Jeder der hier wohnenden Gäste sah sich während der Freudenzeit nach einem andern Quartier um, und brachte die Sachen in Sicherheit, wobei manches, jetzt den Kreditoren gehörige Stück, mit eingepackt wurde.
Ich für meine Person hatte mit der Köchin und deren Mann Moitié gemacht, ein kleines Quartier in der Vorstadt gemiethet und daselbst, auf die Zukunft bedacht, von den auf Brod- und Fleischbuch gefaßten Rationen für Brack’s Küche, manche Wurst und Stück Speck in Sicherheit gebracht.
Der sich steigernde Tumult, das auf die Straße Werfen leerer Bouteillen und der nicht mehr zum Vorschein kommende Wirth, machte die Nachbarschaft aufmerksam und durch Letztere wurde der weit entfernt wohnende Hauseigenthümer von des Miethsmannes Verschwinden in Kenntniß gesetzt. Gegen Abend (es war der 6. Tag dieses Wonnelebens) erschien Ersterer, und verlangte die sofortige Entfernung der Gäste und Schließung des Ladens, wurde aber, statt ihm Folge zu leisten, aus seinem Eigenthum ohne alle Umstände hinausgeworfen und zwar mit dem Bemerken: „daß Jeder kommen und sich Eigenthumsrechte anmaßen könne.“ — Daß der Gemißhandelte am andern Morgen mit den nöthigen Konstablern wieder erscheinen würde, war gewiß, weshalb am selbigen Abend die Küche ausgeräumt und in der letzten Freinacht noch mancher Bouteille der Hals gebrochen wurde. Beim Frühstück war das Kränzchen aufgehoben, das Haus geschlossen, und Jeder von uns bezog seine neue Wohnung, ohne daß einer der Gäste zur Verantwortung gezogen worden wäre. — Herrliche Freiheit!
Immer noch keine Reisegelegenheit für mich, obgleich täglich alle darauf Bezug habenden Anzeigen von mir gelesen wurden. — Die Zeit langweilte bei Meidung aller Spiele sehr, und um so mehr, da kostspielige Vergnügungen, wie Theater, Bälle und Redouten nicht besucht werden konnten und Leuten unsers Standes vornehme Einladungen abgehen. Nur Balgereien zwischen Matrosen und Arbeitern, wie sie häufig vorkommen, unterbrachen den Verkehr. Nicht selten enden solche Kämpfe erst mit dem Tod des Einen, da die Matrosen immer ihre Messer bei der Hand haben und das Aeußerste wagen. —
Ein ähnlicher Fall fand dieser Tage zwischen zwei Fuhrleuten statt, wo keiner dem andern sattsam ausweichen wollte, so, daß die Wagenachsen zusammenrannten. Ein Peitschenschlag gab die Ausforderung zum Faustkampf (Boxen), Jacke und Weste wurden abgelegt, das Hemd unterm Oberleib zusammengebunden und so entblößt, begann der Angriff. Eine Menge Neugieriger bildeten sofort einen Kreis, sich an diesem blutigen Schauspiel ergötzend, und wehe dem Zuschauer, welcher die Kämpfenden trennen wollte, gemeinschaftlich würden sie über ihn herfallen. — Nach einigen Gängen lag Einer der Raufbolde blutig zu Boden. Doch nicht zufrieden, sprang er auf, und griff von Neuem den Gegner an. Lange schlugen sie sich jetzt mit geballten Fäusten die Gesichtstheile entzwei und blutend, bis der Erste durch einen Tritt vor den Unterleib zum zweitenmal zusammen sank. — Schrecklich hatten sie sich zugedeckt, doch als an der nächsten Pfütze die blutenden Theile möglichst gereinigt, der Kopf verbunden und die Kleider wieder angelegt waren, wurde im Eck-Store die Versöhnung durch einige Gläser Branntwein bekräftigt und die alte Freundschaft war wieder hergestellt.
Auf den Wunsch meines Freundes Aacke, ihm seinen zweiten Koffer, welchen ich beim Räumen des Gasthauses an mich genommen, zu überschicken, wollte ich das Fuhrlohn ersparen, und trug denselben am Abend mit einem von der Arbeit zurückgekehrten Stubengenossen nach der weit abgelegenen Apotheke; doch der kothige schlechte Weg auf ungepflasterten Stellen und die nasse Witterung verlängerten die Strecke, und kaum hatten wir dieselbe erst halb passirt, als der Signalschuß fiel[49]. Jetzt, um mehr den Watchmen (Nachtwächtern) aus dem Wege zu gehen, schlugen wir die Richtung nach der Flußseite ein. — Zu unserm Unglück kamen uns aber hier betrunkene Matrosen und Gesellen der untern Volksklasse entgegen, und wohl möglich, daß sie selbst nicht auf dem besten Wege waren, vermutheten sie in uns Diebe zu erblicken und machten Miene, den Koffer gewaltsam wegzunehmen. Auf unsere Wehr wurde der Spectakel ärger, und ehe noch die nächste Wache kam, war mein Begleiter mit einem Messer verwundet, als er einen der Matrosen zu Boden geworfen hatte. Noch Schlimmeres befürchtend, suchte er jetzt die Flucht, und ließ mich unter der Rotte allein zurück. Ihren Faustschlägen vermochte ich nicht länger zu widerstehen und lag auf dem schmutzigen Boden, als die Wache kam, uns sämmtlich arretirte, und in Verwahrung brachte. Erst am andern Tage, als der Eigenthümer des Koffers die Wahrheit meiner Aussage bestätigte, erhielten wir sämmtlich die Freiheit wieder.
Neunundzwanzigster Brief.
Seereise nach Baltimore.
Im März 1840.