Aber wir sahen oben, dass der Einfluss, den die Luft ausübt, in gewisser Beziehung noch auf das Doppelte etwa erhöht wird, wenn täglich gleichzeitig ein Seebad genommen wird. Fragen wir also auch hier noch nach dem Wie? oder Warum? der Wirkung.—Unter allen Schriftstellern hat sich Mühry mit dieser Frage am gründlichsten beschäftigt; er hat namentlich die Verschiedenheit der Wirkung des Seebades und des kalten Flussbades in einer vergleichenden Darstellung hervorzuheben gesucht. Diese Darstellung ist recht gelungen, und die Momente, die er als die wichtigsten bezeichnet, müssen auch wir als solche anerkennen.—

Zunächst ist des Shocks zu gedenken, den das Eintauchen in das kalte Wasser verursacht. Dass darin ein das Nervensystem excitirendes Moment liegt, wird Niemand in Abrede stellen wollen; die überall wahrgenommene Pulsbeschleunigung im Bade selbst liefert einen Beweis dafür.—Die kalten Begiessungen, welche wir hie und da in Anwendung bringen, haben denselben Zweck und dieselbe Wirkung, und Mühry hat sicher Recht, wenn er in dieser Beziehung keinen Unterschied zwischen Flussbad und Seebad von gleicher Temperatur statuirt.—Jedes das Nervensystem excitirende Moment übt aber auch einen beschleunigenden Einfluss auf den Stoffwechsel aus und der Shock, den das Eintauchen in’s Wasser herbeiführt, trägt somit sicher zur allgemeinen Wirkung des Bades bei.—Nach Ueberwindung dieses ersten Actes ist der Badende drei andern Einflüssen ausgesetzt: dem Einfluss des stark salzhaltigen Wassers, dem Wellenschlage, und, wie mehre Badeärzte so treffend sich ausdrücken, einem „Kampfe mit den Wellen“, der jede Ruhe unmöglich macht.—Ueber die Einwirkung des Salzwassers als solchen, habe ich schon oben ([pag. 65]) gesprochen; es ist sicher durch seine Einwirkung auf die Haut und alle ihr zugehörigen Gebilde, insonderheit die Nerven, es ist ferner durch die wahrscheinliche Einleitung eines Diffusionsstromes mit peripherischer Richtung nicht ohne Bedeutung. Diese Wirkung, die sich nach dem Bade insonderheit durch eine gesteigerte Hautthätigkeit ausspricht, wird aber noch beträchtlich unterstützt durch den Wellenschlag, der als ein mächtiges Reizmittel der Hautnerven genannt zu werden verdient. Wer nicht zaghaft am flachen Strande in den kleinen schäumenden Spritzwellen seine Badezeit zubringt, sondern sich tüchtig die Wellen hat auf Rücken und Kopf schlagen lassen, der wird durch die Kraft eines solchen Schlagens nicht selten in Erstaunen gesetzt sein und gefühlt haben, dass er Nerven besitzt. Trifft die Welle scharf zu, eben in dem Augenblick wo sie sich überschlägt, so kann sich die Empfindung des Schlages selbst zum Schmerz steigern, und eine solche Anregung, die zunächst die Hautnerven, dann aber sicher auch das Rückenmark afficirt, kann nicht ohne Wirkung auf den Stoffwechsel selbst bleiben. Die nachherige bedeutende Thätigkeit der Haut erklärt sich daraus in ungezwungener Weise.—In dieser Beziehung bedarf es keines weitern Einflusses, um die ganze Wirkung hervorzurufen; für die Beschleunigung des Stoffwechsels im Innern der Organe kommt aber noch ein drittes Moment hinzu—, ich meine den schon erwähnten Kampf mit den Wellen.—Wenn der Wellenschlag fehlt und die See sich ruhig nur kräuselt, so hört man in der Regel eine allgemeine Klage über „ein schlechtes Bad“, und darin liegt etwas Wahres. Es fehlt einem Bade in dem ruhigen Wasser jene excitirende Wirkung die der Wellenschlag erzeugt, der, je kräftiger er ist, in der Regel auch um so freudiger von den Badenden begrüsst wird. Dringt eine Welle der andern nach, kommt der Badende kaum zur Besinnung, wird er bald durch die Wellen nach vorn geworfen und verliert er bald wieder seinen festen Stand durch die rückfliessende Fluth, so entsteht dadurch eine allgemeine Aufregung des Nervensystems, eine Anspannung der Aufmerksamkeit, die nicht geringer ist, als wenn man irgend eine Gefahr zu überstehen hat, nur dass sich ihr hier das Bewusstsein der Gefahrlosigkeit beimischt.—Solche mehr psychische, als somatische Eindrücke verfehlen aber nie ihre Wirkung auf die materiellen Vorgänge im Organismus, und das Resultat derselben spricht sich wieder in einer Beschleunigung des Stoffwechsels aus.—In diesen wenigen Momenten liegt es und muss es begründet liegen, dass der Körper des Badenden mehr stickstoffhaltige Substanzen verarbeitet, als der des Nichtbadenden; es muss hierin die gesteigerte Ausscheidung des Harnstoffs, der Harnsäure, der Schwefelsäure u. s. w. begründet liegen.—Aber auch ein zweites Moment darf nicht unberücksichtigt bleiben. Wenn Kraftverbrauch auch Kraft erzeugt, so kann das allerdings immer zum Theil durch die Einwirkung des gesteigerten Stoffwechsels auf die Körperbestandtheile bedingt sein; nur gesundes Blut giebt den Nerven das, was wir Kraft nennen, nur ein geregelter Stoffwechsel erhält das Blut gesund; aber wie der gebrauchte Muskel in seiner Ernährung einen Zuwachs erfährt, so wird auch der thätige Nerv durch Thätigkeit in uns noch unbekannter Weise an Energie, an Ausdauer, an Widerstandsfähigkeit gewinnen, und wenn das Bad durch seinen Shock, seinen Wellenschlag, seine Unruhe alltäglich das gesammte Nervensystem mehr oder weniger in Thätigkeit versetzt, so mag darin auch ein nicht geringer Hebel zur allgemeinen Kraftsteigerung und Erhöhung der Widerstandsfähigkeit liegen. Auf der Einwirkung des Bades auf das Nervensystem und insonderheit die Centraltheile desselben (Rückenmark) beruht auch sonder Zweifel sein bedeutender Einfluss auf die Unterleibsfunctionen; der Erregung des Rückenmarks und des Sympathicus sind die vermehrten Darmentleerungen, die gesteigerte Gallenexcretion, das frühere Erscheinen oder der Wiedereintritt cessirender Menses zuzuschreiben, und wenn man vom Seebade sagt, dass es auch auf die Thätigkeit der Geschlechtsorgane nicht ohne anregenden Einfluss sei, wenn man nicht selten der Erscheinung öfterer Pollutionen begegnet, so hat auch das seinen Grund sicher in keiner andern Quelle.—Von einigen Patienten, die an Hypochondrie und Unterleibsstockungen litten, wurde ich mehrmals wegen eines nach dem Baden eingetretenen Schmerzes in der Lumbargegend consultirt. Ich habe sie auf die Einwirkung des Bades auf die Hervorrufung hämorrhoidaler Congestion verwiesen, und mich erinnert an die Mittheilung mehrer Badeärzte, dass das Bad geradezu Haemorrhoiden in Fluss gebracht, d. h. Blutentleerungen per anum herbei geführt habe. Die Schmerzen schwanden bei bethätigter Darmentleerung alsbald, und die Furcht der Patienten vor Rückenmarksleiden verschwand mit ihnen.

