auffinden, so stehen all diese Verhältnisse im besten Einklang mit dem, was ich über die gegenseitige Abhängigkeit dieser Stoffe und den Einfluss gesteigerter Oxydationsprocesse auf dieselben gesagt habe. Wären in Wangeroge die Oxydationsvorgänge nicht bedeutend intensiver, als in Oldenburg gewesen, so würden dort zur badefreien Zeit bei noch vermehrter Nahrungseinnahme zum Mindesten ebenfalls 0,41 Grm. Harnsäure ausgeschieden, es würde ferner die Oxalsäure weniger rasch zu Kohlensäure oxydirt, und mehr Phosphorsäure als 2,37 Grm. dem organischen Nexus entzogen sein. Aber diese vermehrte Oxydation gab sich in allen Verhältnissen kund, sie war zweifellos; und wenn ich desohngeachtet während des Bades wieder 0,30 und 0,32 Grm. Harnsäure als tägliches Mittel beobachtete, so lieferten diese Quantitäten nicht einen Beweis für jetzt verminderte Oxydationsvorgänge, sondern für eine absolut gesteigerte Production von Harnsäure, die bei gleicher Intensität der Oxydation, wie zur badefreien Zeit, dennoch zu einer Ausscheidung von täglich 0,31 Grm. Harnsäure führte. Es konnte unter solchen Verhältnissen gleichzeitig nicht anders sein, als dass zur Badezeit auch mehr Oxalsäure im Organismus producirt wurde, als zur badefreien Zeit, und, wie rasch sie auch zu beiden Zeiten zu Kohlensäure verbrennen mochte, der Einfluss den die vermehrte Production auf die Phosphate ausübte blieb dennoch nicht aus, er sprach sich in der Vermehrung der Phosphorsäure im Urin zur Zeit des Badens aus. Es wurde ohne Frage im Sommer in Wangeroge auch mehr Harnsäure producirt und oxydirt, als im Winter in Oldenburg; denn dort kam bei nicht unbeträchtlich gesteigerter Nahrungseinnahme, fast eben so viel Harnsäure zur Ausscheidung als hier (im Winter in Oldenburg: 0,29 Grm.; im Sommer in Wangeroge durchschnittlich = 0,27 Grm.); die geringe Steigerung der Phosphorsäureausgabe in W. steht damit nicht im Widerspruch (im Winter in Oldenburg: 2,37 Grm.; im Sommer in Wangeroge durchschnittlich = 2,55 Grm.); aber dennoch hatte ein Gewinn an letzterer auch im Verhältniss zum Winter Statt, denn die gesteigerte Consumption führte dem Organismus verhältnissmässig auch mehr Phosphate zu.—Bei dem steten Auf- und Abwogen der einzelnen Vorgänge, die wir in summa als Stoffwechsel bezeichnen, bei dem unausbleiblichen Einfluss, den Einnahmen an Nahrungsmaterial, körperliche und geistige Bewegung, Luftbeschaffenheit u. s. w. darauf ausüben, ist es nicht leicht, in allen Verhältnissen ein aufgefundenes Gesetz als richtig zu erkennen, doppelt schwierig ein Gesetz selbst aufzufinden. Aber ich kann nicht umhin zu glauben, dass der von mir schon vor längerer Zeit aufgestellte Satz über das Hervorgehen der Oxalsäure aus der Harnsäure und die Einwirkung der Oxalsäure auf die phosphorsauren Erden, und damit auf den Ernährungsprocess, ein richtiger ist; eine Menge praktischer Beobachtungen stimmen damit überein, und ich habe mir nicht eine Theorie construirt, denen ich die Thatsachen anzupassen suchte, sondern mich bemüht die Thatsachen kennen zu lernen, um aus ihnen ein Gesetz herzuleiten.

