ABRAHAM A SANCTA CLARA.

[Scherer D. 338, E. 340.]

Der unter diesem Namen bekannte Augustiner, Ulrich Megerlin, war 1642 in Schwaben geboren und lebte seit 1669 als Hofprediger zu Wien, wo er 1709 starb. Seine bedeutendsten Werke sind: ‘Judas der Erzschelm’, ‘Merk’s Wien’, und ‘Etwas für Alle’. Eine Auswahl seiner Werke erschien Wien 1846, 2 Bde., eine Ausgabe seiner sämmtlichen Werke, Passau und Lindau 1850, 21 Bde. 2 Aufl. Lindau 1856; Neudruck der Schrift ‘Auf, auf ihr Christen’ (Wien 1883).

Prediger, was geschicht dir? was ist dem H. Paulo begegnet? den haben die Herren Galater für einen jrrdischen Engel gehalten, {10} haben seine Predigen mit solchem Lust angehöret, dass sie ihn ein Posaun dess Himmels benambset[1028]. Die Kinder auff der Gassen haben mit Fingern gedeut auff Paulum, vnd ihn allerseits geprysen. Der Paulus, dess Pauli, dem Paulo, den Paulum, o Paule, vom Paulo: Vom Paulo war kein andere Red, als Lob. O Paule, sagt ein jeder, gebenedeyt ist dein Zung, den Paulum hat man wegen seines Predigen vor ein Wunderwerck aussgeschryen: dem Paulo hat man aller Orthen Ehr vnd Reverentz erzaiget, dess Pauli Wörter waren lauter Magnet, so die Hertzen gezogen, der Paulus war bey den Galatern so angenehm, dass sie ihn wie ihr aigne Seel {20} liebten. Wie er dann selbsten sagt: Testimonium enim perhibeo, quia si fieri posset, oculos vestros eruissetis, et dedissetis mihi: Ich bekenne es selbsten meine Herren Galater, dass ihr hättet euere Augen aussgestochen, vnd mir geben auss lauter Lieb: ihr Herren Galater seyt halt galante Leuth. Gemach! nachdem Paulus hat angefangen scharpff zu predigen. O insensati Galatæ! O ihr Sinnlose Galater, sagt er, wer hat euch verzaubert der Wahrheit zu widerstreben, seyt ihr Thorre, dass ihr mit dem Geist habt angefangt, vnd nunmehr mit dem Fleisch endet? Wie Paulus solch scharpffe Saitten auffgezogen, da hat ihm kein einiger mehr mit dem Fuss Reverentz gemacht, ja man hätt ihn lieber mit Füssen tretten; keiner hat ihm mehr ein Ehr erzaigt, man hat ihm darvor den Rucken zaigt, keiner hat ihn mehr angelacht, sondern nur aussgelacht, keiner hat ihm mehr die Herberg anerbotten, sondern die {10} Herberg auffgesagt, alle waren wider ihn: Inimicus factus sum vobis veritatem dicens.

