Kirchthürme und Gebäude aus der Ferne hervor, welche dem Städtchen York angehörten, das acht Stunden von uns entfernt lag. Nach der Mittagsseite zu sieht man in der Ferne eine mächtige Dampfsäule aus dem Schooß der Erde in die Lüfte wirbeln, welche der Fall des Niagara verursacht.

Nachdem wir uns Alle an diesem imposanten Anblicke hinlänglich geweidet, wurde der Pfad zu Fuß weiter verfolgt, da von hier aus der Wagen zurückging. Das dumpfe Getöse vernahm man bei jedem Schritt deutlicher und zwischen Bäumen kamen mitunter Wassermassen zum Vorschein, welche dem Niagara-Fall angehörten. Gegen 10 Uhr langten wir endlich bei einem Gasthause an, wo gefrühstückt und dann in Begleitung von Führern dem Falle selbst zugeeilt wurde.

Um zur Insel Goad-Island zu gelangen, welche den Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt, von wo aus der Wasserfall und seine Pracht am schönsten ins Auge fällt, muß man eine Brücke passiren, welche über einem Arm des Flusses errichtet ist.

Ein Zweig des Allaghanig-Gebirges, welches den Niagara-Fluß in der Quere durchschneidet, verursacht den ungeheueren Sturz dieses Gewässers, welches der Abfluß der großen Seen und des Erie-Sees ist, und bis zu seiner Mündung in das weite Becken des Ontario einen mächtigen Strom von 1000–1200 Schuh Breite und großer Tiefe bildet.