Am 28. Mittags ging auf dem Ohio-River (Fluß) ein Dampfschiff nach dem 114 Meilen entfernt gelegenen Cincinnati ab, und meine Kasse reichte eben noch zu, das Fahrgeld dahin zu bestreiten, da der Platz im Deck nur einen Dollar betrug. — Die Passagiere im Zwischendeck bildeten auch hier wie auf den Seeschiffen ein Gegenstück zu den Kajüten-Passagieren. Nirgends Ordnung, Jeder treibt nach Wohlgefallen, wie es ihm gutdünkt, und nur den Frauenzimmern wird der Vorrang gelassen. Die Bequemlichkeiten, welche den Kajüten-Passagieren zu Gute kommen, fehlten hier ganz, selbst die vorhandenen Schlafstellen reichten nicht aus für die vielen Reisenden, und deshalb lag Mann an Mann auf dem Fußboden rings um den rothglühenden Ofen, welcher in der Mitte des Raumes angebracht, seine Wärme, da die Nacht sehr kalt war, wohlthuend mittheilte. Mir selbst kam jedoch dieser Genuß nicht lange zu Gute, da ich nur auf einen Augenblick mein Lager verlassen, es von einem Anderen sogleich eingenommen sah und mir daher nichts übrig blieb, als im Mantel gehüllt, entfernt vom Feuer, die Nacht auf einem Baumwollen-Ballen zuzubringen. Das kalte Fieber stellte sich wieder ein, und von Allem entblößt, ging die dunkle Zukunft in traurigen Bildern an mir vorüber.
Nachdem das Dampfboot an mehren kleinen Ortschaften vorbeigefahren, hielt es bei Maysville am Kentucky-Ufer an, wo Passagiere und Waaren ausgesetzt, und andere eingenommen wurden. Diese Stadt auf einem engen Grund und Boden in der Mitte grauer Hügel, welche sich gerade hinter ihr und dem Ohio erheben, erbaut, hat drei Straßen, welche parallel mit dem Flusse laufen und von vier andern im rechten Winkel durchschnitten werden; sie zählt über 2000 Einwohner und ist das Magazin der Güter und Waaren, welche bestimmt sind, den östlichen Theil des Kentucky-Staates zu versehen.
Bis Cincinnati wurde von hieraus die Fahrt ununterbrochen fortgesetzt, wo wir an manchem aber unbedeutenden Orte vorbeifuhren, und den 28. Mittags erstere Stadt erreichten.
Zwanzigster Brief.
Aufenthalt in Cincinnati.
Im Dezember 1839.
Ans Land gestiegen, folgte ich mechanisch mit meinen wenigen Habseligkeiten (da die übrigen Sachen in New-York zurückgeblieben), einem unserer Landsleute, dessen Bekanntschaft ich auf dem Dampfschiffe gemacht hatte, nach einem deutschen Kosthause, dessen Besitzer als äußerst human geschildert wurde.
Das Mittagessen war eben aufgetragen und nicht wissend, von was ich solches bezahlen sollte, nöthigten mich doch Appetit und Hunger, daran Theil zu nehmen. Das Tischgespräch an der reichlich mit Gästen besetzten Tafel bestand in Klagen über schlechte Zeiten, da Viele hier eine bessere Existenz zu finden gehofft, aber getäuscht, sich und Andere durch übermäßigen Andrang der Arbeitsuchenden, ins Elend stürzten. Mir erstarb bei dieser Kunde der Bissen im Munde, und als ich selbst bei meiner Wanderung durch die Straßen überall nur arbeitslose Menschen stehen sah und von Letztern die Bestätigung erhielt, daß Tausende in Noth und Elend einer ungewiß bessern Zukunft entgegen sähen, da bangte mir selbst vor meiner eigenen Existenz und ermattet, körperlich und geistig, suchte ich am Abend bald die mir nöthige Ruhe.