Der Graf, und selbst sein kleiner Sohn entschlossen sich, gleich mir, das Wasser zu durchgehen, doch die arme Lady blieb zurück, da nach dem Stege, worüber wir gekommen, zurückzugehen, der Weg zu weit war, um zeitig noch das Fahrzeug zu erreichen. Da der Mann zu schwach war, um selbst das Lastthier abzugeben, die liebe Frau hindurchzutragen, so entschloß ich mich, theils aus Mitleid, theils um zu zeigen, daß der Deutsche, wenn er will, auch galant seyn kann, den Träger einer angenehmen Last hier zu machen. Schon war ich glücklich durch den Bach, und nur der Erdwall noch zu ersteigen, um auf festem Boden erst der Last mich zu entledigen, und muthig hatte ich schon die Hälfte des Weges erstiegen, als, o höllisches Geschick! die Füße mir auf dem nassen Boden entglitten und, wer kann vor Unglück! da lag unter mir die stolze Britin im Moraste. Der lose Mann, gleich Vielen seines Gleichen, freute sich des Unfalls seiner Frau, und gab durch Händeklatschen seinen Beifall zu erkennen. Das Söhnchen weinte und die beschmutzte Frau suchte möglichst ihren Unmuth zu verbergen. Als aber beim Aufstehen die Schuhe den ferneren Dienst versagten und in Schmuz zurückbleiben wollten, da konnte sich die Weibernatur nicht länger verleugnen und, Gott sey’s gedankt! in englischer Sprache nur, da sie kein deutsch verstand, erhielt ich meinen Lohn, obgleich nicht ich, sondern der nasse Boden nur die Schuld alles Unglücks trug.

In der Nacht auf den 21. passieren wir die Stadt Massilon, und desselben Tages den kleinen Ort Bethlehem, welcher, der Angabe nach, das beste Trinkwasser haben soll.

Die schöne Witterung an diesem Tage veranlaßte uns, das Boot zu verlassen, welches im letzten Orte auf die nöthigen Zugpferde warten mußte, und wir verfolgten den Pfad, welcher fort und fort durch Felsenschluchten in verschiedenen Krümmungen sich windet. Die Berge, mit Tannen bewachsen, waren nur wenig gelichtet, eben so verriethen nur wenig angebaute Stellen die Nähe von Menschen.

Gegen Abend, bei dem Orte Bolivar, wurde mir eine besondere Freude zu Theil, da uns ein Reisender begegnete, welcher, bei Nennung meines Namens, mir freudig die Hand drückte und die Zeit ins Gedächtniß rief, in der er in Weimar bei mir als Kupferschmidt gearbeitet, und dort glückliche Tage verlebt habe. Auch er, vom Schwindel der Auswanderung ergriffen, unternahm die Reise, landete in New-Orleans, erhielt aber, aus Mangel der Sprachkenntnisse in seinem Geschäfte keine Arbeit und suchte deshalb mit Holzfällen sich so viel zu verdienen, um nach den nördlichen Staaten reisen zu können, wobei er vorzüglich auf die Gastfreundschaft der Farmer rechnete. Das Glück begünstigte sein Unternehmen, da er auf einem Dampfboote, welches den Missisippi und Ohio befährt, eine Stelle als Feuermann erhielt und so nach Cincinnati gelangte, von wo aus er die Weiterreise zu Fuß unternahm.

Die Nacht zum 22. wurde abermals, wegen Mangel an Pferden, gehalten. Den 22. war es empfindlich kalt. Die Gegend war bergig und mit vielem Holz bestanden, welches theilweise umgehauen, zum Faulen die Erde bedeckte, oder niedergebrannt war, weshalb die Gegend nahe am Kanal noch wenig urbar und eben so wenig von Menschen bewohnt ist. — Mittags erreichten wir Newankom-Stadt, wo sich ein mir ewig denkwürdig bleibender höchst trauriger Fall ereignete. Das Boot fuhr unter einer Brücke durch, als ein junger hoffnungsvoller Mensch, auf einem Stuhle auf dem Verdeck sitzend, den späten Ruf des Steuermanns nicht beachtete, welcher durch das Wort: „Bridge!“ (Brücke) den Durchgang unter derselben anzeigte. Ersterer, mit dem Rücken der Brücke zugekehrt, bemerkte die Annäherung derselben und die Gefahr nicht. Der Raum des Durchgangs war nur gering und man konnte nur mit dem Körper flach auf dem Verdeck des Bootes liegend, unter einer solchen gewöhnlichen Brücke wegfahren, ohne sich zu beschädigen. Während des Falles vom Stuhl kam der Kopf des Unglücklichen mit dem Stuhle in Berührung, und in demselben Augenblicke war der Beklagenswerthe eine Leiche, da ihm Kopf und Brust zerquetscht waren.