In den eben verzeichneten Tagesberichten findet sich ein Tag, der 8te August, an dem ganz ausnahmsweise Abends spät ein dreistündiger, anstrengender Spaziergang gemacht wurde. Wie gestalteten sich die Verhältnisse des Stoffwechsels an dem dieser ungewohnten Bewegung folgenden Tage? Alle Ausgaben waren so gesteigert, wie an keinem andern Tage. Der Harnstoff belief sich auf 32,128 Grm., die Harnsäure auf 0,448 Grm., die Schwefelsäure auf 2,260 Grm., das Chlor auf 14,084 Grm.; nur die Phosphorsäure machte eine Ausnahme, sie belief sich umgekehrt, wie alle übrigen Stoffe, so niedrig, wie an keinem andern Tage dieser Untersuchungsreihe, auf 2,533 Grm. Ist dieses Resultat anders zu erklären, als durch die obige Thesis, nach welcher Beschleunigung des Stoffwechsels vermehrte Ausgabe aller Körperbestandtheile, mit Ausnahme der einzigen Phosphorsäure bedingt, nach welcher Beschleunigung des Stoffwechsels und Körpergewichtszunahme zwei sich gegenseitig bedingende Momente sind?—Steht dasselbe nicht im Einklang mit Allem, was ich in Betreff dieser Verhältnisse gesagt habe? Und solcher Beispiele lassen sich in der That viele beibringen; täglich wird man sie in der Praxis finden können, wenn man nur darnach sucht; alljährlich werden sie uns geliefert durch die Gebirgsreisenden, die bei nicht unbedeutenden körperlichen Anstrengungen und ohne Frage beschleunigter Metamorphose dennoch mit gehobenem Embonpoint in die Heimath zurückkehren.—

Doch zurück zu unsern Untersuchungen. Ich habe noch über den Chlorgehalt des Urins der letzten Periode zu sprechen. Derselbe war in der That im Verhältniss zu allen vorhergehenden Perioden nicht unbeträchtlich vermehrt. Während in der badefreien Zeit täglich 10,59, in der ersten Badezeit 9,33 Grm. Chlor entleert wurden, belief sich die Menge desselben in der letzten Zeit täglich auf 12,019 Grm. Wie ist diese Zunahme zu erklären? Ich war Anfangs geneigt zu glauben, dass meine obige Annahme, es werde im Bade keinenfalls eine irgend erhebliche Menge Kochsalz aufgenommen (cf. [pag. 64]), unrichtig sei; dass in jener ersten Badezeit vielmehr mit den beträchtlichen Schweissen dem Körper so viel Chlor entzogen sei, dass trotz vermehrter Ausgabe an Chlor in Summa, der Gehalt desselben im Urin vermindert erschien, und dennoch also eine Salzresorption im Bade Statt gehabt habe. Allein ich halte diesen Schluss dennoch nicht für zulässig. Würde Salz im Bade resorbirt, d. h. gelangte es wirklich in den Blutkreislauf, so würde es sicher binnen der nächsten 6 Stunden im Urin wieder erscheinen. Solches lässt sich namentlich nach Falck’s Beobachtungen[17] mit Sicherheit annehmen. Wir finden nun aber, dass grade in den 6 Morgenstunden die Quantität des Chlor im Urin zur Badezeit nicht höher, sondern eher geringer war, als zur badefreien Zeit. Während der letztern wurden 4,54 Grm., während der ersten Badezeit 3,28 Grm. und während der spätern Badezeit 4,89 Grm. Chlor ausgeschieden. Das Plus fiel dagegen in der letzten Periode in die Nachmittags- und Nachtzeit—und ich glaube danach nicht anstehen zu dürfen, dasselbe aus einer vermehrten Kochsalz-Einnahme mit den Speisen zu erklären. Diese Erklärung wird dadurch unterstützt, dass an den beiden Tagen der letzten Periode, an welchen nicht gebadet wurde (6. und 7. Aug.), sehr hohe Quantitäten Chlor im Urin enthalten waren; am 6. = 12,526 Grm., am 7. = 13,667 Grm.—Doch, wird man fragen, weshalb war denn der Chlorgehalt des Urins in der ersten Badezeit, wo doch der Consum dem der Schlussperiode sehr nahe stand, nicht vermehrt, sondern sogar vermindert? Dafür glaube ich nur mit der einen Hinweisung auf die bedeutend vermehrten Schweisse einen Grund angeben zu können und ich möchte es nicht in Abrede stellen, dass mit ihnen in der ersten Badezeit um 3 Grm. Chlor mehr den Organismus auf dem Wege durch die Haut verliessen, als in der letztern.—Bei der Unmöglichkeit, die Quantität des durch die Haut entweichenden Chlors zu bestimmen, wird es immer ein missliches Ding sein, mit aller Entschiedenheit die Aufnahme von Kochsalz im Bade zu leugnen. Allein zugegeben, dass sie stattfinde, zugegeben, dass in 8-10 Minuten eine See-Wasserresorption von doppelter Grösse stattfinde, wie sie Lehmann bei 1⁄4 - 1⁄2 stündigen Sitzbädern von gewöhnlichem Wasser fand, also von etwa 20 Grm., so würde damit noch nicht 1 Gramm Chlor aufgenommen werden, und einen die Heilwirkung des Seebades mitbedingenden Einfluss glaube ich solcher Quantität kaum zuschreiben zu können.—

