[11] Vrgl. Entwickelungsgeschichte der Oxalurie. pag. 53. flgde.—

Berechnen wir mit Zugrundlegung früherer Proportionen von Schwefelsäure und Harnsäure diejenige Quantität Harnstoff, welche ceteris paribus, jetzt hätte ausgeschieden werden müssen, falls der Parallelismus hätte erhalten werden sollen, so würde die Schwefelsäure eine Menge von circa 30 Grm., die Harnsäure dagegen, im Verhältniss zu der hier allein zulässigen badefreien Zeit in Wangeroge, ein Quantum von circa 40 Grm. Harnstoff erfordert haben, denn 0,214 Grm. Harnsäure verhalten sich zu 27,5 Grm. Harnstoff ungefähr ebenso, wie 0,308 Grm. Harnsäure zu 40 Grm. Harnstoff.—Gegen die Möglichkeit des erstern Verhältnisses ist nichts einzuwenden; es konnte sehr wohl eine 3 Grammen Harnstoff entsprechende Quantität stickstoffhaltiger Nahrungsmittel mehr eingenommen werden, als zur badefreien Zeit, ohne dass Auge oder Magen diesen quantitativen Unterschied im Nahrungsmaterial wahrnahmen. Allein dass, der Harnsäure entsprechend, täglich ein 40 Grammen Harnstoff entsprechendes Nahrungsquantum sollte eingeführt sein, scheint mir eine unzulässige Annahme. Ich hätte dann 1⁄2 Mal so viel Nahrung zu mir nehmen müssen, als zur badefreien Zeit und auch ohne Gewichtsbestimmungen vorgenommen zu haben, glaube ich mit Bestimmtheit versichern zu können, dass solches nicht der Fall war. Und hätte ferner eine so starke Vermehrung der Consumption Statt gefunden, so hätte sich nothwendig auch der Chlor- und Schwefelsäuregehalt des Urins höher belaufen müssen, wenn auch vermehrte Schweisse und Darmentleerungen einen Theil derselben beanspruchten.—Wie ist dann aber die Vermehrung der Harnsäure zu erklären?—Es bleibt in der That nichts übrig, als die bedeutend gesteigerte Quantität der Harnsäure als ein Factum für sich, als eine specielle Wirkung des Bades zu betrachten, und wir kommen somit zu dem Schluss:

dass die Einwirkung des Bades die Stoffmetamorphose im Allgemeinen noch steigerte und sehr wahrscheinlich noch um 3-4 Mal mehr, als sich durch die geringe Zunahme des Harnstoffs (0,8 Grm.) zu erkennen gab, dass also das Bad die Stoffmetamorphose ungefähr um ein Gleiches beschleunigte, wie es der ausschliessliche Genuss der Seeluft an und für sich that; dass ferner durch das Bad die Ausgabe des Harnstoffs (oder stickstoffhaltiger Verbindungen überhaupt) auf anderm Wege (Haut und Darmkanal) vermehrt wurde und die Quantität des Harnstoffs im Urin selbst deshalb geringer erschien; dass aber endlich die Harnsäureproduction im Organismus durch das Bad eine absolute Steigerung erfuhr, und also trotz noch gesteigerter Oxydationsvorgänge eine grössere Quantität derselben im Urin zum Vorschein kam.—

