Wer möchte wohl unter solchen Versprechungen nicht eine Gelegenheit benutzen, um das Erworbene, im Glauben am sichersten niederzulegen und dabei noch den Vortheil der Vermehrung des Kapitals durch sich selbst, in Aussicht zu haben, das Seinige anvertrauen wollen? Und dennoch ist dieses gerade der Weg, auf welchem Leuten Vertrauen geschenkt wird, die sich kein Gewissen daraus machen, ihren heiligen Versicherungen entgegen, anvertraute Gelder zu unterschlagen, wie solches häufig in Amerika vorkömmt, und deshalb erst kürzlich in Cincinnati vom betrogenen Volke drei Banken erstürmt und demolirt worden sind.
Auch hier wetteifern alle christlichen Kirchenpartheien in gottesdienstlicher Frömmigkeit, und die Bethäuser sind des Sonntags drei Mal überfüllt. — Ich selbst fühlte mich, seit ich amerikanischen Boden betreten, theils durch glücklich überstandene Gefahren zur Dankbarkeit verpflichtet, als auch durch allgemeine Frömmigkeit bestimmt, mehr nach Gottgeweihter Stätte gezogen, als es sonst der Fall war. Da mich aber nicht sowohl der Vortrag des Predigers selbst, welcher nicht immer mit meinen religiösen Ueberzeugungen übereinstimmend ist, zum Kirchengehen bestimmt, sondern mehr, um im stillen Gebet und erhabenen Lobgesang in der dazu eingerichteten Stätte die Herzensempfindungen dem Höchsten vorzutragen, so ist mir jede Konfession gleich und ihr Tempel, als auch für mich geheiligt, anzusehen. Demnach habe ich schon mehre Religionssekten in ihren kirchlichen Gebräuchen zu beobachten Gelegenheit gehabt und solche mehr oder weniger vernünftig gefunden. Hier in dem Methodisten-Tempel aber geht mir wirklich der Glaube an vernünftige Menschheit ab. — Unsinn über Unsinn! Fände man sich nicht angezogen, der Sache die lächerliche Seite abzugewinnen, so könnte man sich versucht fühlen, diese Armen, Verirrten, selbst in’s Gebet zu nehmen.
Der Kanzel zur Rechten sitzt der männliche, zur Linken der weibliche Theil der Gemeinde. Die Emporkirchen sind mehr mit Neugierigen als andächtig Gestimmten besetzt. Die Melodien der Lieder sind über einen Leisten komponirt, und gleichen dem Handwerksburschenliede: „Prinz Eugen, du edler Ritter“ etc., wie ein Ei dem andern. Während also die christliche Gemeinde das Kirchenlied sang, fielen meine Nachbarn, deutsche Handwerker mit: Prinz Eugen du edler Ritter etc. ein, was vollkommen übereinstimmte. Nach dem verlesenen Psalmen tritt derjenige der Gläubigen, welcher sich vom Geiste dazu inspirirt fühlt, in seinem Sitz in die Höhe, oder legt sich vor die Bank knieend mit dem Kopfe auf Erstere, und spricht aus dem Stegreif Anfangs leise, dann immer stärker, bis er ganz aus dem Athem kömmt, und besinnungslos im besten Fluß der Rede stecken bleibt, und ein Anderer die ihm vom Geiste eingegebenen Gedanken auf ähnliche Weise vorträgt. — Ihr Hauptprediger war zu der Zeit krank, wie die für ihn gehaltenen Gebete kund gaben, und ein herumreisender Pensylvanier hatte am heutigen Sonntage den Kanzelvortrag übernommen, wovon ich den Anfang aufnotirt, und als Probe des Unsinnes hier mittheile.
„Lieben Freunde und Brüder! Die Zeit der Besserung ist da, denn Gott, des langen Wartens überdrüßig, schlägt nun mit dem Donnerkeil drein, wenn Ihr nicht umkehrt aus dem Luderleben. Ich sage es Euch nochmals, bessert Euch, da es noch Zeit ist. Der Herr Jesus Christ hat es mir selbst gesagt, weil ich bei ihm war, daß er Euch verirrte Schafe aufnehmen wolle, welche sogleich umkehren, da es noch Zeit ist. Schwestern und Brüder zu bekehren, bin ich weit und breit herumgereist, ja zehn Meilen in der Runde!“ Hier fiel eine Stimme von der Emporkirche ein: „Das ist was Rechts!“ worauf der Prediger fortfuhr: „Wer Du auch seyst! Du bist ein Flegel! ein ......“ hier fehlten vermuthlich die deutschen Worte, und dann wurde in englischer Sprache, welche er geläufiger redete, dem unberufenen Sprecher gehörig der Text gelesen. Mich selbst langweilte die ganze Geschichte, deshalb verließ ich noch vor geendigtem Gottesdienste das entweihete Haus.
Am nächsten Sonntage wurde ich veranlaßt, eine Kirche zu besuchen, wo ebenfalls kein Theolog als Kanzelredner auftrat, sondern diesen Posten ein gelernter Schlosser bekleidete, welcher unter dem Namen: „der Schlosser-Prediger“ den Deutschen hier bekannt ist. Dieser, im Besitz einer Rednergabe, und dabei von der Ansicht beseelt, daß es jedem Menschen Pflicht sey, zum Seelenheil Anderer beizutragen, fühlte sich ebenfalls berufen, Hammer und Ambos mit der Kanzel zu vertauschen, so wie Trauung, Tauf- und Leichenreden zu halten, je nachdem es die um ihn gebildete Gemeinde wünschte.
Bei stattfindender Religionsfreiheit hat Niemand gegen solche Handlungsweise Etwas einzuwenden. Die Gesetzgebung läßt hierin freien Spielraum, da sie sich für inkompetent hält, in religiösen Ueberzeugungen über das innere Verhältniß des Menschen zur Gottheit zu entscheiden. Sie gestattet vielmehr hierin jede Form in gemeinschaftlicher Gottesverehrung, wie verschieden und mannigfaltig solche auch immer seyn mag, und hält sich nur verpflichtet, ihre Wahl zu schützen.
Die Kirche war ebenfalls überfüllt, die ganze Zeremonie geregelt, und der Kanzelvortrag so gut, als er sich nur immer von einem unstudirten Professionisten erwarten ließ. —
Am 10. Dezember mußte ich von Neuem Tannebergs verlassen, da das Dampfschiff (Amazone, Kapitän Lauterbach) mit welchem mein Freund Aacke akkordirt, abgehen sollte. Schwer war der Abschied, da er für das Leben war. Viele Grüße befahl die kleine Auguste (ein Kind von 4½ Jahren) an die Großmutter und ihre alten Gespielen, meine Kinder, ebenso Tanneberg, an Alle, die sich Seiner in der geliebten Heimath noch erinnerten und fügte den Wunsch bei, daß Keiner seiner Bekannten dem Urtheil eines Windbeutels Glauben schenken möchte, welcher Amerika als das Land, in welchem Milch und Honig fließe, anpreißt. Er selbst habe deshalb noch nicht geschrieben, um nicht Anlaß zu einem Vorhaben zu geben, welches nur Wenigen Glück, Vielen aber Noth und Elend bereite. —