Befinden: gut; gegen Abend Mangel gewohnter Frische.—Nachmittags sehr starker Durst.
Beschäftigung: 6 St. gearbeitet.—81⁄2 St. Schlaf.
Hautthätigkeit: starke Transpiration. Die Haut ist stets feucht.—
Darmentleerung: Morgens 8 Uhr 45 Min. und Abends 10 Uhr 30 Min. ziemlich viel.—
Witterung: NON.-Wind.—Die Hitze hält an.—

Die Mittelwerthe der vorstehenden 7tägigen Untersuchungsreihe berechnen sich für die 24stündige Periode in folgender Weise: bei der täglichen Einnahme von 2096 CC. Fluidis wurden 1290 CC. Urin entleert, und in diesen waren enthalten: 28,338 Grm. Harnstoff, 0,308 Grm. Harnsäure, 1,892 Grm. Schwefelsäure, 2,617 Grm. Phosphorsäure und 9,332 Grm. Chlor.—Auf die Morgenstunden und übrige Tageszeit vertheilten sich diese Quantitäten in den letzten 4 Tagen so, dass Morgens, d. h. also unmittelbar nach dem Bade in der See entleert wurden:

436 CC. Urin mit
8,257 Grm. Harnstoff
0,094Harnsäure
0,476Schwefelsäure
0,710Phosphorsäure und
3,288Chlor
und während der übrigen Tageszeit: 675 CC. Urin mit
20,308 Grm. Harnstoff
0,231Harnsäure
1,499Schwefelsäure
1,852Phosphorsäure und
5,146Chlor.

Diese Ergebnisse waren nichts weniger, als meinen Erwartungen entsprechend. Aus dem, was man in oberflächlicher Erfahrung von der Wirkung anderer kalter Bäder und genauer von den Sitzbädern[10] weiss, hätte ich zunächst eine bedeutendere Steigerung der Urinsecretion erwartet. Trotzdem jedoch, dass die Quantität genossener Fluida sich um 200 CC. höher belief, als in Oldenburg, wurden 120 CC. Urin weniger ausgeschieden als dort, und fast 200 CC. weniger, als in den Tagen in Wangeroge, an denen kein Seebad genommen wurde. Es ist offenbar, dass in diesen Tagen die Haut um 3-400 CC. mehr, als in den vorhergehenden Untersuchungstagen ausschied, wenn auch ein kleiner Theil des im Urin fehlenden Wassers vom Darmkanal in Anspruch genommen wurde.—Hüten wir uns jedoch, den Effekt lediglich dem Bade zuzuschreiben! Es ist in den Tabellen selbst bemerkt, dass die Luft vom 19.-23. Juli einen sehr bedeutenden Wärmegrad besass und die stete Transpiration war sicher zum Theil Folge dieses Einflusses. Allein in den Juli-Tagen in Oldenburg fand ebenfalls eine bedeutend gesteigerte Hautthätigkeit Statt, und einen Theil der vermehrten Hautausgabe möchte ich ohne Frage auf Rechnung des Bades bringen. Dies namentlich deshalb, weil sich bald nach dem Bade allemal, auch bei gänzlich ruhigem Verhalten, ein fast prickelndes, von einem gewissen Behagen begleitetes Wärmegefühl in der Haut einstellte, ein Gefühl, das ich sonst auch bei starker Wärme nicht kannte, und deshalb ferner, weil gerade in den Morgenstunden, nach dem Bade, die Urinsecretion gegen früher so bedeutend abnahm, Nachmittags aber beim Gehen erst die hohe Lufttemperatur ihre Wirkung recht geltend machen konnte. Bei gleichem Quantum von Morgens genossenen Fluidis wurden in Oldenburg in 6-7 Stunden 543 CC., in Wangeroge ohne Gebrauch des Bades 752 CC. Urin ausgeschieden; beim Gebrauch des Bades verringerte sich diese Quantität aber auf 436 CC.—In der übrigen Tageszeit belief sich dagegen dieselbe in Oldenburg auf 774, in Wangeroge ohne Bad auf 717 und in Wangeroge mit Bad auf 675 CC.; die letztern Quantitäten waren also nicht wesentlich different. Darnach glaube ich es als richtig ansehen zu dürfen, wenn Mühry in seiner oben erwähnten Schrift pag. 19. erwähnt, dass das Bad in der ersten Zeit eine fast ununterbrochene gelinde Transpiration herbeiführe. Von dem Oeligwerden der Haare jedoch, wovon er spricht, habe ich nichts bei mir, und auch bei Andern nichts wahrgenommen; vielleicht hat Mühry hier der Haut zugeschrieben, was nur dem salzigen Meerwasser zu Gute kommt.—

[10] Vrgl. L. Lehmann: Ueber die Wirkung 7-15° R. warmer Sitzbäder, Archiv des Vereins für gemeinschaftl. Arbeiten. Bd. I. Heft 4.

