Ein gelernter Kaufmann aus M., welcher auf sein Geschäft kein Unterkommen in Baltimore gefunden, setzte die Reise nach Cincinnati fort, und bei gleichem Schicksal in dieser Stadt, sah sich derselbe genöthigt, in der Apotheke, wo Aacke konditionirte, die vakante Stelle als Stößer anzunehmen. Doch der Wunsch, sich zu verbessern, und die gefaßten fixen Ideen zu realisiren, folgte er unserer Bahn, und kam in New-Orleans aus dem Regen in die Traufe. Mehr aus Desperation, als aus Leidenschaft, da er auf keine Weise Beschäftigung und Verdienst finden konnte, ergab er sich dem Trunke, und nachdem von seinen Sachen ein Stück nach dem andern verkauft worden war, ergriff er das Letzte dieser Unglücklichen und wurde Soldat.

Dieser zum Nichtsthun gezwungene Stand wird von dem immer rührigen Amerikaner verachtet, und selten giebt sich ein solcher dazu her, die durch den Tod und den Indianerkrieg in Florida gelichteten Reihen wieder auszufüllen; nur neue Einwanderer aus allen Ständen, welche nothgedrungen diese Branche ergreifen müssen, ergänzen das Militär.

Dem Anschein nach ist die Löhnung des amerikanischen Soldaten eine der besten; doch ist auch hierin die Sache so gestellt, daß der Staat Nichts dabei verliert, und der Unwissende um so leichter den lockenden Aussichten sich hingiebt, und den Worten der Werber glaubt, die sich in allen bedeutenden Orten befinden, und deren Aufenthalt die ausgesteckte Fahne angiebt. — Außer Kost, welche auch nicht die beste seyn soll, und Montirung, werden monatlich noch 7 Dollars zugesichert, wovon jedoch nur ein Dollar baar ausgezahlt wird, um davon das nöthige Putzzeug und sonstige militärische Ausgaben zu bestreiten. Die übrigen sechs Dollars hebt die Kriegskasse bis nach abgelaufener Dienstzeit, welche fünf Jahre dauert, auf, in welcher Zeit jedoch der Krieger einige Mal gegen die Indianer verwendet wird, wo Pfeile, Klima, Strapazen und Reue dafür sorgen, daß nur Wenige das fünfte Jahr erleben, und die Sparkasse dann als Erbe eintritt.

Die bewaffnete Landmacht ist in den 27 Vereinigten Staaten nur gering, und soll nicht über 9000 Mann stark seyn. — Das Ehrgefühl wird bei dem gemeinen Soldaten nicht gehoben, da gezeigte Bravour nicht durch Ordensverleihung belohnt wird, auch findet kein Avancement Statt, weil die Offizierstellen nur von Kadetten besetzt werden, welche die nöthige Vorbildung erhalten haben. — Dagegen ist die gesammte Miliz, wozu jeder amerikanische Bürger gezählt wird, um so stärker, und soll 1,150,000 Mann betragen, welche sich theils freiwillig uniformiren, wie ich schon erwähnt, oder gleich unserm Landsturm, nur mit Seitengewehr und Flinte bewaffnet, sich zu den alljährigen Uebungen stellen müssen. — Hier ist nun den Amerikanern ein größeres Feld gelassen, um sich den Besitz einer militärischen Charge zu verschaffen, wo es nicht auf Kriegskenntnisse abgesehen ist.

Besteht nun auch hier die grelle Scheidewand der Stände weniger wie bei uns, so hört es doch der Amerikaner gern, wenn man ihm im allgemeinen Verkehr den militärischen Ehrentitel beilegt, und z. B. einen Schuhmacher mit: „Herr Major“ einen Schneider mit: „Herr Obrist“ anredet.

