Am 6. Mai brachte mich Freund Thalemann auf die Chaussee, welche von Baltimore nach York führt, in welcher Stadt hauptsächlich viele kleinere landwirthschaftliche Brennereien angefertigt werden sollten, und wo ich in meinem Fach Beschäftigung zu erhalten hoffte.
Der Bau der Kunststraßen, Turnpikeroad genannt, wird ebenso wie Eisenbahnen und Kanäle, von Spekulanten ausgeführt; Chausseen sind gewöhnlich 25 Schuh breit und mit Meilensteinen versehen. — Daß bei Ausführung solcher Kunststraßen, wie Eisenbahnen, nicht immer auf einen soliden Unterbau gesehen wird, um möglichst wenig Anlagekapital zu verwenden, mag die Ursache seyn, daß solche bei mangelhafter Beaufsichtigung, sich nicht immer in einem soliden Zustande befinden, wenigstens ließ die von mir heute passirte Strecke Vieles zu wünschen übrig. — Bei eingezogener Erkundigung, ob die Landstraßen auf Staatskosten erbaut und erhalten würden, wurde mir gesagt, daß dieses nur mit wenigen der Fall sey; großartige Unternehmungen, wie Kanal-, Brücken-, Eisenbahn- und Straßen-Bauten würden in der Regel von einer zusammengetretenen Gesellschaft Aktionäre unternommen, und vorzüglich von denen unterstützt, welche der zu errichtenden Straße am nächsten wohnen, weil durch Erleichterung des Waarenverkehrs ihre Erzeugnisse leichter Absatz fänden, und dadurch der Werth ihrer Grundstücke sich steigere. — Nach vollendeter Arbeit wird von den Aktionären ein Wegegeld erhoben, doch nicht auf die ganze Länge der Straße in gleichen Ansätzen für die Meile, sondern jenachdem das Terrain zwischen den 1½ bis 2 Stunden auseinander gelegenen Einnahmestellen mehr oder weniger Anlage-Kapital erfordert hat, wodurch der Reisende genöthigt ist, die auf Verlangen vorgezeigten Tariftabellen zu studiren, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen will, daß ihm zu viel abgenommen werde. — Dann soll es aber auch vorkommen, daß zusammengetretene, großartige Spekulanten den Plan zu einer Eisenbahn der Regierung vorlegen, mit dem Bemerken, daß man im Besitz eines großen Vermögens sey, dasselbe aber in Cirkulation merkantilischer Geschäfte sich befände und Hemmung in ihre Geschäftsthätigkeit bringen würde, wenn man es einziehen wolle. Man stellt daher das Gesuch, für so und so viele Millionen Papiergeld machen zu dürfen, welches nach Verlauf einer bestimmten Zeit wieder eingezogen werden solle. Die Erlaubniß erfolgt, ohne daß jedoch der Staat eine Garantie übernimmt, und nichts geht schneller, als das Papiergeldmachen. Die Bahn, in verschiedene Sektionen getheilt, wird zu gleicher Zeit an allen Orten angegriffen, da das Geld vollauf vorhanden ist und langt die veranschlagte Summe nicht aus, so giebt es Papier ohne Ende, und schnell ist der Schaden geheilt. Je nachdem nun den Unternehmern Vertrauen geschenkt wird, richten die Lieferanten ihre Kontrakte darnach ein, und die Entreprenneurs von Erdarbeiten lassen sich darnach zahlen, welche wiederum ihre Arbeiter annehmen und verlohnen; so kommen nun solche Eisenbahn-Noten in die Hände der ärmern Klasse, wo sie den Werth des Silbers als Papiergeld verlieren und immer nur einen momentanen Werth besitzen; denn sobald eine Bank die Annahme solcher Noten verweigert, wozu sie Niemand zwingen kann, so ist es um ihren Kredit geschehen und von Tag zu Tage sinken sie im Werthe, je mehr man sich bemüht, sie los zu werden, bis sie ganz außer Kurs sind und der Sparer wieder von vorn anfangen muß. Was hat nun die Eisenbahn gekostet? Nichts weiter, als einige Ries Papier und Druckerlohn der Noten. — Die Regierung mischt sich in solch einen Handel nicht, da nach dem Gesetz Niemand zur Annahme von Papiergeld gezwungen werden kann, und wer solches gethan, sich allein die Schuld beizumessen hat.
