Thatsache ist es zunächst, dass der Luftgenuss oder der Aufenthalt auf der Nordsee-Insel allein eine nicht unbeträchtliche Beschleunigung der Stoffmetamorphose bedingt.—In welcher Weise kann dies, abgesehen von dem Einfluss der an allen Badeorten gleichen Ausspannung aus dem Geschäftsleben, Befreiung von häuslichen Bekümmernissen u.s.w., geschehen?—Es ist nicht zu bezweifeln, dass C. Mühry in seiner oben erwähnten Schrift einen sehr wichtigen Punkt berührt hat, wenn er zuerst des psychischen Eindruckes gedenkt, den der Anblick des weiten Meers auf den Menschen ausübt. Diesem Eindruck, einem zur stillen Bewunderung hinreissenden Gefühle, kann sich schwerlich Jemand entziehen, der zum ersten Male die Ufer des Meeres betritt. Wir wissen aber, dass jeder anregende, psychische Eindruck, sei er durch Kunst oder Natur herbeigeführt, auch nicht ohne Einfluss auf den Stoffwechsel bleibt, wir wissen, dass er allemal zu einer Beschleunigung desselben führt; und so mag denn auch jene geistige Erhebung, die der blosse Anblick des Meeres bedingt, einen Theil der fraglichen Wirkung herbeiführen. Bringt man jedoch in Anschlag, wie rasch man sich an derartige Eindrücke gewöhnt, so kann dieser Theil immer nur ein sehr geringer, die Wirkung selbst eine fast nur momentane sein; sie erklärt nicht die Ausdauer der beobachteten Verhältnisse.—
Als eines zweiten nicht unwichtigen Umstandes ist des stärkern Lichtreflexes am Meeresufer gedacht.—Dass das Licht an und für sich je nach seiner Intensität und Farbe einen grössern oder geringern Einfluss auf das Nervensystem und indirect auf die materiellen Vorgänge im menschlichen Körper ausübt, ist keiner Frage unterworfen. Für Thiere hat C. Schmidt in seinen bekannten Untersuchungen [25] den Einfluss des Lichtes auf den Stoffwechsel geradezu erwiesen. Er fand, dass der Gewichtsverlust einer Katze bei Tage stets viel beträchtlicher war, als bei Nacht, und dass, als das Thier zufällig erblindete, der Stoffwechsel auch während des Tages nur dieselbe Intensität, wie während der Nacht besass. Ein ähnlicher Einfluss des Lichts hat sicher auch beim Menschen Statt. Allein auch dieser erklärt uns nicht die aufgefundenen Resultate; die segensreichen Wirkungen der Seeluft gaben sich auch, wie ich in Wangeroge zu erfahren Gelegenheit hatte, bei einem Manne kund, der des Augenlichts beraubt war, und an trüben Tagen, bei wolkigem Himmel, war die wahrgenommene Wirkung bei mir nicht geringer, als bei heiterm Sonnenschein.
[25] Bidder und Schmidt: Verdauungssäfte u. Stoffwechsel. 1852. pag. 317.