Die Darmfunction war entschieden bethätigt und blieb es, so lange ich badete. In dieser Beziehung habe ich bei manchen Patienten Nachfrage gehalten, und zum Theil Rath ertheilen müssen. Im Wesentlichen schien sich mir Folgendes herauszustellen: Individuen, die in Folge geschwächter Innervation an Constipation leiden, haben in Bezug auf die Darmfunction ganz verschiedene Erfolge. Ist die Wirkung des Bades nicht besonders fatiguirend, so ist in der Regel die dadurch gegebene Anregung ein Beförderungsmittel für die Darmentleerung; ist sie dagegen, wie nicht selten, im hohen Grade abspannend, so wird die Darmfunction in der Regel noch träger, während der ausschliessliche Luftgenuss, das Aussetzen einiger Bäder sofort als Anregung für die Entleerung dient. Kranken letzterer Art darf man gewiss nachdrücklich empfehlen, nicht zu oft zu baden. Individuen dagegen mit im Ganzen geregelter Darmthätigkeit, wenigstens nicht geschwächter Innervation des Unterleibes, pflegten im Allgemeinen eher zur Constipation, als zum Gegentheil zu incliniren, und ich erkläre mir solches aus dem antagonistischen Verhältniss, welches bekannter Weise zwischen Darm und Haut existirt.—Wo sich vermehrter Stuhlgang einstellte, waren die entleerten Massen in der Regel sehr dunkel, selbst schwarz gefärbt, eine Färbung, die ich nicht etwa von vermehrtem Genuss von Rothwein allein, wie es vorkommt, sondern von gesteigerter Gallenexcretion herleiten möchte.—Es bedarf nicht der Bemerkung, dass eine nur 5wöchentliche Beobachtung von einer verhältnissmässig geringen Anzahl Kranker derartige Fragen nicht zum Abschluss bringen kann, und dass ich diese Bemerkungen nur als oberflächliche und gelegentliche hinzufüge. Dass sich aber in dieser Weise die längst bekannten Erscheinungen bald der Diarrhoe, bald der Constipation, als Wirkungen des Seebades, erklären lassen, leidet kaum einen Zweifel.—

Jetzt zu den Resultaten der chemischen Analyse.—Ich kann nicht läugnen, dass mir auch diese einigermaassen auffallend waren, denn nach Allem, was in den Seebade-Schriften mit physiologischer Würdigung des peripherischen Nervensystems von der „anregenden“ Wirkung des Seebades hervorgehoben wird, nach Allem, was wir über die Wirkung derartiger Excitationen an Vorstellungen und Kenntnissen besitzen, glaubte ich sowohl eine momentane, als insonderheit auch allgemeine nicht unbedeutende Steigerung des Stoffwechsels erwarten zu dürfen.—Wir wollen sehen, in wie fern die aufgefundenen Thatsachen dieser Erwartung entsprechen.

In den frühern Untersuchungsreihen habe ich den Harnstoff bekanntlich als Maass des Stoffwechsels betrachtet; ich schloss aus seiner Zu- und Abnahme im Urin auf zu- oder abnehmende Intensität des Stoffwechsels. Es war das sicher kein unrichtiges Verfahren, da alle Lebensverhältnisse ziemlich dieselben blieben, nur in der letzten Reihe die Einwirkung einer fremden Luft hinzukam, diese aber doch auch keine derartige Einwirkung auf irgend ein Organ äusserte, dass dadurch die aufgefundenen Verschiedenheiten erklärt werden konnten. Ausserdem standen alle übrigen untersuchten Endproducte der Stoffmetamorphose mit den aufgefundenen Verhältnissen des Harnstoffs in so leicht verständlichem Zusammenhang, dass ich jenen nur um so mehr, als Maass des Stoffwechsels betrachten zu dürfen glaubte.—Bei der jetzt vorliegenden Untersuchungsreihe treffen wir auf ganz andre Verhältnisse.—Die Schwefelsäure verlässt den früher stets vorhandenen Parallelismus mit dem Harnstoff; die Harnsäure nimmt gegen die badefreie Zeit und im Verhältniss zum Harnstoff bedeutend zu; die Phosphorsäure vermehrt sich dagegen wieder fast proportional der Harnsäure, bleibt aber noch hinter dem in Oldenburg aufgefundenen 24stündigen Mittel zurück:

