2.
{20} DIE XV FABEL VON DES KÜNIGES SCHNYDER UND SYNEM KNECHT.

Untrüw umb böslist iecz gemain ist, und das du dir nit beschenhen wilt, das tuo kainem andern. Des hör ein schimpffrede. Ain künig hettainen schnyder, der ieder zyt syne klaider wol kund machen, ouch iedem menschen nach synem wesen[543]. Er hette ouch vil guoter knecht, die fast wol[544] neyen[545] kunten, under denen was ainer, Nedius gehaissen, der für die andern alle der best was. Uff ain zyt als der hochzytlich tag nachnen was, berüffet der künig den selben schnyder, und sprach zuo im. Du solt mir und mynen {30} dienern uff dises fest kostliche klaider machen, und tuo das unverzogenlich[546], und dar umb daz kain verziehen dar inn beschähe, ordnet er inen ainen obmaister Eumicus gehaissen, der in uff wartet, daz sie ennlich[547] solten arbaiten, und sie mit essen und trinken wol versähe. Uff ain zyt als Nedius nit anhaimisch[548] was, gabe Eumicus den schnydern allen warmes brot und hönig zuo ander spys und sprach zuo inen: Ir söllen Nedio synen tail behalten. Do sprach der maister, Nedius ässe kain hönig, ob er ouch da wäre. Do Nedius komen was, sprach er: Ir habent on mich geessen und mir mynen tail nit behalten. Do sprach Eumicus: Dyn maister sagt, ob du wol hie gewesen waurest, dannocht hettest kain hönig geessen. Nedius schwige dar zuo, und gedacht emsiglichen[549], {10} wie er synem maister möcht widergelten. Und uff ain zyt, do der maister nit gegenwirtig was, füget sich under andern reden, daz Eumicus zuo Nedio sprach: Sag mir, Nedie, ob du ie kain bessern zuoschnyder gesehen habest, wann dyn maister ist. Antwürt Nedius: Ja, herr, er wäre fast gut, wa die krankhait in nicht so ser bschwärte. Do in Eumicus fraget, waz krankhait er an im hette, do sprach der Nedius zuo im: Ja, herr, er würt ouch etwan so wütend tobsüchtig und so gauchlingen[550], wa man nit bald dar vor wäre mit binden oder villycht mit ruotenschlahen, nieman möchte sicher by jm belyben. Do sprach Eumicus: Habt ir aber kain {20} zaichen, dar by ir kennen mügent, wann in die krankhait an wölle stossen? Nedius antwürt: Herr, ja. Wann er umb sich hin und her senhen würt und mit den füssen[551] uff die taffeln klopffen, mit den füssen strögeln[552] und synen stuol, dar uff er siczet, uff heben, so komt die tobsucht an in. Do sprach Eumicus: So will ich dester bas[553] warten, das niemand von im geleczet[554] werde. Du tuost wol dar an, sprach Nedius. Unlang dar nach, als Eumicus und syn diener by den schnydern warent, verbarg Nedius dem maister syne scher, und als er schnyden solt, und die scher nit enfand, ward er[555] umb sich senhen und uff die büny[556] klopffen mit den henden, {30} ob er die scher itt höte, und synen stuol uff heben. Do wenet Eumicus, in wolte die tobsucht an komen, und schuoff als bald, daz man in binden solt, und do er sich weret und schryen ward, schluogen sie in so lang, uncz daz sie müd wurden und er blöd[557] ward. Do er sich aber wider erholet, sprach er: O herre warum hast du mich so hart lassen schlahen? Antwürt Eumicus. Maister, ich hab das dir zenucz gethan, wann Nedius hat mir gesagt, wie du zuo ettlichen zyten tobsüchtig werdest und nieman vor dir sicher sie, und dir nit ee noch bass geholffen werden, wann durch binden und schlahen. Do sprach der maister in zorn bewegt zuo Nedio: Sag, du schalk, wa hast du erfaren, oder von wannen waist du, daz ich tobsüchtig würd? Nedius antwort und sprach: Zuo den zyten als du erfurest, daz ich warm brot und honig nit essen mocht, do ward mir dyn tobsucht kund gethan. Diser antwürt {10} lachent Eumicus und allen gesellen, und merktent, daz er syne schuld mit gelycher müncz wolte bezalen. Nach gemainem sprichwort: Ein gefatterschaft über den zon, die andern herwider. Darumb, was du dir nit beschenhen wellest, das tuo kainem andern.


