Clementine mußte lachen, schien aber doch nicht ganz zufrieden, so daß Meining wohl fühlte, heute müsse er sich ganz darüber aussprechen. Deshalb fuhr er plötzlich ernsthaft fort: Wenn ein verständiger Mann eine Frau nimmt, deren Vater er sein könnte, so muß es mit vollem Vertrauen auf den sittlichen Werth dieser Frau geschehen. Nicht um Dir aus meinen frühern Verhältnissen ein Geheimniß zu machen, vermeide ich die Berührung der Vergangenheit, sondern aus Schonung für uns Beide. Du hast mir, als ich um Dich warb, gesagt, daß Dein Herz nicht frei sei; ich habe dennoch gewünscht, Dich die Meine zu nennen, und es ist, bei Gott! nie ein Zweifel an Dir in meine Seele gekommen. Aber ich wiederhole Dir es heute, was ich Dir damals schrieb: ich will von Dir den Namen Deines frühern Geliebten niemals wissen. Vielleicht begegnen wir ihm im Leben; glaubst Du, ich sei so ganz frei von Eifersucht, daß ich Dich nicht ängstlich beobachten, daß ich nicht ganz gleichgültige Dinge mißdeuten würde?
Meining, bester Meining! Darum verlangtest Du, ich sollte gegen Dich schweigen? Kannst Du denn glauben, daß ich jemals....
Ich glaube, daß ein Funke nie besser geborgen ist, als da, wo kein Luftzug ihn trifft. Die Liebe, der man entsagt hat, ruht am sichersten in tiefster Brust, ohne daß ein Wort ihr neues Leben gibt. Ich habe stets die Frauen belacht, die gegen eine Leidenschaft zu kämpfen behaupteten und, indem sie dies immerfort sagten, aller Welt von dieser Leidenschaft erzählten, von der sonst vielleicht Niemand etwas gewußt hätte. Darum also, um Dir den Sieg über eine Neigung, die Du selbst unterdrücken wolltest und mußtest, zu erleichtern, um mir das Ridikül eines Eifersüchtigen mit grauem Haare zu ersparen, darum wollte ich, daß nie von Deiner Jugendliebe zwischen uns die Rede sein sollte; darum wünsche ich es noch jetzt so. Ich weiß Dir Dank für das Glück, das ich in Dir gefunden; ich bin durchaus zufrieden, ich segne den heutigen Tag, meine Wahl und Dich – aber, ich bekenne Dir's offen, die Art von Vertrauen, die Du meinst, liebe ich nicht. Es liegt oft viel mehr Vertrauen zwischen Eheleuten im diskreten Schweigen, als in plauderhaften Mittheilungen. Ich denke, meine kluge Clementine, Du verstehst mich; wo nicht – nun so verlange ich, als strenger Herr, Gehorsam, wenn es selbst gegen Deine Ansicht wäre.
Meining schien höchst aufgeregt; er stand auf und ging langsam im Zimmer auf und ab, bis er zuletzt gedankenvoll, die Stirne gegen die Scheiben gelehnt, am Fenster stehen blieb. Clementine war keines Wortes mächtig. Tief durchdrungen von ihres Mannes gütiger und kluger Liebe, that es ihr Leid, ein Gespräch herbeigeführt zu haben, das ihm unangenehm war und ihm den Abend eines Tages verdarb, der so freundlich begonnen hatte – und doch that ihr, trotz alle dem, Meining's augenblickliches Leiden unbeschreiblich wohl. Sie sah, daß er sie heftig liebe, daß er sie nicht entbehren könne, und sie fand eine Jugendlichkeit des Gefühls in seiner Liebe, die sie, ohne es selbst zu wissen, fortwährend vermißt hatte. Vergebens strebte sie den Anfang zu einer Unterhaltung zu finden, die ihren Mann zerstreuen könnte, ihn abzöge von den peinlichen Gedanken; sie war selbst so erschüttert, daß sie ihren Gefühlen Raum lassen mußte. Auch vermochte sie es nicht, nach Art mancher Frauen, über Dinge, die sie beschämen, mit verstellter Ruhe fortzugehen – darum stand sie auf, schlang ihren Arm durch Meining's Arm und sprach: Sei nicht böse, Lieber, wenn ich Unrecht hatte, und bleibe mir gut! Sage nur, Du böser, strenger Herr, wie Du es willst, ich werde schon gehorchen, und nun komme und stecke als Zeichen der Versöhnung die Friedenspfeife an. Indeß bereite ich den Thee und – das ist mein Friedens- und Versöhnungspfand.