Betrachten wir denn in dritter Reihe die Luft selbst.—So weit man schliessen kann, müssen in ihr Verhältnisse obwalten, die jene Wirkungen bedingen und erklären.—Der grössere Druck der Luft am Meeresufer kann nur da in Frage kommen, wo er auf Jemand influirt, der aus höhern Gegenden herstammt. Bei mir war das nicht der Fall; zwischen Oldenburg und dem Meeresufer existirt im Luftdruck in der That ein so geringer Unterschied, dass ich in den vorliegenden Untersuchungen unmöglich daraus eine Wirkung zu erklären vermag. Aber auch bei denen, deren Heimath in den Bergen liegt, kann der Luftdruck die fraglichen Resultate nicht bedingen. Nach dem was wir über Lungenexhalation und Hautausdünstung in niedern und höhern Gegenden wissen und aus den bekannten Erfahrungen Gebirgsreisender schliessen, müsste im Gegentheil der grössere Luftdruck eher hemmend, als beschleunigend auf den Stoffwechsel influiren. Vierordt[26] hat es nachgewiesen, dass ein Steigen des Barometers um 5′′′,67 die Pulsschläge in der Minute um 1,3, die Athemzüge um 0,74, und die ausgeathmete Luft um 586 CC. vermehrt; aber der Kohlensäuregehalt der letztern sinkt um 0,309%, Differenzen, die beim Athmen in höherer Temperatur noch deutlicher hervortreten.—Die Temperatur der Luft kann uns ebenfalls nichts erklären. Sie ist im Sommer bekanntlich am Meeresufer in der Regel um einige Grade niedriger, als auf dem Continent; soll man sich aber aus so geringen Differenzen jene bedeutenden Verschiedenheiten des Stoffwechsels erklären? Bedingen doch der kalte Winter und der heisse Sommer, wie die obigen Untersuchungen nachweisen, nur Unterschiede, die sich auf ein viel Geringeres belaufen, als die hier aufgefundenen! Sind es denn die chemischen Bestandtheile der Seeluft, die uns eine Aufklärung verschaffen? Was die Verhältnisse des Stickstoffs und Sauerstoffs betrifft, so wissen wir, dass in einem etwa vermutheten grössern Sauerstoffgehalt der Luft[27] die Ursache nicht liegt. „H. Davy fand bei Bristol dieselbe Zusammensetzung, und zwar selbst in der Luft, welche er bei heftigem Westwind an der Mündung des Severn gesammelt hatte, die also weit über das atlantische Meer hergekommen war“[28], wie Andere auf dem Festlande, und Alexander von Humboldt sagt uns selbst in seinen „kleinern Schriften“ 1853. pag. 349: „In allen unsern Versuchen sieht man zunächst den Beweis, dass die Schwankungen im Sauerstoff-Gehalt der Luft nicht über 0,001 betragen, obgleich die von uns analysirte Luft bei verschiedenen Winden aufgefangen war, mithin aus sehr entfernt von einander liegenden Gegenden kam; ferner, dass das Raumverhältniss des Sauerstoffs zu dem übrigen Gasen in der Luft, wie 21 : 79 ist. Das erste Resultat, dass sich die Zusammensetzung der Luft nicht ändert, ist ganz scharf;— —das zweite, dass die atmosphärische Luft 21 p.c. Sauerstoff enthält, kann sich nur sehr wenig von der Wahrheit entfernen.“ Dagegen ist die Seeluft bedeutend wasserreicher, als die Continentalluft, und dass dieser grössere Wasserhalt nicht ohne Einfluss ist auf die fragliche Beschleunigung der Stoffmetamorphose, lässt sich neuern Untersuchungen zufolge nicht in Abrede stellen. Ein Jeder, der die Seeluft gekostet hat, wird sich von der leichten Respirabilität derselben, von dem wohlthuenden Gefühle tiefer Inspirationen am Strande überzeugt haben. Man trinkt die Luft in vollen Zügen und eine Beschleunigung der Respirationsacte, eine grössere Extensität derselben ist eine gewöhnliche Erscheinung. Kommt dazu der positive Beweis vermehrter Ausgabe an Kohlensäure und grössern Gewichtsverlustes des Körpers in feuchter Atmosphäre, so dürfen wir nicht zweifeln, dass jener Wassergehalt der Seeluft von beträchtlichem Einfluss auf die Beschleunigung der Stoffmetamorphose ist. Diesen Beweis hat uns aber Prof. Lehmann[29] geliefert. Die Wichtigkeit des Gegenstandes erfordert es, dass ich ausführlich mittheile, was darüber vorliegt. Lehmann’s eigene Worte mögen also folgen:
[26] Vierordt: Physiologie des Athmens. Karlsruhe 1845.
[27] Vrgl. Dr. Bluhm l. c. pag. 28.
[28] S. Cotta: Briefe über Alex. v. Humboldt’s Kosmos. Leipzig 1848, pag. 218.
[29] C. G. Lehmann: Lehrbuch der physiolog. Chemie. Bd. III. pag. 387. Leipzig 1852.
„Auch der Feuchtigkeitsgrad der Atmosphäre ist nicht ohne Einfluss auf die respiratorischen Functionen und die Kohlensäureexcretion insbesondere. Ueber diesen Gegenstand sind von mir einige Versuche an Feldtauben, Zeisigen und Kaninchen angestellt worden. Die Gewichtsmengen excernirter Kohlensäure fallen in feuchter Luft viel grösser aus, als in trockner. So lieferten z. B. 1000 Gramm (= 2