‘Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist ihr’ u. s. w. Mit diesen (hier erwähnten) acht Tugenden sind alle die in das {20} Himmelreich gekommen, die darinnen sind. Und mit denselben acht Tugenden müssen noch alle dahin kommen, die jemals hineinkommen sollen. Nun will ich die sieben unterwegs lassen, und {20} will nur von ihrer einer reden, da an einer jeglichen von ihnen so viel des Guten ist (und von einer jeglichen von ihnen wäre gar viel und gar lang besonders zu reden), und wie manche Untugend uns in diesen acht Tugenden irre macht, das würde besonders von jeder gar lang zu sagen sein. Da man dies Alles in einer Predigt nicht zu Ende bringen kann, noch in vieren, noch in zehn, so will ich heute nur von denen reden, die ein reines Herz haben, und von denen man heute in dem heiligen Evangelio da liest: ‘Selig sind die reines Herzens sind, sie werden Gott sehen.’ Die sind wohl wahrhaft selig, die Gott sehen. Es überbietet alle Seligkeit, die je {30} ward oder jemals werden kann, wer Gottes ansichtig wird: so süss und so wonniglich ist der Anblick, den man an Gott hat. Keiner Mutter ward je ihr Kind so lieb (ich spreche nicht von Unserer Frauen), sollte sie es drei Tage ohne Unterlass ansehn, so dass sie nichts andres pflöge, denn dass sie nur ihr liebes Kind ansähe: doch ässe sie lieber am vierten Tage ein Stück Brot. Und nun möchte ich gern, dass ich ein so guter Mensch wäre, wie wahr das ist, was ich jetzt sagen will. Wenn das so sein möchte, dass man zu einem Menschen, der jetzt bei Gott ist, spräche: ‘Du hast {20} zehn Kinder auf Erden, und du sollst für sie alle das erwerben, dass sie damit Ehre und Gut bis an ihren Tod haben, so du einen einzigen Augenblick von Gott hinweg siehst, nur so lange als Jemand seine Hand umkehren möchte, und blicke dann wieder auf Gott, und sollst deine Augen nie wieder von ihm kehren’: der Mensch thäte es nicht. So wahr, o Herr, als deine Wahrheit ist, so wahr ist diese Rede, dass er diese zehn Kinder bis an ihren Tod lieber nach Almosen gehn liesse, als dass er sich die kurze Weile von Gott wenden wollte. Die Engel haben ihn wohl sechstausend Jahre angesehn, und sehen ihn heute so gern als am ersten Tag. {30} Und sie sind auch allesammt wie am ersten Tage, da sie Gottes ansichtig wurden. Keiner von ihnen ward seither älter als am ersten Tage, und sind doch seither wohl sechstausend Jahr alt. Wer von uns hundert Jahr alt würde, der wäre den Leuten so schmählich anzusehn, wegen seiner Hässlichkeit und wegen der Gebrechen, die das Alter an ihm gemacht hätte. Wenn man malet die Engel, {20} da seht ihr wohl, wo man sie auch malet, dass man sie nie anders malt als ein Kind von fünf Jahren, so jung, oder von sechs Jahren. Denn alle die Gott sehn, die werden nie älter, die ihn im Himmelreich sehen in seinen Freuden und seinen Ehren. Auf Erden sehen wir ihn alle Tage in seiner Macht. Kein irdischer Sinn und kein irdischer Leib könnte das ertragen, dass ein menschlich Auge ihn jemals ansähe in seinen Freuden und seinen Ehren, wie er im Himmelreich ist. Wir sagen euch manchmal ein Gleichniss, wie schön Gott sei. Seht, Alles was wir je sagen können oder mögen, das ist so recht dem gleich, als ob ein Kind uns sagen sollte, wenn {30} es möglich wäre, während es in seiner Mutter Leib beschlossen ist, und dies Kind sollte erzählen von all der Würde und all der Zierde, die die Welt hat, von der lichten Sonne, von den lichten Sternen, von edler Steine Kraft und ihrer mannigfachen Farbe, von der edlen Gewürze Kraft und von ihrem edlem Geruch, und von dem reichen Schmucke, den man aus Seide und aus Gold macht in dieser Welt, und von dem mannigfachen süssen Getön, welches die Welt hat, von Vogelsang und Saitenspiel, und von mancherlei {20} Blumen Farbe, und von all dem Schmuck, den diese Welt hat. So unmöglich und so unbekannt es einem Kinde wäre davon zu sprechen, das noch in seiner Mutter Leib beschlossen, das nie weder Böses noch Gutes sah, noch irgend welche Freude empfand; so unbekannt dem Kinde davon zu reden ist, so unbekannt ist auch uns davon zu reden, von der unsäglichen Wonne, die da im Himmel ist, und von dem wonniglichen Antlitz des lebendigen Gottes. Denn alle die Freude, die da im Himmel ist, die kommt alle nur von dem Glanze, der