So lang ein Prediger ein schöne, zierliche, wolberedte, ein auffgebutzte, mit Fabeln vnd sinnreichen Sprüchen vnderspickte[1029] Predig macht, da ist jedermann gut Freund. Vivat der Pater Prediger! ein wackerer Mann, ich hör ihm mit Lust zu, &c. Wann er aber ein scharpffen Ernst anfangt zu zaigen mit Paulo: O insensati Germani, o insensati Christiani, &c. Wann er anfangt grossen Herren die Warheit zu sagen, sie sollen doch einmahl die Brillen brauchen vnd nit allzeit durch die Finger schauen: sie sollen doch {20} mit der Justitz nicht vmbgehen, als mit einem Spinnen-Gewöb, allwo die grosse Vögl durchbrechen, die kleine Mucken hangen bleiben: sie sollen doch nicht seyn wie die Destillier-Kolben, welche auss den Blumen den letzten Tropffen herauss saugen. Wann er anfangt die Warheit zu predigen denen hohen Ministris vnd Räthen, sie sollen lehrnen 3. zehlen, sie sollen jene Lection recht lehrnen, welche Christus seinen Gehaimisten gegeben. Visionem, quam vidistis, nemini dixeritis. Wann er anfangt den Edl-Leuthen die Warheit zu predigen, dass sie denen Barbierern in ihr Profession eingreiffen[1030], vnd ihr mehristes Einkommen nicht im {30} Wein oder Trayd[1031], sondern in Zwifflen[1032] stehe, weilen sie die Bauren gar zu starck zwifflen; Wann er die Warheit sagt denen Geistlichen, dass sie gar offt seynd wie die Glocken, welche anderen in die Kirchen leutten, vnd sie selber bleiben darauss: dass sie gar offt seynd wie die Zimmerleuth dess Noë, welche anderen die Archen gebauet, dass sie sich salvieret, vnd sie selbsten seynd zu grund gangen: dass vil Geistliche seynd wie die Nacht-Eulen, welche das Öl bey nächtlicher Weil auss denen Lampen aussauffen vnd sich von der Kirchen erhalten, vnd sonst nichts nutzen; Wann er die Warheit sagt denen Soldaten, dass sie halsstärriger Mainung seynd als seye ihr Gewissen auch priviligirt, aber da haist es Privilegia Briff-Lügen; Die Warheit dem Magistrat vnd Obrigkeiten, dass sie gar offt seynd wie ein Spittal-Suppen, worauff wenig Augen: Die Warheit denen Mauthnern vnd Beambten, dass sie gar zu barmhertzig seynd, nicht zwar in Beherbergung der {10} Frembdling, wol aber dess frembden Guts. Die Warheit denen Zimmerleuthen, dass man bey ihnen allzeit frische Spänn, aber zugleich faule Gespänn finde. Die Warheit denen Becken, dass sie gar offt solche Leuth seyn, welche Mehl genug, aber zu wenig Taig zum Semblen nehmen. Die Warheit denen Gartnern, dass sie gar offt den Garten säubern, aber das Gewissen lassen verwachsen vnd nichts mehrers pflantzen als das Weinkräutl; Die Warheit denen Wirthen, dass sie gar offt Kein-Wein für Rhein-Wein, Lugenberger für Luetenberger aussgeben, vnd öffters auch den Tuchscherer in die Arbeit greiffen[1033]: Die Warheit den Bauren, dass sie sich zwar {20} einfältig stellen, aber so einfältig, wie die Schweitzer-Hosen, so hundert Falten haben. Die Warheit denen Kindern, dass sie denen Passauer-Klingen nicht nacharten, dero beste Prob ist, wann sie sich biegen lassen: Die Warheit den Frauen-Zimmer, dass sie gar zu vil ziehen an den Schwaiff dess Rocks, zu wenig vmb den Halss tragen: Die Warheit den gemeinen Weibern, dass sie fast die Natur einer Uhr an sich haben, welche nie ohne Unruh, &c. Wann dergestalten der Prediger den Scharffhobl brauchen wird, wann er auff solche Weiss wird die Warheit reden, so bringt ihm solches Reden, Rödern[1034], so bringen ihm solche Wörter, Schwerdter, so {30} bringt ihm solches Sagen, Klagen; Inimicus factus sum dicens. Er verfeindt sich allenthalben. Sein Auditorium wird bald die Schwindsucht leyden: die Kirchenstüel werden bald lauter Quartier der alten Weiber werden, die Kirchen wird bald werden wie ein abgebrochener Jahrmarckt, an allen Orthen wird man hören, was key[1035] ich mich vmb den Prediger. Sic facta est veritas, in Aversionem.


PAUL GERHARDT.

[Scherer D. 339, E. 342.]

Der grösste evangelische Liederdichter nach Luther. Er war gegen 1606 in Gräfenhainichen in Kursachsen geboren, studierte in Wittenberg, lebte später in Berlin, von wo er 1651 als Prediger nach Mittenwalde gieng. Er heiratete 1655 und kam 1657 als Diaconus an die Nicolai-Kirche zu Berlin. Hier wurde er in die Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten verwickelt und musste, da er sich dem Religionsedikt des Kurfürsten widersetzte, nach Sachsen auswandern. 1668 ward er Prediger in Lübben und starb 1676. Seine ersten Kirchengesänge wurden 1648 bekannt gemacht, und 1667 erschien die erste Gesammtausgabe von 120 Liedern. Herausgegeben von Bachmann (Berlin 1866); Gödeke (Leipzig 1877).