EULENSPIEGEL.

[Scherer D. 266, E. 261.]

Die vielfach erweiterte Geschichte eines Menschen des Namens Eulenspiegel, der wahrscheinlich im vierzehnten Jahrhundert wirklich gelebt hat. Sie wurde 1483 in Niederdeutschland niedergeschrieben und etwa um 1500 ins Hochdeutsche übertragen und zuerst gedruckt. Herausgegeben von Lappenberg (Leipzig 1854), Neudruck (Halle 1885).

WIE VLENSPIEGEL ZU BERLIN EINEM KÜRSSNER WOLFF FÜR WOLFFSPELTZ MACHET.

Gros[558] listige leut sein die schwaben, vnnd wo die des ersten[559] hinkommen vmb narung vnnd die nicht finden, da vertirbet ein anderer gar. Doch sein jr etliche auch mehr geneiget auff den bierkrug vnnd auff das sauffen, denn auff jhr arbeit, deshalben jhre {20} werckstat wüst ligen u. s. w. Auff eine zeit[560] wonet ein kürssner[561] zu Berlin, das was ein schwab, seins handwercks seher künstreich, auch guter anschleg[562]; er was reich vnnd hielt ein gute werckstat, denn er mit seiner arbeit an jhm het den fürsten des landts, die ritterschaft vnnd viel guter leut vnnd bürger. Also begab es sich, dass der fürst des lands ein grossen hoff[563] mit rennen und stechen des winters halten wolt, darzu er sein ritterschafft vnnd andere herren beschreib[564]. Als denn keiner der hinderst sein wil, worden zu denselben zeiten viel wolffspeltz bei dem vorgemelten kürssner zu machen bestelt. Das war Vlenspiegel gewar, kam zu dem meister vnnd bat jhn vmb arbeit. Der meister bedorfft auff die zeit gesinde, was seiner zukunfft[565] fro, vnd fragt jhn, ob er auch Wolff machen künd. Vlenspiegel sagt: ja; er wer nicht der minst[566] jm Sachssen land bekant. Der kürssner sprach: ‘lieber knecht, du kömpst mir eben recht. Kom her, des lohns wollen wir vns wol vertragen.’ Vlenspiegel sagt: ‘ja, meister, ich sihe euch wol so {10} redlich an[567]. Ihr werdet selbs erkennen, wenn jhr mein arbeit sehet. Ich arbeit auch nicht bei den andern Gesellen; ich mus allein sein, so kan ich mein arbeit nach willen vnd ungeirt[568] machen.’ Also gab er jhm ein stüblein ein[569], vnd legt ihm für viel wolffsheut, die zu peltzen bereit waren, vnd gab jhm die mass von etlichen peltzen gros vnd klein. Also begund Vlenspiegel die Wolffsfell an zu gehn[570], schneid zu vnd macht aus allen den fellen eitel wolff vnd füllet die mit hew vnnd macht jhn bein von stecken, als ob sie all lebten. Da er nu die Fell all zerschnitten vnd die wolff aus gemacht hat, da sprach er: ‘meister, die Wolff sind {20} bereit. Ist auch etwas mehr zu thun?’ Der meister sprach: ‘ja, mein Knecht; nehe[571] sie als viel du das jmer thun kanst.’ Mit dem gieng er hinaus jnn die Stuben: da lagen die Wolff auf der erden, klein vnd gros; die sahe der meister an vnd sprach: ‘was sol das sein? dz dich der ritt schit[572]! was hastu mir grossen schaden gethan! ich wil dich fahen vnd strafen lassen.’ Vlenspiegel sagt: ‘meister, ist das denn mein lon? ich hab es doch nach ewrem eigen willen gemacht; jhr hiesset mich, doch Wolff machen. Hettet jhr gesagt: “mach mir Wolffs peltz;” das het ich auch gethan; und het ich das gewost[573], das ich nicht mehr {30} danck solt verdient haben, ich wolt so grossen vleis nicht gebraucht haben.’ Also schied der gut from Vlenspiegel von Berlin, vnd lies niergent guten rhum hinder jhm, auch ward jhm selten etwas gutes nach gesagt; vnd zog also gen Leipzig.


JACOB TWINGER VON KÖNIGSHOFEN.