von unsres Herrn Antlitz ausgeht. Und gerade wie alle Sterne ihr Licht von der Sonne empfangen, so {30} haben alle Heiligen ihre Zierde und ihre Schönheit von Gott, und ebenso die Engel und das ganze himmlische Heer. Gerade wie alle Sterne des Himmels, der Mond und die Planeten, grosse und kleine, die haben allesammt ihr Licht von der Sonne, die uns da leuchtet: ebenso hat das ganze himmlische Heer, Engel und Heilige, die höchsten und die geringsten, die haben allesammt ihre Freude und ihre Wonne und ihre Zierde und die Ehre und die Würde und auch die Schönheit, das haben sie allesammt von dem Anblick Gottes, {20} davon dass sie Gott ansehn. Die Engel, die da unser hüten, die sehen ihn zu aller Zeit, als ob sie bei ihm wären. Denn all die Freude, die im Himmelreich ist, die däuchte ihnen nichts, sollten sie Gott nicht ansehn. Und deshalb: ‘Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott sehn.’ Nun seht, ihr liebe Christenheit, wie selig die sind, die da ein reines Herz tragen. Ihr junge Welt, die ihr noch unbefleckt von Sünden seid, hütet euer Herz vor allen tödlichen Sünden: dann werdet ihr Gott sehn in solchen Freuden und so grossen Ehren, die kein Auge je sah und kein Ohr gehört hat, wie St. Paulus spricht. Und wie St. Johannes spricht: {30} ‘Wäre es möglich, dass man es alles insgesammt schreiben könnte, die Welt würde die Bücher nicht in sich fassen, wo es geschrieben stände, was ich sah. Und alles was ich sah, das war nichts als Gott allein.’ Und darum möchten wir doch gern in das Himmelreich kommen und dafür arbeiten. Wenn uns auch nicht die Liebe und die Minne, die wir Gott schuldig sind, dazu drängten, seht, so möchten wir doch darum schon dahin kommen, nämlich um des Wunders willen, das dort ist. Es steht so Mancher vor mir: {20} wer dem von solcher Freude sagte, dass sie jenseit des Meeres wäre, er führe gar schnell dorthin von hier übers Meer, nur damit er es sähe. So solltet ihr also hundertmal lieber dafür arbeiten, dass ihr es auf immer und ewig geniessen solltet. Das wonnigliche Angesicht des allmächtigen Gottes und der himmlischen Königin zu seiner rechten Seite in goldenem Gewand, die möchtet ihr gern ansehn. Würde euch ein einziger Blick zu Theil, so wäre euch all die Freude und die Ehre und all die Wollust, welche die Welt je gewann, das wäre euch hinfür so widerwärtig und auch so gleichgültig, gerade wie St. Paulus da sprach. Nun höret, wie der {30} sprach. Er sprach: ‘Alle die Ehre und die Freude und das Gemach, das diese Welt je gewann von Kaisern und von Königen, gegen die Freude, die im Himmelreich ist; so widerwärtig einem, ein Dieb an einem Galgen wäre, so kurz einem die Zeit damit wäre, dass man einen gehängten Mann lieb haben sollte, gegen alle die Freude, die die Welt hat: so widerwärtig ist mir die Freude der ganzen Welt gegen die ewige Freude.’ Ei wohl euch, dass euch eure Mutter je trug, euch, die solche Freude besitzen sollen. {20} Von denen ist, so Gott will, Mancher hier vor meinen Augen. Auch ist Mancher, der dafür gar kleine Freude hier auf Erden empfängt, und was dem guten St. Paulus so verächtlich erschien, davon wird ihm nicht der tausendste Theil. Und die haben übel gekauft, die so übergrosse Freude für ein so kurzes Freudelein auf dieser Welt hingeben. Die sind übel gefahren: denn sie haben nichts, weder hier noch dort. Wie ich eben sagte, ganz in gleicher Weise, gerade wie alle Sterne des Himmels ihr Licht von der Sonne haben, also hat das ganze himmlische Heer sein Licht von dem wahren Sonnen, sintemal unser Herr der wahre Sonne und {30} das wahre Licht ist, wie der gute St. Johannes da spricht. Der nennet ihn das wahre Licht, wie das auch ganz wahr ist: denn er ist das wahre Licht, das nie verlischt. Und alle die von seinem gottfarbigen Lichte entzündet werden, die erlöschen auch nimmer zufolge des Glanzes, den sie von dem wahren Sonnen haben. Und wie viel die Sonne lichter und glänzender ist, als (Alles) was wir da sehn, wie viel sie Licht und Glanz über alle Sterne hat, die am Himmel stehn, so viel hat der wahre Sonne im Himmelreich mehr Schein und Glanz über alle Engel, und ist geziert und geehrt mit allen Ehren, wie es billig ist. Und deshalb sind sie selig, die {10} ein reines Herz haben: denn sie werden Gott sehn.