Wir wissen über die Bedingungen der Harnsäureproduction im Organismus, so wie über den Ort ihrer Entstehung noch wenig Bestimmtes; ich fühle mich nicht berechtigt, einer oftmaligen Beobachtung der Coincidenz vermehrter Epithelial-, starker Haar- und luxuriirender Nagelbildung, so wie der Coincidenz von chronischen Hautkrankheiten mit Vermehrung der Harnsäurebildung schon den Namen einer thatsächlichen zu vindiciren. Hätte es aber seine Richtigkeit damit, dass vermehrte Congestion, überhaupt gesteigerter Ernährungsprocess in den der Haut zugehörigen Gebilden mit vermehrter Harnsäureproduction einherginge, so würde auch hier das Räthsel gelöst sein und die Bade-Wirkung auf die Haut das Factum erklären. Auch des Umstandes, dass von gichtischen Individuen, bei denen die Harnsäure eben eine „materia peccans“ zu bilden scheint, Seebäder fast immer schlecht vertragen werden, darf hier vielleicht als eines bestätigenden für die absolute Vermehrung der Harnsäureproduction gedacht werden.—Für die aufgestellte Vermuthung einer vermehrten Ausgabe des Harnstoffs in Folge von kohlensaurem Ammoniak möchte ich ferner in Frage bringen, ob nicht die eigenthümliche, klebrige Beschaffenheit der Schweisse, welche fast keinem Badenden unbemerkt bleibt, eben in dieser vermehrten Ausgabe von kohlensaurem Ammoniak ihren Grund hat? Mit dem Fettgehalt des Schweisses würde das Ammoniak eine seifenartige Verbindung bilden. Doch wir betreten hier ein Feld, auf dem der Forschung noch Vieles zu thun übrig ist; halten wir uns vorläufig nur an die Facta und überlassen ihre physiologische Deutung, so wie die Erklärung damit zusammenhängender Erscheinungen der Zukunft.—

Es bleibt mir übrig, die Verhältnisse der Phosphorsäure und des Chlors in der vorliegenden Periode noch besonders zu besprechen. Was die erstere betrifft, so war sie im Verhältniss zu Oldenburg absolut und relativ, im Verhältniss zur badefreien Zeit in Wangeroge nicht absolut, aber doch relativ zur Harnsäure vermindert. Dieses Resultat lässt sich sehr wohl mit der obigen Annahme absolut vermehrter Harnsäureproduction, und bei Berücksichtigung der oben erwähnten Abhängigkeitsverhältnisse beider Stoffe, in Einklang bringen. Wir fanden, dass durch das Bad die Stoffmetamorphose (die Oxydationsvorgänge u. s. w.) noch gesteigert sei. Wäre die Harnsäureproduction in dieser Periode nicht absolut grösser gewesen, als zur badefreien Zeit, so würde ohne Frage eine noch grössere Quantität derselben dem Zerfallen in Oxalsäure und Harnstoff unterlegen sein und die Oxalsäure im Organismus eine noch raschere Oxydation erfahren haben, eventuell also auch noch weniger Harnsäure und noch weniger Phosphorsäure, als zur badefreien Zeit, zur Ausscheidung gelangt sein.—Allein es war die Production der Harnsäure ohne Frage absolut um ein Beträchtliches gesteigert. Immerhin mochte unter solchen Umständen während der Badezeit eine noch grössere Quantität Harnsäure zu Oxalsäure und Harnstoff zerfallen und eine grössere Quantität von Oxalsäure zu Kohlensäure oxydirt werden, als in jener vorhergehenden Periode; aber die Production der Harnsäure war so sehr vermehrt, dass dennoch eine grössere Quantität der aus ihr hervorgehenden Oxalsäure ihre Einwirkung auf die Phosphate im Organismus entfalten und somit nach der oben gegebenen Erklärung, auch eine grössere Quantität Phosphorsäure zur Ausscheidung bringen musste, als zu jener Zeit, wo nicht gebadet wurde. Die Harnsäureproduction übertraf jetzt, mit einem Worte, die mögliche Grösse der Oxydationsvorgänge, die ja unter allen Umständen nur ein gewisses Maximum erreichen kann. So konnte es denn geschehen, dass absolut mehr, im Verhältniss zur Harnsäure aber weniger Phosphorsäure entleert wurde, als zur badefreien Zeit.—Welches Verhältniss stellte sich aber in dieser Weise zur Oldenburger Zeit heraus? Kein andres, als dass der Organismus täglich noch einen Gewinn an Phosphorsäure, absolut sowohl als relativ, erfuhr. Während in den 4 Tagen des ausschliesslichen Luftgenusses im Verhältniss zu Oldenburg ein absoluter Gewinn von circa 2 Grm. Phosphorsäure Statt hatte, fand während der Badezeit in 7 Tagen ein ähnlicher Gewinn Statt. Veranschlagt man dazu den relativen Gewinn,—denn in gleichem Verhältniss, wie die Harnstoffausgabe wuchs, musste Nahrungsmaterial und mit diesem auch Phosphorsäure in vermehrter Quantität eingeführt werden—, so berechnen sich dafür in 11 Tagen etwa ebenfalls 4-5 Grm. und es ergiebt sich damit, dass der Organismus in den ersten 11 Tagen des Aufenthaltes und Bades auf der Insel circa 8-9 Grm. an Phosphorsäure gewann.—Die fast immer, und namentlich bei Kindern, im Seebade schon durch einfache Anschauung zu beobachtende Steigerung des Ernährungsprocesses, kann darnach nicht mehr auffällig erscheinen. Wir wissen, dass die phosphorsauren Salze (insonderheit der phosphorsaure Kalk) nothwendige Requisite für denselben sind, dass ihr Verlust mit Abmagerung, ihre Zunahme mit Gewinn an Körpersubstanz verbunden ist. In der That nahm aber mein Körpergewicht, ebenso wie in der Zeit wo nicht gebadet wurde, täglich um 57,7 Grm., im Ganzen um 403,9 Grm., zu, so dass sich das Gesammtgewicht des Körpers jetzt um etwa 11⁄4