Das gestörte Aeußere eines mir als höchst solid bekannten jungen Mannes, der mit bei uns wohnte, fiel mir eines Tages auf, und der Seelenkampf malte sich auf allen seinen Zügen so deutlich, daß ein geheimes Vorhaben nicht zu verkennen war. Mitleid bestimmte mich, ihn nach der Ursache seines Kummers zu fragen, und ihm meine Kräfte, so weit sie ausreichend waren, anzubieten. — Er sey, vertraute er mir jetzt, der zweite Sohn eines nicht unbemittelten Müllers, und habe mit seinem Bruder das Geschäft des Vaters erlernt. Doch mit Ersterem einst im Zwist, und dem Briefe eines Schulfreundes mit lockenden Nachrichten aus Amerika vertrauend, habe er gegen den Willen seiner Eltern das Vaterland verlassen, und sey in Baltimore gelandet. Hier habe er leider Alles anders gefunden, als man im Briefe geschrieben, und wegen Unkenntniß der Sprache habe sich keine Gelegenheit dargeboten, als Müller anzukommen, weshalb er das Anerbieten eines Bäckers benutzt, und dessen Metier bei ihm erlernt habe. — Im dritten Jahre seines Hierseyns sey ihm die Kunde geworden, daß die Mutter, deren Liebling er gewesen, wegen seines, aus falscher Schaam beobachteten Schweigens, da er noch nicht geschrieben habe, in Schwermuth verfallen sey, welches ihn so beunruhige, daß er abermals, um seine Lage zu verbessern, und dann Bericht von sich zu geben, den Nachrichten aus Texas gefolgt, und dorthin ausgewandert wäre. Zum zweiten Male betrogen, habe er dort das gehoffte Glück nicht gefunden. Sein Kamerad, welcher mit ihm, und er hauptsächlich auf dessen Vorspiegelung, die Reise von Baltimore aus unternommen, sey in Texas in Kriegsdienste gegangen, er aber, da die Mittel noch hinreichend, hierher nach New-Orleans gereist. Seit drei Wochen warte er jetzt auf Arbeit, doch vergebens, die Kasse sey bis auf Nichts geschmolzen und um das Maas des Unglücks voll zu machen, habe heute der Wirth die Wohnung gekündigt, und an die Bezahlung des Kostgeldes für die letzte Woche gemahnt. Dieses nun möglich zu machen, bleibe ihm nichts übrig, als die Sachen zu verkaufen und Militärdienste zu nehmen, welches Letztere der Vater schon beim Abschied prophezeiht habe; um nun dieses nicht zu verwirklichen, wolle er lieber ins Wasser gehen, um sich so mit einem Male seiner Qual zu entledigen.

Mit baarem Gelde konnte ich nicht helfen, doch den Armen aus der Gewalt des Wirths und aus der Stadt zu bringen, bot ich die Hand. Seine Sachen wurden, mit dem Vorgeben, daß es schmutzige Wäsche von mir sey, aus dem Hause gebracht, und ein Dampfschiff bestimmt, ihn mit nach Pensacola zu nehmen, wohin es eben abgehen wolle, wie die ausgehängte Tafel anzeigte. — Beim Mangel des Fahrgeldes, welches immer erst auf der Reise abverlangt wird, stand freilich eine tüchtige Tracht Schläge zu befürchten, doch hier half kein Besinnen! Fort mußte er, und über Nacht ändert sich oftmals Vieles. — Leider kam ich mit dem zweiten Transport Sachen etwas zu spät, so daß das Fahrzeug schon vom Lande abgestoßen und nicht mehr zu besteigen war. Während dem wir beriethen, was nun zu thun sey, um nicht dem überall herum spionirenden Wirthe in die Hände zu fallen, verkündete der Schall einer Glocke den Abgang eines zweiten Dampfschiffes, wohin, war nicht mehr zu sehen, da die Tafel, woran es bemerkt, schon eingezogen war; doch hier blieb, da der Flüchtling nicht zurück durfte, keine Wahl, und so sprang er von einem nebenstehenden Fahrzeuge auf das Boot, und ihm die Sachen nachwerfend, wünschte ich eine glückliche Reise. — Neugierde plagte mich jetzt, zu erfahren wohin des Armen Bestimmung sey, und, o Schicksal! Texas war das Ziel der Reise. — Was mag der Unglückliche bei Nennung dieses Namens empfunden haben, und welche Zukunft ward ihm aufgespart? Gewiß geht die Prophezeihung des Vaters in Erfüllung, und er wird Soldat.

Unser Wirth im Wilhelm Tell, Herr Brack, den das Reichwerden, wie so vielen Andern auf geradem Wege auch nicht schnell genug gehen mochte, schaffte nach und nach die mehresten Sachen aus dem Hause und verschwand dann nebst seiner Ehehälfte. — Seine Entfernung wurde so geheim als möglich gehalten und auf dessen Kredit nach wie vor täglich Fleisch, Brod, Bier und was sonst in der Küche nöthig war, aufgebracht. — Der Keller war noch gut besetzt und einige zwanzig Kostgänger lebten jetzt herrlich und in Freuden auf Allerwelts-Rechnung noch sechs Tage, wobei man nicht vergaß, unsern Wohlthäter bei jeder Bouteille, welche geleert wurde, leben zu lassen.

In dieser Periode lernte ich den frühern Studiosus D. kennen, der von einem Hausirhandel mit Stiefeln lebte und in unserm Store einen auf die Lippen zu nehmen beabsichtigte. Diesen als meinen Landsmann den Tischgästen vorstellend, wurde er unter die Freigäste aufgenommen, stellte den Handkorb bei Seite, und that sich mit gütlich.