Ein Kuß, den ihr Mann mit vielen andern erwiderte, war das Ende dieser Scene, und nachdem Meining den beabsichtigten Brief an das preußische Ministerium geschrieben, verging der Abend den Beiden auf das Angenehmste, wie er begonnen, in traulichem Plaudern über die künftigen Verhältnisse und langem Ueberlegen, wie es möglich sein würde, später auch dem Professor Reich in Berlin eine Anstellung zu verschaffen, damit Clementine und Marie nicht wieder getrennt würden, was beiden Schwestern gar schwer fiel.
Sechstes Kapitel.
Indessen kam die Zeit dieser Trennung, die für den Oktober festgesetzt war, schneller heran, als man es wünschte. Nun es dazu gekommen war, fiel der Abschied von Heidelberg dem Geheimrath und seiner Frau viel schwerer, als sie es geglaubt hatten. Sie waren an das mildere Klima, an den kürzern Winter gewöhnt. Meining hatte eine lange Reihe von Jahren dort gelebt und in manchem seiner Collegen einen Freund gefunden; Clementine konnte sich von Marien und namentlich von den Kindern nicht losreißen, und dadurch begann die Reise zu dem sehr ersehnten Ziele mit heißen Thränen und schwerem Herzen, wie es gar oft im Leben geschieht.
Meining und Clementine hatten sich eigentlich auf die Reise selbst unbeschreiblich gefreut. Der Geheimrath hatte es sich zum Feste gemacht, seine junge, liebenswürdige Frau all seinen alten Freunden, die sie auf dem Wege besuchen wollten, zu präsentiren und ihrer Bewunderung zu genießen; während Clementine, die sehr reiselustig war, sich doppelten Genuß davon in der Gesellschaft ihres Mannes versprach. Es lag ein eigner Zauber für sie in dem Gedanken, mitten in der fremden Umgebung mit ihrem Manne allein zu sein, nur auf einander angewiesen, ganz auf sich selbst beschränkt. Sie wußte, daß ihr Herz weit und froh werde, so oft es ihr vergönnt war, wie ein leichter Zugvogel die Welt zu durchfliegen; sie hoffte dasselbe von Meining und war im Voraus entzückt über das Glück, das sie Beide in dieser Stimmung empfinden mußten. Leider aber verbitterte der Himmel selbst die erwartete Freude. Das Wetter war schon am Tage ihrer Abreise ungewöhnlich kühl und regnig geworden und blieb fast beständig schlecht. Man konnte kaum daran denken, den Wagen zu verlassen, fand es auf den Landstraßen neblig, trotz der noch frühen Jahreszeit; in den Städten still, weil der Regen die Leute zu Hause hielt. Meining, der sonst immer gesund war, hatte, darauf trotzend, sich eine Erkältung zugezogen, die, wenn auch unbedeutend, ihn doch mislaunig machte, und das Wiedersehen seiner frühern Bekannten trug noch dazu bei, ihn vollends zu verstimmen. Die Meisten hatten so gewaltig gealtert, daß ihr Anblick ihm peinlich war, weil es ihn selbst auf unangenehme Weise an seine vorgerückten Jahre mahnte. Er fand Einige mitten in einer großen Familie, gedrückt von Sorgen und nicht belohnt für ihr Leben, wie sie es verdienten, Andere untergegangen in Egoismus und Pedanterie, Wenige in zusagenden Verhältnissen, verheirathet mit Frauen ihres Alters und zufrieden mit ihrem Geschicke. Diese konnten es nicht unterlassen, ihn halb im Ernste, halb scherzend darauf aufmerksam zu machen, daß er doch eine gar junge Frau gewählt hätte, was, trotz ihrer Liebenswürdigkeit, immer bedenklich sei; Jene rührten ihn durch eine Masse von Klagen, durch Leiden, denen er nicht abhelfen konnte, und je mehr er Grund hatte glücklich zu sein, um so drückender wurde ihm die Lage seiner frühern Bekannten. Unwohl und niedergeschlagen, wie er es war, drang er auf die größte Beschleunigung der Reise und beschloß Tag und Nacht zu fahren, um schneller an das Ziel und zur Ruhe zu gelangen, womit seine Frau, unter diesen Verhältnissen, ganz einverstanden sein mußte.