höher belief, als zu Anfang des Aufenthaltes auf der Insel. Wie verhält sich solchen Thatsachen gegenüber Mühry’s Angabe, dass das Bad allemal anfänglich eine Abmagerung herbeiführe? Es ist das eben eine Angabe, der jede experimentelle Prüfung fehlt. Und ich darf es obendrein nicht unerwähnt lassen, dass bei mir in den eben durchlebten 11 Tagen die Körpergewichtszunahme im Verhältniss zu andern Individuen gewiss nur eine geringe war, da ich mich viel mehr, als diese, in einem engen Zimmer und weniger in der freien, in dieser Beziehung so überaus wirksamen Seeluft aufzuhalten gezwungen war. Ich vermuthete das, und dass die Vermuthung keine unrichtige war, ergab sich alsbald, als ich ein den Patienten möglichst ähnliches Verhalten beobachtete.—

So viel in Betreff der Phosphorsäure.—Wie verhielt sich das Chlor? In allen Seebade-Schriften spielt der Salzgehalt des Seewassers und der Seeluft eine bedeutende Rolle; es scheint die Ansicht ziemlich allgemein verbreitet, dass der Körper Salz, und namentlich Kochsalz, in wirkungsfähiger Menge aufnehme[12]. Nach meinen Untersuchungen ist solches jedoch nicht der Fall, und nach dem, was wir kürzlich durch L. Lehmann’s sehr genaue Untersuchungen über die Wasserresorption im Sitzbade[13] erfahren haben, liess es sich auch nicht anders erwarten. Während in Oldenburg täglich 10,2 Grm. Chlor mit dem Urin ausgeschieden wurden, wurden in Wangeroge ohne Bad 10,5, während des Badens aber nur 9,3 Grm. ausgeschieden. Das Minus des gefundenen Chlorgehaltes beruht vielleicht auf Zufälligkeiten in der Nahrung, wahrscheinlicher aber darauf, dass ein Theil des Chlornatriums mit den Schweissen durch die Haut entwich. Dass aber der Chlorgehalt des Urins nicht im Plus steht, weist mit Bestimmtheit darauf hin, dass wenigstens keine irgend erhebliche Menge von Salz im Bade resorbirt wird. Beruhete darauf die Wirkung des Bades, so würden wir auch ähnliche Resultate durch den etwas reichlichern Genuss von Kochsalz erhalten müssen; das ist aber bekanntlich nur in sehr beschränktem Maasse der Fall, d. h. nur in grössern Quantitäten genossen bedingt das Kochsalz eine Beschleunigung des Stoffwechsels.—In anderer Beziehung möchte ich jedoch den Kochsalzgehalt des Meerwassers nicht für gleichgültig halten. Wir wissen, dass das Blutserum durchschnittlich einen Salzgehalt von nur 0,85 p. c.[14] hat; das Meerwasser hat aber einen solchen von 3-4 p. c.