Die Lage aller von mir getroffenen Landsleute hier, ist nicht von der Art, daß sie um das Glück, was sie in Amerika getroffen, zu beneiden wären. In der Nähe besehen, nimmt sich Vieles anders aus, als man durch briefliche Schilderungen glauben zu machen sucht. Ohne mich weiter auf gewünschte Auskunft einzulassen, bemerke ich nur noch, das nicht alles Gold ist, was glänzt. — Was die zweite Anfrage anlangt, wegen der hierher importirten Verbrecher[52], erlaube ich mir die Bemerkung, daß ich nur Einen davon, und wie es schien, gebessert, in Baltimore getroffen, aber dieser Zusendung halber, mitunter viel Vorwürfe habe hören müssen. Wie man darüber hier urtheilt, mag folgender Zeitungs-Auszug bekunden: „Daß deutsche Verbrecher, und zwar auf Befehl deutscher Regierungen nach den Vereinigten Staaten importirt worden sind, scheint keinem Zweifel zu unterliegen und wird uns von den glaubwürdigsten Männern versichert, nur scheinen darüber keine schriftlichen Dokumente vorhanden zu seyn. — Daß es schließlich in einer Seestadt, wie Baltimore, überhaupt an Gesindel und charakterlosen Geschöpfen jeder Art, so auch an deutschem Gesindel nicht fehlen wird, und an verworfenen Menschen, welche Hang zum Müßiggang und Hoffnung auf Gewinn aus unserm Vaterlande hierher gelockt, und die hier wie dort eine Last und Schmach der Gesellschaft sind, versteht sich leider von selbst, und die schamlosen Betteleien mit Trug, List und Undank gepaart, die von deutschen Einwanderern handwerksmäßig getrieben werden, und wofür wir selbst zahlreiche Beweise liefern können, sind allerdings der biedern, betriebsamen und allgemein geachteten deutschen Bevölkerung unserer Stadt längst ein Greuel, und je mehr dieses in den Augen der Amerikaner auffallen, Widerwillen und öffentlichen Tadel hervorbringen muß, desto mehr ist es die Pflicht aller Bessergesinnten unter unsern deutschen Mitbürgern, mit vereinten Kräften dahin zu wirken, daß zur Ehrenrettung des deutschen Namens, diesem Unwesen gesteuert werde etc.“
Was muß sich nun der eingeborne Amerikaner nach diesem Geständnisse der Deutschen selbst für einen Begriff von der Kenntniß deutscher Regierungen über den moralischen und sittlichen Zustand Amerika’s machen? Da man sich nicht scheut, ihnen den Abschaum menschlicher Gesellschaft zu überschicken, wird dadurch nicht geradezu einer freundlichen, humanen Aufnahme von Seiten der Amerikaner entgegengearbeitet, und geht nicht Achtung für denjenigen, welcher geehrt und geliebt in der Heimath, nur aus überspannten Ideen, oder sonstigen Maximen sein Vaterland verläßt, hier verloren? Muß dadurch nicht der Gerechte mit dem Ungerechten leiden?
Um die falschen Ansichten der Eingebornen über unser Vaterland und dessen Verfassung noch zu mehren, tragen besonders solche Emigranten bei, welche sich als verfolgte Demagogen ausgeben, die für das Beste der deutschen Freiheit, mit Mund und Feder gestritten haben wollen, und von ihrer Regierung verfolgt, nur im freien Amerika sichere Zuflucht gefunden hätten, obgleich sich Niemand in der lieben Heimath um solch ein Subjekt bekümmert hat, welches vielleicht schlechter, unpolitischer Streiche halber relegirt oder im Examen durchgefallen ist und sich hier nun durch Erzählung solcher Mährchen, Theilnahme und Unterstützung zu verschaffen sucht. Daß das von solchen Menschen geschaffene Bild über deutsche Verfassung den deutschen Emigranten nur zum Nachtheil gereichen muß, ist natürlich, da der sich allein frei dünkende Amerikaner darin nur despotische Regenten und sklavische Bettler zu erblicken glaubt.
Gewöhnlich gesteht sich auch der mit dem getroffenen Loos unzufriedene Deutsche hier nicht ein, daß nur er allein und außer ihm Niemand weiter die Schuld trägt, warum er nach Amerika versetzt worden ist, und sucht immer die Regierungsform vorzuschützen, welche zu diesem Vorhaben die Ursache gewesen wäre, obgleich diese zu beurtheilen, ihm selten die Kenntniß zusteht, wie die Widersprüche seiner Angaben hinlänglich bekunden. Als Beispiel mag die Bemerkung gelten, wie einer meiner Landsleute, (Schuhmacher) bis im dritten Himmel entzückt, sich über amerikanische Freiheit ausließ, wo jeder treiben dürfe, was er wolle. Auf die von mir gestellte Frage, welches die ihm zum Auswandern bestimmte Ursache sey, da ich doch wisse, daß er in seiner Vaterstadt recht gute Tage verlebt habe, gab er zur Antwort: wie höchst ungerecht es von der Behörde sey, jeden zum Meister sich Anmeldenden aufzunehmen, wodurch der Verdienst der alten Meister geschmälert und deshalb dieselben einer trüben Zukunft entgegen sehen müßten, aus welcher Ursache er den Wanderstab ergriffen und in das schöne freie Amerika gereist sey!
Einunddreißigster Brief.
Reise nach Washington.
Im Juni 1840.
Die Arbeit im Gärtchen vor Thalemanns Wohnung in Franklinwork, welches in Stand zu setzen, mich beschäftigte, wenn ich nicht in Baltimore war, wurde beendigt, und da man in der Stadt nur solche Arbeit fand, welche die sich damit Beschäftigenden im Laufe der ersten Woche gewöhnlich wieder verlassen, so fühlte ich keinen Beruf und Lust, in Steinkohlen-Niederlagen oder Backstein-Fabriken meine Zeit zu verlassen, oder als Feuermann bei dem Dampfkessel einer Fabrik einzutreten, und es wurde beschlossen, Baltimore unverzüglich zu verlassen, da auch die letzte Aussicht, bei einem Destillateur ein Unterkommen zu finden, sich nicht realisirte, indem der Herr mich für zu gescheidt hielt, und sich nicht, wie er vorgab, der Gefahr aussetzen wolle, durch mich seine Geheimnisse weiter verbreitet zu sehen. Dabei gab er mir den Rath, mit meinen Kenntnissen nicht eher als im Laufe der Arbeit hervorzutreten, da der Amerikaner nicht gern gescheidtere Leute anstelle, als er selbst sich dünke; noch weniger aber von Deutschen Lehren annehmen würde.