[17] l. c.

Es wurde schon oben bemerkt, dass ich während der ersten Tage der letzten Untersuchungsreihe einen gewissen Grad von Fatigue fühlte, eine allgemeine Abspannung, einen Mangel an gewohnter Frische. Dieser Zustand sprach sich auch in den Resultaten der chemischen Analyse aus. Es wurden am 4ten und 5ten August durchschnittlich in 24 St. nur ausgeschieden: 26,4 Grm. Harnstoff, 1,58 Grm. Schwefelsäure und 10,22 Grm. Chlor; dagegen 0,305 Grm. Harnsäure und 2,832 Grm. Phosphorsäure, also wieder Vermehrung der letztern mit Retardation der Stoffmetamorphose im Allgemeinen. Ich hielt es deshalb geeignet, zwei Tage lang das Bad auszusetzen, um zu erfahren, ob der bezeichnete Zustand dadurch beseitigt werden würde. Meine Erwartungen wurden in Uebereinstimmung mit dem, was Seebad-Aerzte in dieser Beziehung versichern, erfüllt. Nicht nur, dass das Gefühl früherer Frische alsbald wiederkehrte, auch in den Ergebnissen der chemischen Analyse sprach sich sofort die Beschleunigung des Stoffwechsels, die Wiederkehr des frühern Zustandes aus. Es wurden an den beiden Tagen in je 24 Stunden entleert: 28,49 Grm. Harnstoff, 1,881 Grm. Schwefelsäure und 13,096 Grm. Chlor; dagegen nur 0,281 Grm. Harnsäure und 2,685 Grm. Phosphorsäure—also wieder das umgekehrte Verhältniss wie oben, ganz in Uebereinstimmung mit dem, wie oben des Weitern auseinandergesetzt wurde.—Es geht daraus wieder der der Badewirkung gegenüber bedeutende Einfluss des ausschliesslichen Luftgenusses hervor; andrerseits aber enthält diese Thatsache auch eine dringende Warnung für alle diejenigen, die, nicht zufrieden mit der schon an und für sich fatiguirenden Einwirkung des Bades, täglich noch durch excessive körperliche Bewegung u. s. w. die Wirkung ihrer Cur zu erhöhen glauben. Der Zustand der Depression, der Abspannung, in welcher Weise dieselbe auch zu Stande kam, ist allemal mit Retardation der Stoffmetamorphose verbunden; Alles aber, was eine solche herbeiführt, ist auch direct dem segensreichen Einflusse des Seebades und Aufenthaltes an der Küste entgegengesetzt.—Ich habe oft mit Bedauern Kranke am Strande auf- und niederlaufen sehen, und mich oftmals nicht ohne Erfolg bemüht, dem Wunsche derselben, es recht gut zu machen, die richtigen Wege zu weisen. Für Niemand weniger, als für den Seebadenden, sind in der Regel excessive körperliche Anstrengungen geeignet; es pflegen sich im Gegentheil diejenigen Kranken am besten zu befinden, die, so viel als möglich, ruhig, theils sitzend, theils gehend am Strande verweilen. Insonderheit da, wo es auf Hebung des Ernährungsprocesses, auf Gewinn an Phosphorsäure ankommt, kann die gleichmässige Ruhe, wie Flügge[18] es so richtig thut, nicht dringend genug empfohlen werden. Die wunderbare Genesung scrophulöser, atrophischer, rhachitischer u. a. Kinder, die ich an der englischen Küste in Margate beobachtete, findet nur in dem ruhigen, tagelangen Verweilen derselben in der unschätzbaren Seeluft ihre Erklärung.—Fatigue ist allemal Verlust an Kraft, und Ruhe eben da Gewinn, wo die Luft allein schon fähig ist den Stoffwechsel zu heben, die Oxydationsprocesse zu steigern. Dadurch gewinnt, wie meine Untersuchungen nachweisen, der Organismus an jenem Material, das dem gesunden Aufbau und Gedeihen desselben fehlte, dadurch bekommt allein der Geist und mit ihm das gesammte Nervensystem die so oft vermisste und doch so nothwendige, gleichmässige Ruhe.—