Im Städtchen Manchester, welches von mir berührt wurde, traf ich den Kupferarbeiter Albrecht aus Sangerhausen, und bei ihm einen seiner Söhne, der in Weimar bei mir in Arbeit gestanden. Bis zum 13. Juni blieb ich in ihrer Mitte, um solche im Bau der neuesten Brenngeräthe zu unterrichten. — Diese brave Familie hat auch in Amerika nicht das Glück gefunden, welches ihnen zu wünschen ist. Bei starker Familie, Vater von 10 Kindern, hat er mit manchen Widerwärtigkeiten kämpfen müssen, bis ihm das Plätzchen wurde, wo er jetzt mit seiner Familie lebt und von seiner lieben Frau treulich unterstützt wird. Der älteste Sohn hat der Fahne geschworen, und ist Soldat, der zweite hilft treulich dem Vater im Geschäfte, der dritte lernt als Papiermüller, der vierte als Schmidt, die älteste Tochter ist verheirathet, die übrigen jüngern Geschwister sind noch im Hause der Eltern und suchen treulich, jedes nach Kräften, mit zu erwerben.
Während meines Aufenthaltes hier, fand ich in dem Schwiegersohn des Albrecht, den Schneider Eck, einen fleißigen, braven und geselligen Menschen, in dessen Nähe ich gewöhnlich meine Freistunden verlebte. — Einst saßen wir nach beigewohntem Nachmittags-Gottesdienst, da das Kirchengehen hier zur sonntäglichen Erholung gerechnet wird, in der Stube, und vertrieben uns bei unfreundlicher Witterung die Zeit mit Kartenspielen um Marken, als ein Kunde von Eck eintrat, nach seinen neu angefertigten Sachen frug und uns Kartenspielen sah. Bald darauf kam der Esquire (Richter), um uns, die den Sonntag entheiligt hätten, in Strafe zu nehmen; zum Glück war das Spiel geendet und wir kamen mit der Drohung davon. Eben so wurde ich einen andern Sonntag zur Verantwortung gezogen, weil von mir zwischen der Vor- und Nachmittags-Kirche Zwecken in Stiefeln geschlagen worden waren.
Bei aller Gewissensfreiheit darf dennoch am Sonntag weder gearbeitet, oder gespielt, noch gejagt, am wenigsten aber getanzt werden, da solches unter die Todsünden gerechnet wird. Mit was soll nun der Mensch hier, bei welchem aller Sinn für das Höhere verloren geht, wo der Geist bei dem Streben nach leiblicher Wohlfahrt gänzlich unterliegt, die Zeit zwischen und nach den Kirchen an Sonn- und Ruhetagen ausfüllen? Die Hausfrau und Mutter bleibt im Kreise ihrer Familie zu Haus eingesteckt, der Mann aber sucht sich in einem Trink-Store die Zeit zu kürzen; doch ist es hier nicht ein nahrhaftes Bier, was zum Getränke dient, nein, Branntwein ist es, der, um ihn dem Gaume wohlschmeckender, dem Magen aber verderblicher zu machen, noch mit Zucker, Citronensäure und verschiedenen andern Essenzen vermischt wird. — Stoff zur Unterhaltung geben nur politische Gegenstände und die Zeitblätter sorgen immer dafür, daß es an dieser oder jener Maßregel etwas zu tadeln giebt, worüber, ohne allgemeine Kenntniß von der Sache selbst zu besitzen, ja wovon oft nicht ein Wort wahr ist, ein Urtheil gefällt wird. Partheigeist veranlaßt ewige Streitigkeiten und immer versucht Einer seinen politischen Glauben einem Andern aufzudringen, wobei oft die erhitzten Gemüther thätlich an einander gerathen, wenn des Guten zu viel genossen worden und man für die Sache eingenommen ist.
