3. „Nach dem Bade folgte in den nächsten 15 Minuten eine Steigerung der Temperatur um 1-2°, während der Puls um 10-24 Schläge herunterging.

4. „Der nun folgende Gang hatte keinen constanten Einfluss auf Temperatur und Puls“.

5. „Dagegen bewirkte der nach der Heimkehr eingenommene Caffee eine Steigerung der Temperatur um 1-2°, eine Beschleunigung des Pulses um 4-12 Schläge.“

Unsere vierte Frage lautete: Ist es wahr, dass der Aufenthalt an der See und der Gebrauch des Seebades zunächst eine Abmagerung herbeiführt? Ich antworte hierauf: dass die sorgfältigste Bestimmung, sowohl bei dem ausschliesslichen Luftgenuss, als während der ganzen Badezeit, eine stetige Zunahme meines Körpergewichts nachgewiesen hat und jene Annahme deshalb eine unrichtige zu sein scheint. Ich glaube dies um so mehr, als manche Verhältnisse bei mir zusammentrafen, die einer Körpergewichtszunahme eher hinderlich, als förderlich waren; in Folge meiner Arbeit war ich namentlich mehr geistigen und auch körperlichen Anstrengungen unterworfen, als die meisten Badegäste. Sobald ich ein diesen ähnliches Verhalten beobachtete, war die Körpergewichtszunahme doppelt so gross, als zu anderer Zeit. Nach Allem aber, was mich die einfache objective Anschauung lehrte, möchte ich auch glauben, dass sich ein gleiches Resultat bei andern Badegästen herausstellte; es wäre sehr wünschenswerth, dass die Frage durch fortgesetzte Beobachtungen entschieden würde. Die Körpergewichtszunahme constatirt im Allgemeinen, was uns die chemische Analyse lehrte.

Bei diesem wichtigen Ergebniss der Untersuchung liegt die Frage sehr nahe, wie die Diät eines Seebadenden beschaffen sein soll, damit sie allen Anforderungen genügt? Es werden in Bezug auf dieselbe sicherlich viele Fehler begangen, deren Schuld bald die Langeweile, bald der in der That gesteigerte Appetit, bald aber die eingewurzelte Idee trägt, im Seebade müsse man tüchtig essen und trinken. Im Allgemeinen bemerke ich Folgendes: Nach drei Seiten hin hat sich die Aufmerksamkeit bei der Verordnung einer Diät zu wenden, einmal hat man den gesteigerten Stoff-Verbrauch, andrerseits das Nervensystem, drittens aber den Zustand der Verdauungsorgane selbst zu berücksichtigen.—Der erstere macht allemal eine Steigerung der Quantität von Nahrungsmitteln nothwendig; die letztern gebieten Modificationen. Ist der Zustand ein im Allgemeinen kräftiger, sind die Verdauungsorgane nicht geschwächt, so befriedige man einfach das Bedürfniss, das unter solchen Umständen in der Regel das richtige Maass bestimmt. Ist dagegen der Zustand des Nervensystems ein geschwächter, ist die Fatigue durch das Bad gesteigert, grosse Müdigkeit und Abgeschlagenheit vorhanden, so folge man dem gesteigerten Nahrungstriebe nicht ohne grösste Vorsicht und geniesse immer eher weniger, als der Appetit verlangt, als mehr. Derartige Patienten haben oft das Verlangen zu essen; sie wollen ihren Schwächezustand durch kräftige Kost beseitigen, und um so mehr, wenn es ihnen auf Momente in der That in dieser Weise gelingt. Allein sie begehen allemal Fehler; das Nervensystem ist noch zu schwach, die Metamorphose so gesteigerter Nahrungsmengen durchzuführen, und es entstehen in dieser Weise Erscheinungen retardirter Stoffmetamorphose, die sich bald in rheumatischen Schmerzen, bald in gastrischen Catarrhen, bald in dieser, bald in jener Form aussprechen. Man darf sich überzeugt halten,—und das diene Jedem zur Beruhigung—dass mässigere Mengen die Anforderungen der Luft und des Bades nicht nur hinlänglich bestreiten, sondern auch noch hinreichendes Material zur Neubildung von Körpersubstanz übrig lassen. Dagegen ist unter solchen Verhältnissen der mässige Genuss eines kräftigen Weines, eines guten Thees und unter Umständen selbst des Caffees zu empfehlen; diese s. g. „Genussmittel“ sind hier zur Hebung des Nervensystems ganz am Platz und der retardirende Einfluss, den sie bekannter Weise auf den Stoffwechsel ausüben, verschwindet, wenn sie mit Maass genossen werden, gegen den beschleunigenden, den die Luft und das Bad bedingen. In die schlimmste Lage gelangen diejenigen Patienten, die nicht nur an einer allgemeinen Schwäche des Nervensystems, sondern insonderheit auch an einer Schwäche der Verdauungsorgane leiden. Diesen ist zu Anfang der Cur nichts dringender zu empfehlen, als dass sie sich der möglichsten Ruhe in der erfrischenden Seeluft befleissigen, niemals fatiguirende Spaziergänge machen und nur jeden dritten Tag baden. Thun sie das nicht, so übersteigt das unvermeidliche Nahrungsbedürfniss die Kraft ihrer Verdauungsorgane; sie müssen ihm nachgeben, wenn sie nicht Hunger leiden wollen, und nicht nur, dass sie die Verdauungsorgane unter solchen Verhältnissen nicht kräftigen, im Gegentheil der catarrhalische Zustand an dem sie leiden wird immer schlimmer und die ganze Cur kann in dieser Weise vereitelt werden. Leben sie jedoch in der angegebenen Weise, so mögen sie mit Maass ihr Nahrungsbedürfniss befriedigen, dem Genuss des Weines nicht fremd bleiben, aber Alles vermeiden was den Magen beschweren kann, als fette Mehlspeisen, Puddings u. s. w.—Dieser so eben bezeichnete Zustand eines die Kraft der Verdauungsorgane überschreitenden Nahrungsbedürfnisses tritt uns im praktischen Leben, insonderheit bei Leuten, die angestrengte geistige Arbeit haben, häufig entgegen; seine Beseitigung gelingt schwer und selten in anderer Weise als durch consequente Verminderung der Arbeitszeit, so schwierig es oft auch fällt, dieselbe zu ermöglichen.—Oft ist mir von Patienten, denen ich einen solchen Rath ertheilt, erwiedert: ich muss stark arbeiten, „um zu leben“; aber sie bemerken nicht, dass sie täglich am eigenen Capital zehren und der baldige Banquerott in dieser Weise nicht ausbleibt.—

