Der letzte Käse war verzehrt, und vom verschimmelten Brod nichts mehr genießbar, daher ich nothgedrungen, so viel ich es im Stande war, den Matrosen zu helfen suchte. — Mit Begierde ward die erste mir gereichte Reissuppe verschlungen, welche den zusammengeschrumpften Magen erwärmte, und die Kartoffeln mit einem Appetite verzehrt, als wären es die besten Leckerbissen. Zum Glück für mich hatte der Ertrunkene, ein Bötticher, aus leeren Fleischfässern sechs Stück Wassereimer bis auf’s Binden angefertigt, und diese Arbeit auszuführen, war jetzt bei ruhiger See meine Arbeit. — Die Zuneigung der Matrosen erwarb ich mir bald, der Koch wurde durch Schenkung eines Rasirmessers gewonnen, und dieser jetzt weniger wegen meiner Person vom Steuermann, einem äußerst barschen Menschen, beaufsichtigt. So wurde mir an Speisen mehr zugesteckt, als ich bedurfte und um vor möglichem Unfall mich zu wahren, trug ich von diesen ein, wie ein Hamster und verbarg Schiffszwieback und Pökelfleisch im Koffer. — Doch diese Vorsicht war nicht nöthig, denn da die Eimer fertig, die eisernen Reife schwarz, und das Holz mit grüner Farbe angestrichen waren, erlaubte der Kapitän, mich gleich den Matrosen mit Schiffskost zu versehen, da er meinen guten Willen zur Arbeit nicht verkannte, wenn nicht die gewaltsamen Bewegungen des Schiffes gewesen wären, die jedesmal die Seekrankheit bei mir hervorriefen, und das Arbeiten unmöglich machten. —

Nichts besonderes Merkwürdiges kam während der weitern Reise vor, da alle Begebenheiten mit Donner, Blitz, Wind und Wetter durchflochten, nur das schon Erlebte und Erzählte wiederholen. — Das Auffallendste dieser Tour bleibt die Golf-Strömung, welche die Fahrt aus dem mexikanischen Meerbusen bis zur Höhe von Baltimore sehr begünstigt, und den Lauf des Schiffes auch ohne Wind immer in einer gewissen Geschwindigkeit erhält.

Sonntag, am 12. April wurde nach einer dreiwöchentlichen Seefahrt am Marine-Arsenale bei Norfolk beigelegt, um den größten Theil der Schiffsladung, die in eingesalzenem Schweinefleische bestand, auszuladen, welche viertägige anhaltende Arbeit mir äußerst sauer ankam, weil durch das Ziehen am Seile des Krahnes meine Hände voller Blasen wurden. So gern ich auch das Innere der Arbeitsgebäude dieser Anstalt besichtigt hätte, so erlaubte dieses doch die mir am Tage zu Gebote stehende Zeit nicht.

Am Morgen des 17. wurde die Fahrt von Neuem fortgesetzt, und in der Chesapeak-Bai, der Stadt Baltimore zugesegelt. — Das malerische dieser Landenge bietet bei weitem nicht den Reiz, welchen die Einfahrt zwischen Staaten-Island und Long-Island bei New-York dem Reisenden gewährt, ein Panorama, das die erhitzte Einbildungskraft derer zum Paradies erhebt, die zum ersten Male die Seereise machen und durch langentbehrte Ansicht bergiger, mit Wald besetzter Höhen und grüner Thäler entzückt werden; wenigstens mir kam es so vor. Mit ganz andern Gefühlen und Ideen, gemäßigt durch Erfahrung und gewonnene Ueberzeugung im Lande der Freiheit selbst, betrat ich den Boden vom Staate Maryland, als es das erste Mal der Fall war, wo ich bei New-York an’s Land stieg.


Dreißigster Brief.

Baltimore.

Im April 1840.

Am 18. April Vormittags befanden wir uns ganz in der Nähe der Stadt. Die Fahrt ging bei wenig ausgespannten Segeln nur langsam vorwärts, während dem der Lootse mit dem Senkblei in der Hand, die Tiefe des Wassers zu erforschen suchte. — Ohne weitere Quarantaine halten zu müssen, da der Kapitän mit den Kajüten-Passagieren schon von Norfolk aus, mit dem Dampfboote nach Baltimore vorausgegangen war und vermuthlich über Alles schon rapportirt hatte, fuhren wir bis in die Mitte der Stadt an die Magazine an, wo die noch auf dem Fahrzeuge befindlichen Waaren niedergelegt wurden.

Mit der Adresse meines Landsmanns Gottfried Lieber in der Hand, wünschte ich vor Allem dessen Wohnung aufzufinden, wurde aber aus einem Stadttheile in den andern verwiesen, da der Name des Gäßchens, wo er wohnen sollte, undeutlich geschrieben war. Ermüdet suchte ich im nächsten Speisehause Stärkung, wo ich so glücklich war, einen Bekannten von ihm zu finden, welcher nach dem Mahle so gefällig war, mich bis in die Nähe der gesuchten Wohnung zu bringen. — Mit offenen Armen wurde ich von Lieber empfangen und seiner Familie als alter Schulfreund vorgestellt. — Ein zweiter Landsmann, Papst, welcher bei Ersterem in boarding war (in Wohnung und Kost seyn), bot gleichsam zum Willkommen die Hand, und von Beiden dazu bestimmt, schlug ich in ihrer Mitte die Wohnung auf.