16-17. Juli.

Tageszeit.Einnahme:Ausgabe
an Urin:
Fluida.Feste Speisen.
Zeit.Quanti-
tät.
Sp. Gew.Reaction.Farbe etc.Nähere Bestandtheile:
6 U. 45 M. 200 CC. Wasser
400CaffeeButterbrod7 U. 15 M. 17 CC. }1026 s. st. s.III. klar.
815378,425 Gr. Harnstoff
91555 1023 s.III.kaum Spuren Harns.
12 350bair. B.Butterbrod mit1015232 1004,5s.I‑II.0,495 Gr. Schwefels.
Fleisch111582 1010 st. s.II.0,859Phosphors.
115403 1003,5s.I‑II.3,097Chlor.
230150Bouill.Hühner in Reis;7 St.826 1008 st. s.II.
400WeinWurz. u. Lachs;
Kalbsbraten.6 Uhr. 262 1017 st. s.III.18,350 Gr. Harnstoff
Dessert. 0,179Harnsäure
330120Caffee 1030 M. 249 1020,5st. s.II‑III.1,189Schwefels.
1,791Phosphors.
9 400TheeButterbrod630223 1021 st. s.III‑IV.5,578Chlor.
171⁄4 St.734 1019,5st. s.III.
241⁄4 St.2020 241⁄4 St.1560 26,775 Gr. Harnstoff
0,179Harnsäure
1,684Schwefels.
2,650Phosphors.
8,675Chlor.
Körpergewicht: Morgens den 16. Juli 9 Uhr 40 Min. 122 151 Grm.
17.925122248
Zunahme = 97 Gramm.

Befinden: gut.—Nachmittags erlitt die Stimmung eine Depression durch die Nachricht vom plötzlichen Tode eines Freundes.—
Beschäftigung: 8 St. Arbeit.—Die erste Stunde des Tages wurde regelmässig am Strande mit Temperaturbestimmung des Wassers, der Luft und ozonometrischen Beobachtungen hingebracht. Ebenso die Zeit von 73⁄4 - 81⁄4 Abends.—Uebrige Tageszeit in freier Luft.—71⁄2 St. Schlaf.
Hautfunction: durchaus keine starke Transpiration, aber stets angenehm warme Haut.
Darmentleerung: Abends 10 Uhr sehr wenig.—
Witterung: O.-Wind.—Sehr warm. Klarer Sonnenschein.—

Bei der für den Aufenthalt auf der Insel bestimmten Frist, durfte ich, um die Untersuchung nach dem gefassten Plane durchführen zu können, die Beobachtungen über die ausschliessliche Einwirkung der Luft nicht länger, als diese 4 Tage hindurch fortsetzen.—Die Resultate, die sie lieferten, sind aber nichtsdestoweniger zuverlässig.—Die sämmtlichen der Willkür unterworfenen Lebensverhältnisse, und insonderheit die geistigen und körperlichen Anstrengungen waren der Art, dass durch sie die aufgefundene Zunahme der Intensität des Stoffwechsels nicht herbeigeführt werden konnte; die letztern waren geradezu geringer als in Oldenburg; die Resultate der Untersuchungen konnten somit nur durch Verhältnisse bedingt sein, denen man sich nicht zu entziehen vermochte, d. h. durch klimatische Einflüsse.—Berechnen wir aber die Mittelwerthe der einzelnen Beobachtungen, so ergiebt sich, dass bei dem Genuss von täglich 1894 CC. Fluidis 1469 CC. Urin entleert wurden, und dass in diesem enthalten waren: 27,513 Grm. Harnstoff, 0,214 Grm. Harnsäure, 1,681 Grm. Schwefelsäure, 2,379 Grm. Phosphorsäure und 10,599 Grm. Chlor; dabei nahm das Körpergewicht täglich um 59,5 Grm. zu; und sehen wir ferner, wie sich diese Quantitäten auf die Morgenstunden von 6-1 Uhr, und die übrige Tageszeit vertheilen, so wurden

in den Vormittagsstunden entleert: 752 CC. Urin mit
9,219 Grm. Harnstoff
0,025Harnsäure
0,490Schwefelsäure
0,786Phosphorsäure und
4,542Chlor.
in den übrigen Tagesstunden: 717 CC. Urin mit
18,293 Grm. Harnstoff
0,189Harnsäure
1,191Schwefelsäure
1,593Phosphorsäure und
6,057Chlor.