Harnstoff.Harnsäure.Schwefels.Phosphors.Chlor.
In Oldenb. wurden ausgeschieden: 24,4 Grm. 0,41Grm.1,40Grm.2,89Grm.10,2Grm.
In Wangeroge (ohne Bad):27,50,211,682,3710,5
In Wangeroge (mit Bad):28,30,301,892,619,3

Die Beurtheilung dieser Verhältnisse erfordert grosse Vorsicht. Wollten wir auch hier den Harnstoff als Maass des Stoffwechsels betrachten, so würden wir einmal zu dem auffallenden Resultate gelangen, dass das Bad die Luftwirkung etwa nur um 1⁄5 erhöhe, andrerseits aber wegen der Erklärung der übrigen Resultate in der That in grosse Schwierigkeiten gerathen. Angesichts der Thatsache, dass Schwefelsäure und Harnstoff bisher immer in einer Parallele zu- und abnehmen, würde es zunächst schwer sein, die relative Zunahme der Schwefelsäure zu erklären, um so mehr, als die gefundene Zahl nur die Quantität derselben im Urin bezeichnet, in der letzten Periode aber sicher auch mehr Schwefel mit den gallehaltigen reichlichen Faeces entleert wurde, als in den frühern Untersuchungsreihen, ein Verhältniss, durch welches bekanntlich der Schwefelsäuregehalt des Urins verringert wird. Die Harnsäure betreffend, so würde ihre Vermehrung aber in einem noch schwieriger erklärbaren Verhältniss zum Harnstoff stehen. Wir sahen oben, dass gesteigerte Oxydationsvorgänge oder beschleunigte Stoffmetamorphose zu einer Zunahme des Harnstoffs und zu einer Abnahme der Harnsäure führten, ein Satz der mit allen physiologischen und chemischen Daten in vollkommner Uebereinstimmung steht. Wollten wir jetzt aus der beträchtlichen Vermehrung der Harnsäure auf eine im Verhältniss zur badefreien Zeit retardirte Metamorphose schliessen, so müsste die Quantität des Harnstoffs auch eine dem entsprechende Verminderung erfahren haben. Eine solche Retardation der Stoffmetamorphose würde in der That an und für sich nichts Auffallendes haben, denn der Zustand der Fatigue, den das Bad, wie fast überall, so auch bei mir in geringem Maasse hervorrief, würde sich in dieser Weise materiell haben aussprechen können, eine Wirkung, deren ich bereits a. a. O.[11] Erwähnung gethan habe und die mit unsern Kenntnissen über den bedeutenden Einfluss des Nervensystems auf den Stoffwechsel im besten Einklange steht. Allein wir finden, dass der Harnstoff keineswegs vermindert, sondern noch um Etwas (0,8 Grm.) vermehrt war. Darin spricht sich also eine noch zunehmende Beschleunigung des Stoffwechsels, ein vermehrter Umsatz stickstoffhaltiger Körperbestandtheile aus. Wie sind solche scheinbar widersprechende Befunde in Einklang zu bringen? Mir will es scheinen, dass es nur in folgender Weise geschehen kann. Zunächst müssen wir des von Bischoff mit fast zweifelloser Gewissheit erwiesenen Satzes gedenken, dass der Harnstoff keineswegs unter allen Verhältnissen ein Maass des Stoffwechsels bildet, dass vielmehr bald ein grösserer, bald nur ein geringerer Theil der stickstoffhaltigen Körperbestandtheile in der Form von Harnstoff den Körper verlässt. Es können dieselben einmal als Gallenbestandtheile durch den Darmkanal, andrerseits aber auch in Folge weiterer Metamorphose des Harnstoffs zu kohlensaurem Ammoniak durch Haut und Lunge den Organismus verlassen, und je nach Zusammensetzung der Nahrung, je nach der Thätigkeit verschiedener Organe werden sich diese Verhältnisse verschieden gestalten.—Ist es nun nicht sehr wohl denkbar und wahrscheinlich, dass auch hier, während der Badezeit, in Folge bedeutend gesteigerter Haut- und ebenfalls gesteigerter Darmthätigkeit, die Quantität des im Urin erscheinenden Harnstoffs nicht mehr der Ausdruck für die Quantität metamorphosirter, stickstoffhaltiger Körperbestandtheile war, dass vielmehr ein grösserer Theil derselben, als in den frühern Untersuchungsreihen, den Organismus in andrer Form, als der des Harnstoffs, verliess? Werden wir nicht um so mehr zu solcher Annahme hingedrängt, wenn wir die Menge der dem Harnstoff sonst fast immer parallel laufenden Schwefelsäure betrachten, oder die gesteigerte Quantität der Harnsäure in’s Auge fassen?