Ich darf es nicht unerwähnt lassen, das ich in allen Erscheinungen, deren Hervortreten dem Bade selbst zugeschrieben werden muss, eine gewisse Regelmässigkeit nicht zu entdecken vermochte und meine Untersuchungen weisen nach, dass von bestimmten kritischen Erscheinungen, wie sie Mühry haben will, und von einer darnach eintretenden „tonisirenden Wirkungsperiode“, kaum die Rede sein kann.—Der vermehrte Stoffwechsel führt allerdings anfangs nach oben gegebener Erklärung zur Fatigue, und dieselbe lässt nach, wenn der Organismus sich an grössere Einnahmen und Ausgaben gewöhnt hat, das Gefühl gehobener Kraft wird selten ausbleiben.—Wir erkennen aber aus den obigen Untersuchungen, dass die Wirkungen des Bades bis zu Ende der Badezeit gleichmässig anhielten; und erscheinen bei diesem oder jenem Patienten Sedimente im Urin, abnorme Entleerungen per rectum u. s. w., so möchte ich diese einzelnen Erscheinungen nicht als Krisen bezeichnen, sondern in etwaigen Excessen in der Diät, in starken Wasserverlusten durch die Haut und damit sehr verringerter Quantität des Urins die Ursachen suchen. Will man von einer Krise sprechen, so muss man die ganze Badezeit als eine kritische bezeichnen.—

Ich denke nicht, dass es nach den vorstehenden Bemerkungen über das Wie? der Wirkung des Bades noch nothwendig sein wird, auf „mittheilbare lebendige Kräfte“ des Seewassers, wie sie u. A. Chemnitz annimmt, zu recurriren. Es sind das Kräfte, von denen Niemand etwas gesehen hat und weiss, und weshalb zu solchen greifen, wenn die einfachen Thatsachen so hinreichende Erklärung bieten?—

Doch es ist nicht meine Absicht weiter auf eine Kritik bisheriger Leistungen einzugehen; ich halte mich auch fern davon, die in einzelnen Fällen zur Beobachtung kommenden Erscheinungen zu beurtheilen und zu erklären. Es gehört dazu eine langjährige Erfahrung im Seebade selbst, und es ist Sache der dortigen Aerzte, zu prüfen, ob sich die hier niedergelegten Beobachtungen über die allgemeine Wirkung des Seebades und der Seeluft mit allen Wahrnehmungen an Kranken und Gesunden auf der Insel vereinigen lassen.—Ob aber jene allgemeine Wirkung richtig erkannt und aufgefasst ist, darüber lässt sich nur dann richten, wenn den mitgetheilten Thatsachen gleichartige Untersuchungen gegenübergestellt werden.—


Druck der Universitäts-Buchdruckerei von E. A. Huth in Göttingen.


Sinnstörende Druckfehler.

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115: 5.v. o„gewisses“ für „grosses“
116: 15.v. o.„Quantitäten“ für „Qualitäten“
119: 2.v. u.„Respirabilität“ für „Respiralität“