[18] Verhaltungsregeln beim Gebrauch der Seebäder vom Sanit.-Rath Dr. Flügge. 3te Aufl. Hannover.

In der Vertheilung der Ausgaben dieser Untersuchungsreihe auf Morgenstunden und übrige Tageszeit kamen zu geringe Differenzen von der in der anfänglichen Badezeit beobachteten vor, als dass ich darüber ein Mehres zu sagen für nöthig hielte. Im Wesentlichen äusserte das Bad die gleichen Einflüsse. Vermehrte sich die Urinquantität, so wie der Harnstoffgehalt derselben jetzt um etwas in den Morgenstunden, so mochte der Grund dafür in der bereits oben erwähnten, weniger reichlichen Hauttranspiration liegen: verminderte sich die Schwefelsäure um 0,038 Grm., so habe ich als Ursache davon schon oben die vermehrten Darmentleerungen angesprochen; und verminderte sich ebenfalls die Harnsäure um 0,017 Grm., so fand dafür Nachmittags eine ganz entsprechende Vermehrung Statt; es kamen die 0,017 Grm. nur zufällig etwas später zur Ausscheidung als zur anfänglichen Badezeit.—Wesentliche Schlüsse lassen sich auf diese geringen Differenzen nicht basiren; was sich mit Bestimmtheit folgern lässt, ist bereits bei Besprechung der Mittelwerthe für die 24stündige Periode gesagt.

Bis zum Tage der Abreise von Wangeroge, den 17. August, stand nur noch eine kurze Zeit bevor.—Die 5 Tage wurden verlebt, wie die Tage der arbeitsfreien Zeit vom 24. Juli—4. August. Am 18ten Nachmittags traf ich in Oldenburg wieder ein.—Aber ich durfte meine Aufgabe noch nicht als beendet betrachten; es galt die Frage zu lösen: wie sich der Stoffwechsel jetzt, nach dem beendeten Bade, in Oldenburg verhielt, wie die Gewichtsverhältnisse des Körpers sich gestalteten, wie die einzelnen bisher betrachteten Bestandteile des Urins.—Ich liess also erst einige Tage in den gewöhnlichen früher schon angedeuteten Lebensverhältnissen vergehen und nahm dann am 29sten August die Untersuchungen wieder auf.—Leider wurde ich durch unabwendbare Berufsgeschäfte verhindert, eine längere, zusammenhängende Reihe von Tagen hindurch die Beobachtungen fortzusetzen; ich wurde genöthigt, mit einem Zwischenraum von 11 Tagen 2 Mal 3 Tage lang, statt, wie ich es wünschte, 6 Tage lang in continuo zu beobachten. Allein da die Lebensweise in beiden Perioden durchaus gleichartig war, so wird kein Fehler darin liegen, die Mittelwerthe aus den 6 Tagen in summa zu berechnen, wenn auch die bedeutende Verschiedenheit der Harnsäure- und Phosphorsäureausscheidung in beiden Zeiträumen einer besondern Erwähnung bedarf.—

Ich lasse zunächst wieder die Resultate der einzelnen Untersuchungen selbst folgen: