Auch fanden sich jetzt wirklich eine Menge Geschäfte für sie. Meining wünschte sein Haus glänzend einzurichten, es zu dem Sammelplatz der geistigen Celebritäten zu machen, und in diesem Sinne mußten die Einrichtungen getroffen werden, wobei Clementinens geläuterter Geschmack, ihr angeborner Schönheitssinn ihm vortrefflich zu Statten kamen. In wenigen Wochen waren die öden Zimmer in die eleganteste Wohnung verwandelt, die trotz der modernen Pracht einfach und komfortable erschien, weil ihre Besitzerin heimisch darin und für diese Umgebung geschaffen war. Meining fand eine Freude daran, Clementine in diesen neuen Verhältnissen zu betrachten. Fast täglich wurden ihr Fremde vorgestellt. Ein großer Kreis fing an, sich um sie zu versammeln, und, obgleich das Alles sie augenblicklich zerstreute, vermißte sie doch gar sehr ihre früheren Bekannten, deren nur noch äußerst wenige in Berlin lebten. Von den Mädchen waren die meisten verheirathet und mit ihren Männern nach fernen Orten gezogen. Die alten Freunde ihres Vaters waren theils gestorben, theils, da sie dem Beamtenstande angehörten, ebenfalls versetzt; so, daß ihr eigentlich nur die Frau des Banquier Klenke von dem frühern Kreise geblieben war. Diese Marianne Klenke hatte Clementine erst ein Jahr vor ihrer Abreise von Berlin kennen gelernt, und Beide hatten sich, vielleicht grade wegen ihrer vollkommen unähnlichen Charaktere, mehr seitig angezogen. Clementine war damals schon traurig und unglücklich durch den Verlust ihres Robert's gewesen, und es hatte sie gefreut zu sehen, daß Jemand so lebensfroh, so vollkommen glücklich sein könne, als Marianne, deren gutmüthiges, offenes Wesen sie für dieselbe eingenommen hatte. Sie hatte Freude daran gefunden, Mariannen, die arm war und bei entfernten Verwandten lebte, Theil nehmen zu lassen an den Zerstreuungen und Genüssen, die ihr elterliches Haus fast täglich bot. Dort hatte Klenke, einer der reichsten Banquiers der Stadt, sie kennen gelernt, sich in sie verliebt und sie bald nach Clementinens Abreise geheirathet. Klenke hatte in der ersten Zeit seiner Ehe der jungen Frau in Allem den Willen gelassen, und diese hatte sich in ein Meer von Zerstreuungen gestürzt, die nicht ganz ohne nachtheiligen Einfluß auf sie geblieben waren. Eine Anlage zu Affektation und Koketterie, die Clementine oft an ihr getadelt, hatte sich mehr ausgebildet; da sie ihrem Manne aber auf's Innigste ergeben war und sehr glücklich mit ihrem kleinen Töchterchen, ließ Clementine die Hoffnung nicht schwinden, Marianne werde von den Thorheiten, die sie in den neuen Verhältnissen angenommen, zurückkommen, je mehr diese ihr zur gleichgültigen Gewohnheit und ihr Kind ihre Freude und Beschäftigung werden würde. So gab sie sich ohne Rückhalt dem Vergnügen hin, das ihr das Beisammensein mit Mariannen gewährte, die »außer sich vor Entzücken« über die Rückkehr ihrer Clementine schien, und beide Frauen beschlossen viel beisammen zu sein, weil ihre Männer durch Geschäfte gefesselt und sie dadurch oft allein waren.

Meining hatte zwar anfangs seinen Vorsatz, keine Praxis zu übernehmen, durchaus festhalten wollen; konnte es aber nicht durchführen, da er bald von den ersten Familien in bedenklichen Fällen zu Rath gezogen wurde und die Hülfe, die der Vornehme und Reiche forderte, dem Armen nicht versagen konnte. Dadurch machte es sich ganz anders, als er es beschlossen hatte. Eine ungeheure Praxis absorbirte ihn so sehr, daß er kaum Zeit für die nöthigsten Vorbereitungen zu seinen Vorlesungen bei der Universität behielt, und die Folge davon war, daß Clementine ihn noch weniger sah, als in Heidelberg, da er sich in Berlin der Gesellschaft nicht entziehen konnte und wollte und somit auch die wenigen freien Abendstunden besetzt waren, die sie in Heidelberg doch immer mitsammen verlebt hatten. Oft traf es sich, daß die Eheleute, die sich Morgens nur flüchtig gesehen und gesprochen hatten, erst zur Stunde des Diners wieder zusammentrafen, das sie außer dem Hause oder in Gesellschaft im Hause einnahmen, und daß dann Meining seiner Frau dringend zuredete, den Abend, den er bei irgend einem Staatsmanne zubrachte, nicht allein zu verleben, sondern das Theater oder irgend einen Ort zu besuchen, an dem sie sich zu unterhalten hoffe.

