Endlich sollte ich erlöst werden. Freund Aacke hatte den Kapitän vom dreimastigen Schiff Ferray, welches Fracht nach Baltimore geladen hatte, bestimmt, mich gegen Bezahlung von 20 Dollars[50] als Deck-Passagier mit aufzunehmen, obgleich auch auf seinem Fahrzeug nur Kajüten-Reisende zulässig waren.
Auf erhaltene Nachricht wurde das Schiff im Hafen aufgesucht, wo mir bei der Abwesenheit des Kapitäns durch den Steuermann die Schreckenskunde ward, daß außer der Kajüte auch für keine Maus mehr ein Plätzchen auf dem Schiff zu finden sey, von dessen Wahrheit ich mich selbst überzeugte, denn das Verdeck bis über die Brustwehr fand ich mit Fässern und Baumwollen-Ballen belegt. Die Matrosen-Kajüte war das Einzige, worauf ich mich stützte, doch auch hier fand ich keinen Raum, da ein Kajüten-Passagier eine in Orleans gekaufte Negersklaven-Familie daselbst untergebracht hatte. Voll banger Erwartung lauerte ich auf den Kapitän, in der schmeichelnden Hoffnung, daß mir vielleicht ein Plätzchen in der Kajüte selbst zugetheilt würde. — Eitle Hoffnung! Nach Rückkunft des Kapitäns, durch den Steuermann dazu bestimmt, sah ich mich auch von diesem von Neuem abgewiesen, und hatte schon den Abmarsch genommen, als ich wieder zurückgerufen, den Antrag empfing, in dem in der Mitte des Schiffes aufgestellten Boote mein Lager aufzuschlagen.
Dieses Boot, nur bei drohender Gefahr von der Mannschaft zur Rettung benutzt, wurde außerdem als Rumpelkammer vom Koch und Zimmermann gebraucht, und diente auch zugleich mit als Aufbewahrungsort der außer Gebrauch gekommenen Segel und Taue, womit es vollgestopft war. Nur zum Liegen war noch Raum darin, und versprach demnach für den Bewohner nicht die beste Existenz. — Doch hier galt kein Besinnen, Orleans zu verlassen, war mein einziger Wunsch, und der Diogenes-Behälter wurde bezogen. Das zur Seereise Nöthige ward auf das Allernothwendigste beschränkt, um nicht die von Freund Aacke vorgeschossenen Gelder zu schwächen. Außer Brod und Käse nur noch Kaffee und Zucker eingekauft und zwar auf drei Wochen berechnet, welche Zeit die Fahrt ohngefähr dauern konnte.
Der 15. März war der traurige Tag, welcher mich von einem der besten Menschen, meinem so theuren Freund Aacke trennen sollte, und nur die Hoffnung, daß das Geschick uns doch noch ein Mal in diesem Leben zusammenführen könnte, machte die Scheidestunde weniger schmerzhaft. Beim Abschied mußte ich ihm noch das Versprechen geben, im Falle der Noth mich seiner Adresse zu bedienen, da er, wenn es irgend in seiner Macht stehe, immer bereit sey, mir zu helfen. Edler Mensch, solch Handeln verdient der Vergessenheit entrissen zu werden!
