Beim Zerspringen des Kessels wurden die Passagiere eines Dampfbootes mit den Trümmern desselben hoch in die Luft geschleudert und verloren das Leben. Nur Einer hatte das Glück, bei dieser Katastrophe mit dem Schreck davon zu kommen, und unbeschädigt aus dem Wasser gezogen zu werden. Der Gerettete that jetzt nichts Eiligeres als nach dem Taschenbuche zu greifen, wo er die Banknoten verwahrt und als er solche geborgen fand, so bestieg er, hoch darüber erfreut, ein anderes, eben abgehendes Dampfboot, wo er die naßgewordenen Banknoten am Ofen trocknete, ohne sich weiter um das Geschehene zu bekümmern.

Nicht weit von der Mündung des Yazoo-Flusses wurde heute etwas später als gewöhnlich Halt gemacht, und da während des Holzeinnehmens, wo die meisten Passagiere die Kajüte verließen, sich einer der Verdächtigen ängstlich in mehren Schlafstellen umsah, so erweckte dieses bei mir Verdacht und ehe Freund Aacke wieder eintrat, sah ich beim Scheine der Lampe, wie er mit einer Reisetasche die Kajüte verließ, gleich aber zurückkehrte und ein Gewehr nachholte, welches, wie ich bestimmt wußte, nicht sein eigen war. Neugierig, wohin er die Sachen trage, wollte ich folgen, doch die naßkalte Abendluft und mein kranker Zustand selbst, nöthigten mich zum Rückzuge. Aacke, welcher jetzt kam, verfolgte statt meiner den Gauner, doch ohne ihn zu finden, und die zurückkehrenden lärmenden Holzträger ließen bald das Vorgefallene vergessen.

Sehr verschieden von einer Seereise war diese Dampfschifffahrt. Die mannichfaltigen heitern Gemüthslagen unserer Reisegesellschaft gaben interessante und angenehme Unterhaltung. Der Amerikaner, und wenn er auch zur niedrigsten Volksklasse gehört, verräth immer einen Anstand und dem Deutschen gegenüber, einen gewissen Stolz, und so lange man dieser Nation nicht zu imponiren versteht, bleibt man die Zielscheibe ihres Witzes.

Ich selbst hielt mich daher abseits und machte den stillen Beobachter, auch Freund Aacke kam nur dann mit ihnen in Berührung, wenn sie dessen Hülfe bedurften, und so lebten wir in Frieden und Freundschaft mit Allen.

Durch Krankheit aufs Lager gebannt, fehlte es selbst da an Unterhaltung nicht, weil die verschiedenartigsten Scenen Stoff zum Zeitvertreib gaben. Ein Kerl lachte über Alles den ganzen Tag, und ärgerte mich so, ohne daß ich selbst nicht recht wußte, warum. „God damn“ war der Abendsegen, und mit einem „Gott verdamme mich!“ wurde der Morgen begrüßt, von einem Subjekte, welches nicht unter die Zahl der Temprinsmänner[45] gehörte, leider aber den deutschen Namen schändete. Jemehr dieser fluchte, um so ärger lachte der Erstere, und zu diesem Quodlibet spielte ein Dritter von früh bis zur Nacht auf drei Saiten einer Geige das einzige Stückchen, was er konnte, den Gänsetutel; welcher Nationaltanz unwillkührlich die Beine zweier sich gegenüberstehender junger Bursche zum Springen hob, bis solche erschöpft, wiederum Andern Platz machten, welche mit grotesken Sprüngen jene auszustechen suchten. Verstummten die Saitentöne, so erschallten die Lieder aus einer deutschen Fleischerkehle, welche im Jodeln Etwas zu leisten glaubte. Währenddem hütete eine alte Matrone mit Argusaugen ihre beiden liebenswürdigen Töchter, welche verschämt, doch gezwungen, die Erzählung eines Liberalen mit anhören mußten, worin solcher die glücklichen Stunden zu schildern suchte, die er in vergangener Nacht in den Armen eines Freudenmädchens vollbracht, welche Person in einem kleinen Kämmerlein, dicht neben meinem Lager logirte, und zum Dienst für die erste Kajüte engagirt war. Hier wurde geschnupft und gebremt[46], dort geraucht, welchen Qualm überlaufendes Fett auf dem Ofen noch vermehrte, worauf Alles dem herbeieilenden schönen Kinde, welches das Abendbrod am Feuer für die Ihrigen besorgte, Platz zu machen suchte; denn auch hier findet, wie überall in Amerika, die schöne Sitte Statt, daß dem schönen Geschlechte der Vorrang gebührt und ohne Bedenken weicht Jeder vom Platze, welchen er seines Gleichen streitig zu machen suchte. Weder der Ruf leidet, noch kömmt die Ehre in Gefahr, wenn eine Dame ohne Begleitung in Gesellschaft von Männern eine Reise unternimmt. „Achtung den Schönen!“ ist das Loosungswort des Amerikaners, und bietet solche die Reize nicht freiwillig, so wird sie beschützt von Jedem, der ihr nahe steht. —

Am Morgen des 20. wurde bei Viksburgh, einem noch unansehnlichen Orte, der unter einer Reihe von Hügeln, und theilweise auf selbigen erbaut ist, angehalten und Passagiere und Waaren ausgesetzt. Auch unsere Gesellschaft verminderte sich um einige Köpfe, welche erst jetzt gewahr wurden, daß ihnen Sachen fehlten, mit welchen ich am vergangenen Abend während des Holztragens, den Dieb hatte entweichen sehen. Vor Allem war es der Verlust des Gewehrs, welchen sie beklagten.

Ist auch der Landungsplatz hier nicht der beste, da solcher schräg, nicht gepflastert, und der lehmige Sandboden vom Regenwasser zerrissen, den Transport der Waaren äußerst erschwert, so ist doch der Verkehr nicht unbedeutend und besonders viel Baumwolle wird von hier aus nach Orleans geschickt, wohin Dampfboote die Kommunikation beständig unterhalten.

Zehn Meilen weiter passirten wir an dem Städtchen Warrenton vorbei. Die Ufer dieser Gegend sind, ebenfalls niedrig, Ueberschwemmungen ausgesetzt und deshalb noch wenig bebaut. Nur kleine Plantagen, und ärmliche schlechte Blockhäuser kommen mitunter zum Vorschein.

Während des Anlegens am Abend hatte sich beim Holzfassen ein von einer Plantage entsprungener Negersklave auf das Boot geflüchtet und sich daselbst zu verstecken gesucht, ward aber am Morgen des 28. entdeckt, an Händen und Füßen gebunden und in dieser erbärmlichen Lage mit nach Orleans genommen. Während der Reise diente der Arme der Schiffsmannschaft zur Zielscheibe ihrer Witze und der Unterhaltung; er war aber klug genug, keine ihrer Fragen zu beantworten, sondern in der Ecke sich ruhig zu verhalten.