Welcher Art soll die Qualität der Nahrung im Seebade sein? Um in dieser Beziehung klar zu sehen, muss man sich den ganzen Zweck und die Wirkung der Seebad-Cur vergegenwärtigen. Man will die Stoffmetamorphose beschleunigen, um ein gewisses Quantum von stickstoffhaltigem Material aus dem Körper zu entfernen, aber man will auch den Ernährungsprocess und mit ihm die Kraft des Nervensystems steigern. Solchem Zwecke entspricht vorzugsweise eine mit richtigem Maass genossene animalische Kost, und namentlich die kräftigeren Fleischsorten, als Rindfleisch, Schinken, Wild, sind ihres grössern Eisen- u. Phosphorsäuregehalts wegen zu empfehlen. Ich hebe es ausdrücklich hervor: „mit richtigem Maass“! Sobald zu viel stickstoffhaltige Materien eingeführt werden, ist eine mangelhafte unvollkommene Metamorphose derselben ein unvermeidliches Resultat, und wie eine solche zur Verminderung der Phosphate im Organismus, und damit zur Abmagerung führt, habe ich a. a. O. nachzuweisen gesucht. Den stickstoffreichen s. g. Albuminaten stehe eine leichte stickstoffärmere und stickstofffreie Kost zur Seite; leichte Gemüse, leichte Mehlspeisen, mässiger Fettgenuss sind nothwendige Erfordernisse; für scrophulöse Kinder scheint mir der mit dem Seebade verbundene möglichst reichliche Genuss von Leberthran, als demjenigen Nahrungsmittel, durch welches die Zwecke der Seebadecur am wenigsten beeinträchtigt werden können, besonders zu empfehlen. Ueberall aber, wo sich Fatigue, Schwäche des Nervensystems u. s. w. zu erkennen giebt, sei wiederholt der mässige Genuss eines kräftigen Weines empfohlen. Die Rhein- und leichten französischen Weine, sind ihres Gehaltes an pflanzensauren Salzen halber, weniger dienlich.—In einzelnen Fällen, wo ich um einen Rath ersucht wurde, habe ich, falls der Wein nicht gut vertragen wurde, die Tinct. Valerian. aether. mit Erfolg dafür substituirt.—Der sonst für manche Patienten Morgens und Abends dienliche Genuss von Milch oder Cacao scheint mir im Seebade nicht empfehlenswerth. So trefflich die Milch als Nahrungsmittel ist, sie giebt dem Nervensystem zu wenig Impuls, und weniger als es im Seebade bedarf. Deshalb glaube ich Morgens zum Thee oder, wo er vertragen wird, zum Caffee, anfangs nur mit etwas Butterbrod, später mit etwas Fleisch, Eiern, kurz zu einem englischen Frühstück rathen, Abends dagegen eine leichte Fleischspeise mit Thee, oder, wo das Nahrungsbedürfniss nicht stark ist, nur eine einfache Suppe empfehlen zu müssen. Es ist unmöglich, alle die Modificationen hier anzuführen, die im einzelnen Falle zu treffen sind. Meiner Aufgabe gemäss, kann ich mich nur an das Allgemeine halten, und in dieser Beziehung ist insonderheit der massvollen Vermehrung, namentlich des stickstoffhaltigen Nahrungsmateriales, und des gesteigerten Genusses solcher Getränke zu gedenken, die weniger durch ihre Nahrhaftigkeit, als dadurch ausgezeichnet sind, dass sie das Nervensystem anregen und ihm gewissermaassen diejenige Spannkraft verleihen, die es zur Durchführung eines gehobenen Ernährungsprocesses bedarf. Individuen, die selbst derartige Excitationen nicht vertragen, sind nicht mehr für das Seebad geeignet; sie gehören auf das Land, in eine leicht gebirgige Gegend, müssen Molken trinken u. s. w. Ich möchte hier das wiederholen, was ich in Betreff der gleichartigen und doch so verschiedenen Wirkung der meisten Brunnen- und Badecuren a. a. O.[24] gesagt habe; die allgemeine Wirkung fast aller dieser Curen ist eine ähnliche, es handelt sich fast überall um eine Beschleunigung der Stoffmetamorphose; aber in jedem Falle entsteht auch die Frage, welches Mittel das geeigneteste zum Zwecke ist, und da ist denn allerdings die Breite der Möglichkeit keine geringe, es muss die Wahl bei richtiger Individualisirung oft sehr verschieden ausfallen. Für das Seeleben ist es ein unschätzbarer Vorzug vor allen andern Bad- und Trinkcuren, dass der ausschliessliche Genuss der Luft die Stoffmetamorphose in einem Grade beschleunigt, wie es an andern Orten nur grosse Quantitäten salinischer Wässer, Bäder, fatiguirende Märsche, unerbittliche Strenge in der Diät u. s. w. zu thun vermögen. Ob auch die nachtheiligen Wirkungen dieser Heilmittel, neben ihren unbestreitbaren Vorzügen, immer richtig bedacht werden?! Möchte endlich die Zeit kommen, wo man bei genauer Kenntniss der speciellen Heilwirkungen und sämmtlichen Effecte dieser und jener Quelle nicht mehr für Krankheiten, sondern für Individuen verordnet!