Sobald der Amerikaner ausgefunden hat, wozu wenig Scharfblick gehört, daß ein Europäer in seiner Nähe ist, so schaut er mit stolzem Haupte auf, prahlt mit seiner Konstitution und Freiheit, und preißt sich glücklich in einem Lande zu leben, wo ein Jeder ungestraft denken, reden und schreiben kann, was er will, wo wir dagegen Sklaven, die man leider Unterthanen nenne, durch Zensur und Preßzwang am geistigen Aufschwung zurückgehalten, wo nicht gar unterdrückt würden. — Doch nur zu bald wird man die Schattenseite dieses Wahnglaubens gewahr und man fühlt sich in der Nähe solcher Menschen nicht heimisch, und wer nicht aufgelegt ist, solche Debatten zu bestehen, sieht sich genöthigt, in seiner Behausung zu bleiben oder in Gottes freier Natur seinen Gedanken Audienz zu geben.
Um vor meiner Abreise nach Washington die von Orleans nach Baltimore mitgebrachten Sachen zum Transport nach New-York zu packen und von den Freunden Abschied zu nehmen, kehrte ich am 10. Juni zu Fuß nach Baltimore zurück und den ersten Tag schon vom Stiefel gerieben, suchte ich solches zu verbessern, als ein Reiter mit zwei Pferden daher trabte und mir zurief, ob ich nicht mit reiten wolle. Hatte auch das Handpferd keinen Sattel, so glaubte ich doch: schlecht geritten sey besser, als gut gegangen und willigte ein. Doch bald wurde ich gewahr, daß der Gaul blind war, über jeden Stein stolperte und mich der Gefahr des Halsbrechens aussetzte und nur weil der schelmische Amerikaner das Aas, welches mich trug, nicht gut fortbringen konnte, offerirte er es mir zum Reiten. Nur bis zum nächsten Gasthof noch, vermeinte ich das Thier zu gebrauchen, aber kaum gedacht, stürzte der Gaul und spedirte mich gleich einem geprellten Frosch in den Chausseegraben. Nicht vermögend aufzusteigen, und noch weniger im Stande zu gehen, da der Knüppeldamm, worauf ich gefallen war, die Seite verletzt hatte, nahmen mich auf mein Bitten daherkommende Frachtfuhrleute auf und der gereichte Branntwein mußte die Stelle des Spiritus ersetzen. Der Verführer zum Reiten hatte gleich nach dem Unfall, welcher mich betroffen, sich mit den Pferden auf und davon gemacht und durch die Flucht sich meinem Unmuth entzogen.
Der Pennsylvanische Fuhrmann, dessen Wagen mich aufgenommen, und welche nie anders, als vom Sattel fahren, setzte sich traulich zu mir, um von dem Lande, aus dem sein Großvater abstammen sollte, Etwas zu hören, und was, wie ich vermuthen mußte, Hessen-Kassel gewesen war. Dunkel erinnerte sich selbiger noch, wie ihm als Kind der Eltern Vater von einem großen Manne erzählt habe, welcher Christoph geheißen, und zu welchem viele Leute gereist seyen, doch warum, wisse er nicht mehr. Um so angenehmer war es mir, daß ich dem Amerikaner die Geschichte vom großen Christoffel, und alle den Wasserkünsten in seiner Umgebung erzählen konnte, worüber der Mann sich kindlich freute und seine Kameraden herbeirief, um solchen in englischer Sprache das Vernommene sogleich wieder mitzutheilen, weil man in Amerika von derartigen Wasserkünsten nichts kennt und sich nur auf das nöthige Röhrwasser beschränkt.
Die deutsche Sprache dieser Pennsylvanier-Deutschen war unrein, platt und kaum zu verstehen, und dabei versicherte man mich, daß die englische Sprache die deutsche immer mehr verdränge, und man ohne die erstere in Pennsylvanien wohl fortkommen, aber keine Handelsgeschäfte machen könne. —
Die grün oder blau angestrichenen Fuhrmannswagen sind gleich den unsrigen mit Leinwand überzogen und mit vier, fünf oder sechs Pferden bespannt, wobei immer nur so viel Fracht aufgeladen wird, als die Kräfte der Thiere gestatten, um die Last über steile Höhen zu ziehen, da Vorspannepferde hier nicht in Anwendung kommen.