HEINRICH SUSO.
[Scherer D. 238, E. 230.]
Mystiker. Aus edlem Geschlecht im Jahre 1300 zu Constanz geboren, ward Dominikaner, lebte später in Cöln und vorzüglich in Ulm, wo er 1365 starb. Der Name Suso stammt von seiner Mutter, welche Seuse hiess. Herausgegeben von Diepenbrock (Regensburg 1829, 3 Aufl. Augsburg 1854); Denifle Bd. 1 (München 1880).
WIE ER BEGIE DAZ ÎNGÂNDE JÂR.
Als zuo Swâben in sînem lande an etlichen stetten gewonlich ist an dem îngândem jâre, sô gânt die jungelinge des nahtes ûz in unwîsheit[230] und bitent des gemeiten[231], daz ist: siu singent lieder und sprechent schœniu gediht und bringent ez zuo, wie siu mügent mit hovelîcher wîse, daz in iriu liep schappel gebent. Daz viel sînem jungen minnerîchem herzen alsô vast în, sô er ez hôrte, daz er ouch der selben naht für sîn êwigez liep gie und bat ouch des gemeiten. Er gie vor tage für daz bilde, dâ diu reine muoter ir zartez kint, die schœnen êwigen wîsheit ûf irre schôze an ir herze hâte getrücket {20} und kniuwete nider und huop an zuo singende in stillem süezem getœne sîner sêle ein sequenzie[232] der muoter vor an, daz siu ime erloubte ein schappel zuo erwerbende von irem kinde, und dô er ez niht wol kunde, daz siu ime dâ hulfe. Und wart ime dik[233] als ernst und alsô nôt zuo weinende, daz ime die heizen trahen über diu wangen ab walten. Sô er dâ ûz gesang, sô kêrte er sich denne gên der herzelieben wîsheit und neig[234] ir ûf die füeze und gruoste si von dem tiefen abgründe sînes herzen und ruomde siu mit lobe an schœne, an adel, an tugenden, an zartheit, an frîheit mit iemer werender wirdikeit über alle schœnen juncfrowen diser welt, und tet daz mit singende, mit sagende, mit gedenken und mit begirden, sô er iemer beste kunde; und wunschte denne, daz er in geistlîcher {10} wîse aller minner und minneclîcher herzen ein vorloufer wêri und aller lieplîcher gedenken, worten und sinnen ein orthaber[235] wêri, dar umb, daz er die wirdigen gnuog minneclîch von irem unwirdigem diener kunde geloben. Und sprach denne ze jungest alsô: ‘ach du bist doch, liep, mîn frœlîcher ôstertag, mîns herzen sumerwunne, mîn liebiu stunde! Du bist daz liep, daz mîn jungez herze allein minnet und meinet, und allez zîtlich liep durch dich hât versmâhet. Des lâz, herzen trût, mich geniezen und lâz mich hiut ein schappel von dir erwerben. Ach, miltez herze, tuo ez durch dîn götlîchen tugende, durch dîn natiurlîchen gnâde, und lâz mich hiute an disem {20} îngândem jâre niht lêr von dir gân. Eyâ wie stüende ez dir, süeziu süezikeit! Gedenke, daz ein dîn lieber kneht uns von dir seit und sprichet, daz in dir niht sî Nein und Jâ: in dir sî niuwent[236] Jâ und Jâ. Dar umb, mîns herzen minne, biut mir hiut ein minneclîchez Jâ dîner himelschen gâbe; und als den touben minnern ein lieplîchez schappel würt gegeben, alsô müeze mîner sêle hiute zuo einem guoten jâre etwaz sunderlîcher gnâden oder niuwes liehtes von dîner schœnen hant werden gebotten, zarte, trûte mîn wîsheit!’ Diz und des glîch begunde er dô und gie niemer ungewert dannân.
Fußnoten:
[166] ringsum, in der Nähe.
[167] das ich.