Diese Zahlenwerthe geben, verglichen mit den in Oldenburg erhaltenen, schon zu nicht unwichtigen Reflexionen und Schlüssen Anlass.—Die Quantität der in Wangeroge genossenen Fluida war zunächst nahezu dieselbe, wie die in Oldenburg; sie war um nur 27 CC. per Tag geringer.—Die Quantität des Urins fiel dagegen um 150 CC. grösser aus, als in Oldenburg, ein Verhältniss, welches ohne Frage seine Erklärung darin findet, dass die Hautausdünstung in W. während der 4 Untersuchungstage viel geringer war, als in Oldenburg.— Der Harnstoff belief sich um 3 Grm. höher, als im Juli, und um circa 2 Grm. höher als im Januar und Februar in Oldenburg.—Diese Vermehrung musste ausschliesslich in einer vermehrten Einnahme an Nahrungsmaterial ihren Grund haben; denn, wie oben erwähnt, nahm das Körpergewicht während dieser Zeit nicht ab, sondern täglich um 59,2 Grm. zu. Aber ich bemerkte schon oben, dass der Appetit keineswegs sehr auffallend vermehrt war, ich wiederhole hier, dass nur ganz dem Bedürfniss entsprechend, und ganz in gleicher Weise, wie in Oldenburg, Nahrung genommen wurde. Dass sie dabei beträchtlicher ausfiel, als auf dem Festlande, war nicht Folge einer Willkür, es war eine Nothwendigkeit, der ich nicht ausweichen konnte, wenn ich nicht Hunger leiden, d. h. mein Befinden stören wollte. Entsprechend dem Harnstoff finden wir die Schwefelsäure des Urins um 0,28 Grm. täglich vermehrt. Wir wissen, dass die Schwefelsäure, wie der Harnstoff, ihre Hauptquelle in den Albuminaten der Nahrungsmittel hat; die Vermehrung kann also nach dem eben Gesagten nicht auffallen, und dass nicht etwa das Trinkwasser daran Schuld war, geht daraus hervor, dass dasselbe nach meiner Bestimmung mittelst Titrirens in Wanger. in 100 CC. = 0,015 Grm., in Oldenb. = 0,0187 Grm. enthielt.—Das Chlor war nur unbedeutend vermehrt, täglich um 0,38 Grm. Dieses Quantum darf mit Fug und Recht auf die vermehrte Einnahme fester Nahrungsbestandtheile geschoben werden; das Trinkwasser konnte auch diese Verschiedenheit nicht bedingen, da dasselbe in Wangeroge in 100 CC. 0,095 Grm., in Oldenburg 0,090 Grm. Chlor enthielt[8].—Wie aber verhielt sich diesen Befunden gegenüber der Mittelwerth für die täglich entleerte Harnsäure und Phosphorsäure?—Es kann nicht anders, als auffallend bezeichnet werden, dass wir nicht nur keiner Vermehrung derselben, sondern sogar einer Verminderung begegnen, einer Verminderung nicht nur im Verhältniss zu den im Juli, sondern selbst im Verhältniss zu den in der kalten Winterzeit in Oldenburg gewonnenen Resultaten!—Diese unzweifelhafte Thatsache treibt uns mit Nothwendigkeit zu dem Schluss, dass Harnsäure und Phosphorsäure andern Gesetzen der Stoffmetamorphose unterliegen, als Harnstoff und Schwefelsäure. Letztere beide wachsen und nehmen ab je nach der grössern oder geringern Quantität eingeführter Albuminate (stickstoffhaltiger Nahrungsbestandtheile); jene dagegen vermehren und vermindern sich offenbar je nach der geringern oder grössern Intensität der Oxydationsprocesse; sie verhalten sich umgekehrt wie jene; ein gesteigerter Oxydationsprocess, wie er ohne Frage auch hier Statt hatte, vermehrt, entsprechend der Nahrungseinnahme, Harnstoff- und Schwefelsäureausscheidung, vermindert dagegen Harnsäure- und Phosphorsäuregehalt des Urins. Wäre der Phosphorsäuregehalt des Urins, ähnlich wie der Schwefelsäuregehalt, nur ein Ausdruck für die grössere oder geringere Quantität eingeführter Nahrungsmittel (Phosphate), so hätte er in Wangeroge offenbar auch höher ausfallen müssen, als in Oldenburg, und den landeskundigen Freunden bemerke ich ausdrücklich, dass ich in Wangeroge täglich dieselbe Quantität des an Phosphorsäure reichen Schwarzbrodes genoss, wie in Oldenburg. Er fiel aber nicht nur relativ, sondern auch absolut nicht unbedeutend geringer aus, als in Oldenburg, und solches Verhältniss kann kaum in etwas Anderem seinen Grund haben, als in Veränderungen der Stoffmetamorphose, die eine verminderte Ausscheidung an Phosphorsäure bedingten, zu einer Retention derselben im Organismus führten.