Das war auch der Fall, als sie einen Mittag in kleinerm Kreise im Klenke'schen Hause dinirt hatten. Die Gesellschaft war zeitig aus einander gegangen, und Madame Klenke beschwor Clementine, den Rest des Abends bei ihr zuzubringen, um, wie in der Mädchenzeit, ein wenig zu plaudern, welches der Kunstausdruck der Damen für ihre vertrautesten Herzensergießungen ist. Später, zum Thee, sollten die Männer zurückkehren. Marianne hatte der Geheimräthin nie nahe genug gestanden, als daß diese geneigt sein konnte, mit ihr über die Verhältnisse ihrer Vergangenheit oder über ihre jetzige Lage zu sprechen, und obgleich sie sich deshalb von dem Abende keinen besondern Genuß versprach, willigte sie doch gern ein, ihn mit Marianne zu verleben, der viel daran gelegen zu sein schien. Nachdem die Männer sich entfernt hatten, zogen sich die beiden Damen in ein kleineres Zimmer zurück, setzten sich behaglich auf ein Sopha und begannen, wie gewöhnlich, mit den nahliegendsten Dingen. So tadelte Madame Klenke Clementinens Toilette.

Du gehst wirklich wie eine Nonne, Clementine! sagte sie; schon als Mädchen haben Deine ewigen, dunkeln Kleider, Deine einfachen Hüte mich tödtlich gelangweilt; nun aber, wenn man Deine prachtvolle Equipage und die Diener in schönster Livree sieht, müßte man wirklich meinen, nun werde eine Dame in strahlender Toilette daraus hervorsehen – mais non! eine Herrnhutherin, eine soeur grise sieht heraus, mit edlen Zügen, dunkeln Augen, der interessantesten Blässe; und man erfährt verwundert, die Dame im schwarzen Kleide, collet monté, die in graziöser Nachlässigkeit in den Wagenkissen lehnt, sei die junge, reiche Geheimräthin von Meining, die Frau eines unserer berühmtesten Männer, der sie unaufhörlich mit Schmuck und Putz überhäuft. Und weißt Du, dearest love! Man muß in der That glauben, Du wärest nicht glücklich. Die junge, schöne Frau eines alten Mannes, die so languissante aussieht und jeden Schmuck verschmäht, muß durchaus unglücklich sein. Aber plaisanterie à part! bist Du denn glücklich verheirathet? Ich konnte mir gar nicht denken, daß Du jemals einen so alten Mann heirathen würdest. Wie lebst Du denn eigentlich, mein Herz?

Siehst Du das nicht, Marianne? sehr zufrieden. Meining ist nicht mehr jung, aber er ist so gut, so geistreich, so brav und hat mich so lieb, daß mir gar Nichts zu wünschen bleiben kann. Und in der That! jung bin ich auch nicht mehr; Meining ist 53, aber ich bin auch schon dreißig Jahre, und damit ist man doch wirklich nicht mehr eine junge Frau.

Marianne lachte laut auf. Als ob ich jünger wäre! und doch behandelt mich mein 34jähriger Mann ebenso wie unsere kleine Nanny, nur daß er gern möchte, die Kleine lernte sprechen und ich schweigen. Mutter und Tochter verrathen aber wenig Anlage zu den Eigenschaften, die man ihnen wünscht. Schade überhaupt, daß Du nicht meinen Mann geheirathet; er ist bezaubert von Deinem ruhigen Anstande, von Deinem verständigen, geistreichen Wesen, und als der Geheimrath neulich erzählte, daß Ihr in Heidelberg ganz wie die Einsiedler gelebt und wie häuslich Du eigentlich wärest, schien das meinem Manne le comble du bonheur, während ich mir fest vornahm, Dich für die fabelhafte Langeweile zu entschädigen. Was hast Du denn eigentlich dort angefangen?

Mein Gott! ich habe ganz angenehm gelebt. Besonders scheint es mir in der Erinnerung so. Freilich war ich viel allein – aber hier sehe ich Meining fast gar nicht; und so sehr mich auch augenblicklich das Leben in der Gesellschaft unterhält, so werde ich es sehr bald müde werden und Meining vielleicht noch früher als ich. Dann beginnen wir wol unser stilles Leben wieder, und Du kannst selbst sehen kommen, wie wir es machen.

Um Alles nicht! lieber Engel, damit bleibe mir fern. Sage mir nur in aller Welt, was Du den Tag hindurch angefangen hast; quant à moi! Ich stürbe bei dem bloßen Gedanken.

Ich habe gelesen, liebste Marianne! Habe selbst den Haushalt besorgt, Mariens Kinder unterrichtet, und damit ist mir die Zeit vergangen. Du weißt, ich bin auch als Mädchen gern zu Hause gewesen.

Madame Klenke sah plötzlich fest in Clementinens Augen und sagte mit schmeichelnder Stimme: Hören Sie, gnädige Frau! je me méfie de votre sincérité – mir ist es oft gewesen, als hätten Dero Gestrengen, was man so nennt, une passion malheureuse gehabt, und als hätten Sie sich nachher aus dépit amoureux verheirathet. Nein, sei nicht böse, süße, einzige Clementine, fuhr sie fort, als sie bemerkte, daß Letztere plötzlich glühendroth und sehr ernst wurde – ich habe es in der That geglaubt, als ich Dich kennen lernte, aber nie gewagt, Dich darum zu fragen; und Madame Thalberg, die ich, ehe sie Berlin verließ, einmal deshalb anging, weil Du mit ihr früher so bekannt warst, sagte mir, sie hätte nie davon gehört. Nun wollte ich Dich selbst heute einmal fragen, und da wirst Du böse! sei gut – ich weiß ja, Du bist ein Tugendspiegel; aber daß Du keinen Scherz verstehst, das ist doch schlecht von Dir.