In der Nacht vom 23/24. gab es viel Schnee, welcher aber bis Mittag des 24. von den warmen Sonnenstrahlen eines der schönsten Herbsttage wieder geschmolzen wurde. Der Kanal führte am 23. ebenfalls durch die mit Mühe und großem Geldaufwand gesprengten Felsenklüfte, welche mit Eichen und Tannen bewachsen sind. Hier in dieser Gegend traf ich eine höchst romantisch gelegene Farmer-Wohnung, von welcher die stattlichen Gebäude den begüterten Besitzer verriethen, und es war das erste Mal auf dieser Reise, daß ich einen solchen um sein Loos beneidete.

Nachmittag wurde bei der Stadt Newark Halt gemacht, wo die Passagiere sich mit dem Nöthigsten versahen, und ich in gleicher Absicht das Boot verließ, um Brod einzukaufen, wobei ich mir eine leichte Erkältung zuzog, welche mich später nöthigte, das Fahrzeug zu verlassen, um ein Bedürfniß zu verrichten. Eben im Begriff vom Boot ans Land zu springen, stieß der Schurke von Steuermann, mein Vorhaben bemerkend, das Boot vom Lande ab, wodurch die Kluft des Wassers sich erweiterte, und ich bei zu kurzem Sprung bis an den Unterleib in dasselbe fiel. Alle Personen auf dem Verdeck brachen in ein Gelächter aus, nicht ahnend, welche traurige Folgen dieser Vorfall für mich haben sollte, da die nassen Kleider nicht sofort mit trockenen vertauscht werden konnten, und eine passende Stelle das Fahrzeug wieder zu besteigen, erst nach Verlauf einer halben Stunde sich darbot. Mein altes Uebel stellte sich ein, und die Schmerzen der Kolik wurden, um größeres Unglück zu vermeiden, durch das möglichste Zusammenschnallen der Leib-Bandage noch vermehrt. Ohne Hülfe, nichts was mir Linderung gewährte, lag ich besinnungslos oder raste wie unsinnig, mich selbst nicht mehr kennend. Erst spät am Abend erreichten wir Schelekatie, wo ein herbeigerufener Arzt Magenpflaster und Fußumschläge verordnete, auch zum innerlichen Gebrauche mir Quecksilber eingab. Was übrigens Alles diese Nacht mit mir vorgenommen wurde, wußte ich nicht, da meine Lebensgeister zu sehr abgespannt waren. Erst am Morgen, als das Magenpflaster erneuert werden sollte, wurde ich gewahr, daß man mir die, der Sicherheit wegen um den Leib getragene Baarschaft entwendet hatte, und solche, aller Nachforschung ohngeachtet, nicht wieder erlangt werden konnte, schon deshalb nicht, weil der Kapitän, welcher mich entkleidet hatte, den Diebstahl selbst vollbracht haben mußte. — Was nun anfangen, da mir nur zwei Dollars in Papier, welche in der Brieftafel und in der Seitentasche des Rockes, schlecht verwahrt, geblieben waren? — Das Ziel der Reise war nicht mehr fern, und ließen auch die großen Schmerzen mich wenig an die Zukunft denken, so glaubte mein stets reger Geist doch wieder Mittel zum Erwerb auffinden zu können.

In der Nacht zum 26. hatte es stark gefroren, so daß es nur vier Pferden möglich wurde, das Boot durch das mit einer Eisdecke belegte Wasser fortzuziehen; bei zunehmender Kälte in der folgenden Nacht fror das Fahrzeug förmlich ein und wir saßen, noch 14 Meilen von Portsmouth entfernt, förmlich fest.

Die Passagiere sahen sich am Morgen des 27. genöthigt, auf Bauernwagen oder per pedes diesen Ort zu erreichen; ich selbst war durch den an mir verübten Raub gezwungen, mich der Zahl der Fußgänger anzuschließen, nachdem ich wegen Mangel des Fahrgeldes, mein gutes Gewehr dem Schurken von Kapitän überlassen mußte. —

Portsmouth, die vornehmste Stadt des Scioto-Landes, am Ohio-Ufer, besitzt eine Bank, einen Gerichtshof und die gewöhnliche Zahl öffentlicher Gebäude mit ungefähr 1000 Einwohnern. —