—Fragen wir nach der Art dieser Veränderungen, so müssen wir eine über alle Zweifel erhabene Antwort schuldig bleiben. Nach meinen vielfachen frühern Untersuchungen kann ich aber nicht anders, als auf das oft von mir beregte Verhältniss der Oxalsäurebildung recurriren, und ich glaube eben in den aufgefundenen Verhältnissen auf’s Neue eine Bestätigung dafür gefunden zu haben.—Ich habe den Satz aufgestellt[9], dass eine retardirte Metamorphose der Albuminate in mangelhafter Oxydation der Harnsäure und ihrer Zerlegungsproducte, in spec. der Oxalsäure einen Ausdruck finde; dass eine mangelhafte Oxydation dieser letztern zu Kohlensäure eine vermehrte Auflösung und Ausscheidung von dem organischen Nexus angehörigen Erdphosphaten bedinge, dass eine solche vermehrte Ausscheidung von Erdphosphaten aber allemal mit Abmagerung des Körpers verbunden sei, weil eben der phosphorsaure Kalk ein nothwendiges Requisit für die Zellenbildung abgebe. Ich habe darauf hingewiesen, dass diese Zustände insonderheit frappant bei scrophulösen, namentlich atrophischen Kindern hervortreten, und die tägliche Beobachtung lehrt uns, dass diese Kinder grosse Quantitäten von Harnsäure, Oxalsäure und Erdphosphaten mit dem Urin ausscheiden. Wir erfahren jetzt, dass der Aufenthalt auf der Nordsee-Insel die Oxydationsprocesse steigert, grossen Bedarf an Nahrungsmaterial bedingt; aber die Harnsäure und der Phosphorsäuregehalt des Urins vermindern sich dessohnerachtet. Können wir zweifeln, dass raschere Oxydation der Harnsäure, rascheres Zerfallen in Oxalsäure und Harnstoff, raschere Oxydation der so entstandenen Oxalsäure und eventualiter verminderte Ausscheidung von Phosphorsäure (Erdphosphaten) in dieser Weise bedingt sind? Steht damit die Gewichtszunahme des Körpers, d. h. also der gesteigerte Ernährungsprocess nicht im schönsten Einklange? Ich habe es in Oldenburg versucht, so viel als möglich Nahrung zu mir zu nehmen; der Erfolg war der, dass die Quantität des entleerten Harnstoffs allerdings wuchs, die Harnsäure aber ebenfalls zunahm, die Phosphorsäure ebenfalls in vermehrter Quantität ausgeschieden wurde und das Körpergewicht in 24 Stunden nicht zu- sondern abnahm; und solche Ergebnisse liefert uns die Praxis bei vielessenden scrophulösen Kindern in Menge. Am Seestrande blühen aber gerade diese, auch ohne zu baden, in auffallendster Weise auf, wie ich mich auch in diesem Jahre in Wangeroge und vor 3 Jahren an der englischen Küste auf das Unzweideutigste überzeugt habe; die harnsauren Salz-Sedimente schwinden, der Gehalt des Urins an oxalsaurem Kalk und phosphorsauren Erden nimmt ab.—Kann man über den physiologischen Nexus dieser Facta in Zweifel sein? Kann man es insonderheit bei Berücksichtigung der hohen Wichtigkeit, den die Phosphorsäure allen Untersuchungen zufolge für den Ernährungsprocess besitzt?—Doch ich überlasse es Jedem, sich eine andere Theorie zu schaffen; mir steht die gegebene Erklärung mit allen Thatsachen in so leicht verständlichem Zusammenhang, dass ich nicht davon abzugehen vermag.—

[8] Diese Bestimmungen wurden ganz in derselben Weise vorgenommen, wie beim Urin. Selbstverständlich wurde behuf der Chlorbestimmung eine künstliche Harnstofflösung mit dem betreffenden Wasser bereitet, im Uebrigen dann ganz, wie bei der Chlorbestimmung im Harn verfahren.—

[9] Vrgl. meine Entwickelungsgeschichte der Oxalurie. Göttingen 1852.