Doch so sehr auch der geschwächte Körper des Schlafes bedurfte, so war dennoch der Geist zu sehr aufgeregt, als daß ich dazu hätte gelangen können. Mein ganzer Lebenslauf ging an meiner Seele vorüber, nie war ich so arm, nie fühlte ich mich so verlassen als jetzt. Ohne Familie, ohne Freunde und Bekannte unter einer lieblosen Nation, deren Wahlspruch ist: „Hilf Dir selbst!“ welche den Deutschen mit der größten Verachtung behandelt, was hatte ich da, vom Geld entblößt, von der Zukunft zu erwarten? Ein Trost nur blieb mir übrig, die Zuflucht zu Dem zu nehmen, welcher Mittel und Wege kennt, wenn des Menschen eigene Macht nicht mehr ausreichend ist, und zu keiner andern Zeit habe ich die Gottheit inbrünstiger um Beistand angerufen als in dieser, bis ich unter Thränen und dem Gebet des schönen Verses: „Befiehl du Deine Wege, und was Dein Herze kränkt“ u. s. w., entschlummerte.
Am Morgen entdeckte ich dem Wirth die wahren Verhältnisse meiner Lage und bat ihn um Rath was zu thun oder zu lassen sey. Dieser sah mir wohl an, daß ich zu schwerer Arbeit noch zu sehr entkräftet, was ich mir selbst nicht zugestehen wollte und empfahl mich daher, bei Mangel an leichter Arbeit, der deutschen Gesellschaft mit der Bitte, Etwas für mich zu thun.
Herr Schweizerhoff, Präsident der Gesellschaft, ersah aus meinen ihm vorgelegten Attesten, daß er nicht einen gewöhnlichen Bettler vor sich habe, und bedauerte sehr, daß er nicht mit Vollmacht versehen sey, mir aus der Gesellschaftskasse Etwas verabreichen zu können, da den Statuten gemäß nur die Mitglieder der Gesellschaft sich gegenseitige Unterstützung zugesagt hätten; mit mir aber eine Ausnahme zu machen, würde leicht Veranlassung zu anderweiten Anforderungen geben. „Doch“ fuhr er fort, „giebt es hier Viele reiche und dabei brave Männer, von denen Sie gewiß Keiner ohne Gabe entlassen wird und deshalb werde ich Ihnen einige Namen derselben aufschreiben“, worauf er selbst Etwas in ein Papier wickelte und mich in Gnaden entließ.
Also bis zum Bettler herabgesunken! „O Philosophie, verlaß mich nicht und erhalte mir den Verstand!“ war mein erster Gedanke, als ich den Bettelbrief entfaltete, welcher ½ Dollar enthielt. — Apotheker Refuß war der erste Name auf der Liste. Was sollte ich thun? Doch, wie der zu Ertrinkende im Wahne, sich zu retten, nach einem Strohhalm greift, eben so blieb mir keine Wahl und langsam ging ich der Apotheke zu.
„Der Herr ist nicht zu Haus“, versetzte auf deutsch der Provisor, als ich nach dem Prinzipal frug, „doch kann ich vielleicht selbst Ihnen die gewünschte Auskunft ertheilen!“
„„Ist auch dieses nicht der Fall, so trägt schon Ihre Theilnahme an meinem Geschick zu dessen Linderung bei. Doch, als Beweis, wen Sie vor sich haben, lesen Sie zuvor das Attest meiner Behörde.““
„Aus Weimar sind Sie?“
„„Ja!““ entgegnete ich.
„So haben Sie hier einen Landsmann, den Apotheker Aacke!“