—Physikalische Untersuchungen haben längst dargethan, dass, wenn man 2 derartige Flüssigkeiten, nur durch eine thierische Membran getrennt, zusammenbringt, sie sich gegenseitig auszugleichen streben, und Jolly und Graham haben dargethan, dass die wasserreichere Flüssigkeit für jedes eintretende Aequivalent Salz circa 14 Aequivalente Wasser abgiebt. Sollte nun, wenn den Körper und sein verhältnissmässig salzarmes Serum das salzreiche Meerwasser umgiebt, nicht in dieser Weise ein Diffusionsstrom entstehen, ein Diffusionsstrom, der uns die vermehrte Blutzufuhr nach der Haut, die nachfolgenden Schweisse, den oftmals zu beobachtenden s. g. Badefriesel erklärt? Wir sehen diesen Friesel namentlich bei blonden Individuen mit zarter Haut entstehen[15]; es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass die zartere Epidermis das Zustandekommen des Diffusionsstromes weniger Schwierigkeiten entgegenstellt, als die derbere Haut der dunkel Gefärbten. So betrachtet ist allerdings der Salzgehalt des Meerwassers nicht ohne Bedeutung und greifen diese Verhältnisse Platz, so darf auch der Einwirkung nicht vergessen werden, welche die Application einer Salzlösung auf den einzelnen Nerven hat. Ebenso, wie bei Application starker Salzlösungen der Nerv wasserärmer wird und dadurch bedeutende functionelle Störungen, die sich in Zuckungen und später in Lähmungen der zubehörigen Muskeln zu erkennen geben, erfährt, so mag auch das salzreiche Meerwasser auf das peripherische Nervensystem eine Einwirkung äussern, die, bei Weitem schwächer als in den eben erwähnten Experimenten, sich doch in einer vermehrten Thätigkeit (sit venia verbo) der betreffenden Nerven kund giebt und damit diejenige Wirkung steigert, die ohne Frage der kräftige Wellenschlag auszuüben vermag. Wer die rasche und intensive Wirkung von Umschlägen mit Seesalzwasser, die dabei stattfindende rasche Bildung von Hautröthe, Pusteln u. s. w. beobachtet hat, der wird sich diese Wirkung schwerlich anders, als durch die beregten Diffusionsstörungen erklären können, aber auch zugeben müssen, dass das wenn auch nur 5-10 Minuten lange Verweilen im Seebade eine ähnliche Wirkung haben kann.—Es würde der obigen Negation der wirklichen und irgend beträchtlichen Salzaufnahme in den Blutkreislauf widersprechen, wollte man annehmen, dass die Diffusion zwischen Blut- und Seewasser in der That im Bade in nachweisbarer Stärke Platz greife. Das hindert uns aber nicht, die Einleitung des Diffusionsstromes, d. h. also in Bezug auf den Körper, die vermehrte Strömung des Blutes gegen die Peripherie hin, als wirklich vorhanden anzunehmen. Somit wollen wir dem Salzgehalt des Seewassers seine Theilnahme an der Gesammtwirkung des Bades nicht absprechen, aber es scheint sehr unwahrscheinlich, dass das Salz als chemisches Agens irgend eine Wirkung im Körper entfaltet.—

[12] Vrgl. u. A. Chemnitz: Wangeroge u. das Seebad. Jever 1853. pag. 81.