[24] Die Rationalität der Molkencuren. Hannover 1853. pag. 46.

Unsere 5te Frage lautete: Welche weitern objectiven oder subjectiven Erscheinungen im Befinden sind mit Sicherheit als Erfolge des Seebades und des Aufenthaltes an der See zu betrachten? Gehe ich auf die am eigenen Körper gemachten Beobachtungen zurück, so kann ich nicht umhin, das zeitweilige Gefühl der Ermüdung, die bedeutende Vermehrung der Darmentleerungen, die dunklere Färbung derselben, die bedeutend gesteigerte Vermehrung der Hautthätigkeit, die eigenthümlich klebrigen Schweisse als Wirkungen des Seebades in Anspruch zu nehmen. Es sind dies Erscheinungen, die mehr oder weniger bei jedem Patienten und Gesunden auf der Insel hervortreten, und tritt an die Stelle vermehrter Darmentleerung oft geradezu das Gegentheil, eine hartnäckige Constipation, so habe ich mir darüber oben ([pag. 58].) schon einige weitere Bemerkungen erlaubt. Die Ursachen der übrigen Erscheinungen wurden ebenfalls an geeigneter Stelle besprochen.—Doch es ist mit der Angabe dieser wenigen keineswegs die Menge der überhaupt vorkommenden Erscheinungen erschöpft. Die sich gegen Ende der Cur in der Regel einstellende grössere Frische und Leichtigkeit, die freiere psychische Bewegung, die Wiederkehr früherer Heiterkeit, der geregelte Eintritt der Menses bei dysmenorrhoischen Frauen, u.s.w. u.s.w. sind Wirkungen, die ohne Frage dem Gebrauch des Seebades und seiner Einwirkung auf den Stoffwechsel zugeschrieben werden müssen. Dass es zudem noch manche specielle Wirkungen desselben giebt, wird Niemand bestreiten, der sich im Seebade umgesehen hat; die Erklärungen für dieselben fehlen uns jedoch noch zum grossen Theil. Der plötzliche Schwund eines tic douloureux, von Neuralgieen überhaupt,—wie ich ihn bei heftiger Odontalgie und Cardialgie einmal beobachtete—, ist eine nicht selten beobachtete Thatsache, und erinnert diese einmal lebhaft an die immer treffenden Worte Romberg’s: „Mit Schmerz bettelt der Nerv um gesundes Blut“, so giebt eben die Raschheit des Schwundes jener Schmerzen doch auch der Vermuthung Raum, dass eigenthümliche, noch nicht genau erforschte Verhältnisse der Seeluft oder des Bades direct auf das Nervensystem influiren. Im Ganzen ist aber die Anzahl solcher schwieriger zu erklärender Heilwirkungen nicht gross, und in den meisten Fällen sind die oben näher bezeichneten Wirkungen der Luft und des Bades auf den Stoffwechsel hinreichend zur Erklärung der therapeutischen Thatsachen. Das unmittelbare Abhängigkeitsverhältniss zwischen Nerv und Blut erfordert hier die sorgfältigste Berücksichtigung.


Ich komme zum letzten Theil meiner Arbeit. Wir haben noch nach dem Warum? der aufgefundenen Wirkungen der Seeluft und des Seebades zu fragen. Hier fehlt es leider noch sehr an thatsächlichen Anhaltspunkten; der Hypothese ist ein weites Feld geöffnet. Gehen wir jedoch in Kürze die etwaigen Möglichkeiten durch.—