Den 16. März nahm unser Fahrzeug ein Dampfschiff am Schlepptau, und brachte es dem Mississippi hinab, welcher Fluß bis in die offene See ganz mit Treibholz bedeckt war. Kaum hatte der Lootse uns verlassen, als sich ein so dicker Nebel auf die Wasserfläche legte, daß man nicht Schiffslänge vor sich sehen konnte. — Die Segel wurden eingezogen und das Schiff sich selbst überlassen. Erst am dritten Tage wurde es wieder heiter und um einen günstigen Wind zu benutzen, alle Segel aufgespannt. — Der Wärme nach zu urtheilen, mußten wir weit südlich fahren, und nur mit dem Hemde bedeckt, befand ich mich in meinem Käfig am wohlsten. Von einem Eingang in Letztern war freilich keine Rede, denn nur auf allen Vieren kriechend, wurde es möglich, ein- und aus- zu gelangen, da die vorliegenden Baumwollen-Ballen mit der Luke, welche die Thür bildete, gleiche Höhe hatten. — Um so frischer und gesünder war aber die mich umgebende Luft, da diese von keinen mephitischen Ausdünstungen faulig gewordenen Wassers verpestet wurde, wie es bei der Ueberfahrt der Fall war. — Außer leichtem Schwindel spürte ich nichts von Seekrankheit und, bei gesundem Appetit fehlte nur die gute Kost, da Brod, Käse und Wasser das Einzige waren, was mich nährte. — Zum Glück hatte ich mir beim Auszug in Orleans einige vom durchgegangenen Wirth zurückgelassenen Bücher zu Nutze gemacht, die ich zum Zeitvertreib studirte, um, bei aller Entbehrung menschlicher Gesellschaft, die schreckliche Langweile zu vertreiben. Der große Eindruck, welchen Gottes herrliche Schöpfung auf den Seefahrer das erste Mal macht, verliert sich merklich, wenn der Reiz der Neuheit durch wiederholtes Anschauen geschwächt worden ist. Auch die glücklichste Seereise bei voller Gesundheit hat bei weitem nicht das Angenehme, was eine Landreise bietet. Die ungeheure Wassermasse, welche durch Nichts unterbrochen wird und der Umstand, daß die in kurzer Entfernung dem Anschein nach aufliegenden Wolken die Aussicht beschränken, macht die Sache einförmig und todt, und die peinlichste Langweile würde bei Windstille Einem umbringen, wenn sie nicht mitunter von zum Vorschein kommenden fliegenden Fischen, Seeblasen, Boniten, Doraden und Delphinen unterbrochen würde. Mit dem Fangen der Letztern, durch Auswerfung von Harpunen, vergnügten sich die Matrosen, doch nur einmal glückte es, einen zu fangen, da sie sich gewöhnlich wieder losreißen.
Bis zum 21. bot die Fahrt in dem Meerbusen von Mexiko nichts besonderes Merkwürdiges dar. Tags darauf überzogen schwarze Gewitterwolken den ganzen Himmel und von allen Seiten durchkreuzten Blitze das Firmament, doch nur schwach vernahm man noch den Donner, was vermuthen ließ, daß das Gewitter ohne Entladung an uns vorüberziehe, weshalb Niemand froher war als ich, da das in Texas erlebte Naturereigniß einen solchen Eindruck bei mir hinterlassen hatte, daß jeder Blitz eine Erschütterung des Körpers verursachte. Die Läden vor meinem Behälter suchte ich zu schließen, um den Schein vom Blitze weniger zu empfinden und war auch dafür geholfen, so drang doch immer stärker der herabfallende Regen durch die Fugen des zusammengetrockneten Daches auf mich ein, und war eine Ritze mit Baumwolle verstopft, so schüttete die nächste das Wasser um so reichlicher über mich aus, weswegen ich die Arbeit einstellte und mich geduldig dem Tuschbade unterwarf und nur das Brod vor Nässe zu bewahren suchte. — Bis jetzt waren die schlagenden Wellen noch wenig fühlbar, und das Schiff ging ruhig seinen Lauf, schnell drehte sich aber die Luft, und in dem Augenblicke stellte sich der Sturm ein, der immer stärker und stärker das Fahrzeug auf den schäumenden Wogen herumwarf und der Abgrund des Meeres es zu verschlingen drohete. Fürchterlich krachte das Schiff in allen seinen Fugen und als selbst mein Käfig zu wanken anfing, war mir nicht wohl zu Muthe, da die über ihn sich brechenden, herstürzenden Wellen die Decke zertrümmern zu wollen schienen. Die See ging Berge hoch, und Blitz auf Blitz setzte den Himmel in Flammen, Wind und Regen warfen das Schiff auf und nieder, und in dieser fürchterlichen Periode feuerte das Kommandowort des Kapitäns die Matrosen an, die lose gewordenen Ballen und Fässer, welche vom Verdeck jeden Augenblick in die See geschleudert zu werden in Gefahr waren, von Neuem zu befestigen. — Der Sturm hatte die Bande eines meiner Vorsätzläden ebenfalls gelöst und mit angestrengter Kraft suchte ich denselben zu erhalten bis die sich einstellende Seekrankheit es mir unmöglich machte, und solcher über Bord ins Wasser flog. So wurde mir wider Willen die Aussicht auf das Meer eröffnet und den nun einschlagenden Wellen Platz gemacht, welche das Schiff über und über mit Wasser bedeckten und die Möglichkeit boten, mich in meinem Behälter ersaufen zu lassen. Durch und durch naß, drückte ich mich aus einer Ecke in die andere und war bei dieser großen Gefahr keines andern Gedankens mächtig, als an Frau und Kinder, die mich verlieren konnten, ohne je zu erfahren, wo ich hingekommen sey. — Noch waren die Matrosen mit den Segeln beschäftigt, die der Sturm abzureißen drohte, welche Arbeit bei dem unsichern hohen Stand auf nassen Fässern und Ballen äußerst gefährlich war, als der Wirbelwind den obersten Aufsatz des Mittelmastes herabriß und mit solcher Gewalt auf die Decke meines Kahnes schleuderte, daß ich nichts anders vermuthete, als der Blitz habe eingeschlagen, und mit klopfendem Herzen jeden Augenblick den Ruf „Feuer!“ zu vernehmen glaubte. — War auch Ersteres nicht geschehen, so hatte ein anderes Unglück sich ereignet, denn der herabfallende Balken schleuderte einen jungen Matrosen, der zum ersten Mal zur See war, von seinem unsichern Stande in die tobende See. Der Anblick war herzergreifend, wie der junge Mensch aus Liebe zum Leben mit den Wellen kämpfte, bis er zwischen den schäumenden Wassermassen verschwand. — Erst gegen Abend legte sich der Sturm, doch der Himmel blieb fortwährend umwölkt, und machte die Nacht so stockfinster, daß die Fahrt bei der Dunkelheit und der Nähe der Insel Cuba, nur langsam fortgesetzt wurde, um dem leicht möglichen Stranden zu entgehen, was häufig bei den Bahama-Inseln vorkommen soll.
Ganz entkräftet durch das fürchterliche Erbrechen und der ausgestandenen Angst, durchnäßt bis auf den Leib, und in ein Seebad gebettet, da die verquollenen Fugen des Bootes die eingeschlagenen Wassermassen nicht wieder durchließen, machte die Nacht zur Ewigkeit, da an Schlaf nicht zu denken war, und nur meiner guten Natur verdanke ich, daß ich diese fürchterliche Katastrophe überlebt habe. Zum Glück verscheuchte die Morgensonne alle Nebel und ihre warmen Strahlen trockneten die ausgespannten Kleider. Das Boot wurde von Sachen geleert, das Wasser ausgeschöpft, und hatte auch der Inhalt meines gut verwahrten Koffers wenig gelitten, so war doch der im Hutfutteral aufbewahrte Zucker zerweicht, der Kaffee verschüttet und das Brod vom Seewasser durchdrungen, daher es zu schimmeln anfing, und bald darauf nicht mehr zu genießen war. Der wenige Käse war das Einzige, was mir zur Nahrung übrig blieb.
Der Kapitän, von meiner Lage unterrichtet, wünschte mich für die Arbeit des verloren gegangenen Matrosen zu gewinnen, und versprach Kost gleich den Andern, wenn ich mich deren Geschäften mit unterziehen wolle. Dieses war jedoch nicht möglich, denn wie konnte ich, der auf dem Schiffe nicht fest hinter sicherer Brustwehr stehen konnte, das verrichten, was ein Matrose in der Nacht und bei Sturmeszeit zu vollbringen verpflichtet ist. — Um mich geneigter zu machen, die vakante Stelle anzunehmen, wurde mir nichts von Nahrung gereicht. Doch mein Schutzgeist verließ mich nicht, auf anderm Wege wurde geholfen. — Eines der Kinder der Neger-Familie, welche mit auf unserm Schiffe war, hatte ich mir durch die Gabe kleiner Zuckerdüten geneigt gemacht und so lange der im Koffer aufbewahrte Farinzucker auslangte, steckte mir verstohlen das zehnjährige Mädchen von der ihrer Familie gereichten Kost manches Stückchen Fleisch zu, welches zu verzehren, freilich nur der Hunger möglich machte, da die schwarzen Händchen, welche das Pökelfleisch zu verbergen suchten, nicht die appetitlichsten waren, und die Art zu geben, der Fütterung eines Hundes glich, dem man in seinen Behälter ein Stückchen Fleisch zuwirft. — Das von der Mutter bestrafte Kind, welches bei der Entwendung erwischt worden, zog seine wohlthuende Hand zurück, und die immer spärlichere Spendung des auf die Neige gehenden Zuckers war nicht geeignet, die Gunst des Mädchens zurückzubringen.