Bei der Eile, mit welcher die Reise zurückgelegt wurde, sah sich Clementine wie mit einem Zauberstabe in ihre geliebte Vaterstadt versetzt. Als sie zuerst die bekannten Plätze erblickte, überfiel sie eine so tiefe Wehmuth, daß ihr die Thränen aus den Augen stürzten und sie sich, wie ein banges Kind, an Meining schmiegte, nicht wissend, ob es Freude oder Schmerz, Hoffnung oder Furcht sei, was sie bewegte. Da ging die erste bekannte Person vorüber, und ein Gefühl von unbeschreiblichem Vergnügen trocknete die Thränen. Nun war es bald ein Dienstmädchen, das in ihrem elterlichen Hause gedient, ein Offizier, mit dem sie auf den Bällen getanzt, ein Fenster, an dem sie oft mit einer Freundin gestanden, ein Laden, in dem sie als kleines Kind ihr Spielzeug gekauft – kurz auf jedem Schritte neue Gegenstände der freudigsten Erinnerung. Sie war wieder zum frohen Kinde geworden, und Meining konnte gar nicht Alles sehen und bewundern, was ihm Clementine, als des Sehens und Bewunderns werth, zeigte. Er wurde selbst heiter, als er den Ort, an dem er zu wirken berufen war, so glänzend und bewegt vor sich sah, und die Freude seiner Frau erhöhte diese Stimmung bedeutend. Jetzt bog der Wagen in die Jägerstraße ein; Clementine zitterte – sie hielten vor ihrem Hause, vor dem Hause ihrer verstorbenen Eltern, in dem sie jetzt wieder wohnen sollte.
Sie war immer im Besitze dieses Grundstückes geblieben, das ein Verwandter für sie verwaltet hatte, als sie Berlin verließ, und hatte sich das Quartier, welches ihre Eltern einst bewohnten, reserviren lassen, sobald sie die Nachricht von Meining's Berufung in ihre Vaterstadt erhalten. Jetzt trat sie in die wohlbekannten Räume. Es war ihr, als hätte sie sie eben verlassen, als kehre sie von einem Spaziergange zurück; aber wie war Alles so fremd, so öde! Die Zimmer, kaum nothdürftig möblirt, schallten wieder von der Stimme der Sprechenden; nur die Stimme des theuern Vaters, der herzliche Willkomm der Tante tönten nicht an ihr Ohr – sie waren todt, entfernt! und doch saß da drüben am Fenster noch die schöne, stattliche Frau mit dem Wachtelhündchen, vor der Thüre die alte Blumenverkäuferin mit dem ewigen Strickstrumpf; noch gingen die Offiziere und Referendare lorgnirend und grüßend an den Fenstern der gefeierten Sängerin vorüber; die Schauspieler eilten zur Probe in das nahe Theater; die Gourmands zogen zu Thiermann – es war Alles das Alte geblieben, nur Clementine war eine Andere, eine Fremde in der Heimat geworden. Mit diesen Gefühlen betrat sie ihr ehemaliges Stübchen und versank in tiefe Gedanken, aus denen das Fragen ihrer Jungfer und des Dieners sie rissen, die arrangiren, auspacken und placiren wollten. Dann kam Meining hinzu, die Wohnung wurde durchwandert, Rücksprache über die nöthigsten Erfordernisse genommen und das Treiben des Augenblickes machte sein Recht geltend für diesen Tag und die ganze nächste Zeit.