Clementine hatte es allerdings wehe gethan, daß ihr Mann sie mit einem recht unfreundlichen störe mich nicht, ich habe keine Zeit fortgeschickt hatte, als sie zu ihm ging, um ihn einen Augenblick zu sprechen; daß er auch den ganzen Vormittag nicht zu ihr gekommen war, was freilich öfter geschah; aber sie dachte, am Hochzeitstage hätte er kommen müssen, den hätte er nicht vergessen dürfen. Immer geneigt, die Schuld sich beizumessen und das Beste zu glauben, hatte sie Meining, als er ihr den Brief brachte, beschämt bekennen wollen, wie sie geglaubt, er hätte ihres Hochzeitstages nicht gedacht, ein Unrecht, das keine Frau so leicht vergibt; aber nun hörte sie es, es war ihm wirklich ganz und gar entfallen, und nur zufällig hatte er ihr heute den Brief gegeben. Seine Freundlichkeit vertrieb indeß den innern Verdruß gleich, und sie setzten sich Beide so fröhlich an die kleine Tafel, wie Clementine es lange nicht gewesen war. Meining war lebhaft, wie in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft; er machte die prächtigsten Plane für die Zukunft; er klagte sich an, daß er seine arme Clementine über die Gebühr vernachlässigt, daß er und sie ihr Leben gar nicht recht genossen hätten. Nun soll es anders werden, sagte er; mein Werk liegt gedruckt und hat schon seine erste Frucht, meine Berufung nach Berlin, getragen; aber nicht mir allein, der leidenden Menschheit muß und wird es nützen. Ich darf mir nun schon Etwas mehr Ruhe gönnen. Die Praxis gebe ich auf und beschäftige mich in Berlin nur mit theoretischen Arbeiten und mit der Klinik. Mögen meine Schüler den Weg verfolgen, den ich ihnen gebahnt; ich will anfangen auszuruhen. Nur eine praktische Erfahrung will ich machen, daß Du, meine liebe Clementine! eben so vortrefflich die Honneurs eines großen Hauses, als das Glück der engsten Häuslichkeit zu machen verstehst, daß Du überall gleich liebenswürdig, überall dieselbe bist.
Bist Du der Einsamkeit denn müde, lieber Meining? Und wird Dir das Leben in der Gesellschaft Berlins behagen, da es Dir hier kein Vergnügen machte? fragte sie.
Ganz gewiß! Darin bin ich sonderbar! Ich bedarf von Zeit zu Zeit gänzlicher Veränderung der Lebensweise; und wie ich vor zwei Jahren mich nach vollkommener Zurückgezogenheit sehnte und großes Glück darin fand, so freue ich mich jetzt der Abwechselung und verspreche mir viel davon, auch für Dich. Ich habe mir das Alles überdacht, schon meine Verhältnisse zum Hofe werden mich nöthigen, ein Haus zu machen, und was sollte uns daran hindern? Denn mir ist es Ernst damit, und daß Du Dich gleich jetzt davon überzeugst, lasse ich meine Collegia für den heutigen Abend absagen und wir bleiben zusammen.
Clementine nahm den Vorschlag mit Dank an; sie glaubte nur zu gern an eine frohe Zukunft; nicht erwägend, daß unsere Entwürfe und Hoffnungen dem Balle gleichen, den frohe Kinder in die Luft werfen. Mag er noch so prächtig, noch so hoch steigen, das Gesetz der Schwere zieht ihn unwiderstehlich nieder, und man ist froh, wenn man ihn wieder in den Händen hält, mit denen man ihn emporwarf. So ist es fast keinem Menschen gegeben, sich lange in jener Stimmung zu erhalten, in die ein Moment der Aufregung uns versetzt; glücklich diejenigen Gemüther, denen das Andenken an solche Augenblicke nicht ganz entschwindet, denen es ein Höhenpunkt, ein Ziel bleibt, nach dem das Auge sich gern wendet, zu dem der Wunsch hinstrebt.
Nach der ersten, freudigen Spannung, in welche diese Unterhaltung sie versetzt, fiel es Clementinen schwer auf's Herz, sie müsse das neue Glück mit der Trennung von Marien und den Kindern erkaufen, die ihr fast unentbehrlich waren, was ihr Mann wohl wußte. Aber daran hatte er gar nicht gedacht; er hatte mit keiner Sylbe gefragt, ob seine Frau eben so gern nach Berlin gehe, als er selbst, sondern es bestimmt vorausgesetzt, weil es ihm recht war. Eigen war es doch auch, ihr eine Ueberraschung zu bereiten durch einen Entschluß, der auf ihr ganzes Leben von so wesentlichem Einflusse war, der ihre ganze Zukunft in sich schloß. Meining konnte gewiß sein, daß sie sich keinem Plane entgegen zeigen würde, den er werth hielt, aber schon die gewöhnlichste Rücksicht hätte es verlangt, daß er seiner Frau die Berufung gleich mitgetheilt und wenigstens scheinbar um ihre Meinung gefragt hätte. Das war es eben, was sie auch oft drückte! Ihr Mann behandelte sie wie ein Kind, das man sehr liebt, dem man jeden Kummer ersparen möchte – aber sie war kein Kind, sie war seine Frau, die mit ihm seine Sorgen theilen wollte und seine Zurückhaltung für Geringschätzung auslegte. Meining hatte ihr nie etwas über seine früheren Verhältnisse gesagt, nie um die ihrigen gefragt; sie hatten Beide ihre sorglich verschwiegenen Geheimnisse und eigentlich Nichts gemeinsam, als die Gegenwart. Sie empfand das störend, es schien ihr eine Art von Gleichgültigkeit zu sein, und darum versuchte sie es auch an jenem Abende, nachdem sie von einer Fahrt in's Freie zurückgekehrt waren und ihr Mann wieder von Berlin, von seinen Entwürfen für die Zukunft sprach, einmal offen mit ihm über ihre frühere Neigung für Robert zu reden, was ihr jetzt, da sie in ihre Vaterstadt zurückkehren sollte, fast wie eine unerläßliche Pflicht schien.
Kaum aber merkte Meining ihre Absicht, als er sie mit den Worten unterbrach: Ja! Du hast Recht, wir müssen uns einmal darüber verständigen. Ich weiß, mein Kind! daß Dir vielleicht Manches über mein früheres Leben erzählt worden ist, das Deine Besorgniß und, warum soll ich nicht die Wahrheit sagen? auch Deine Neugier erregt haben mag; aber....
Lieber Meining! entgegnete Clementine, Neugier ist es wahrhaftig nicht. Ich habe aber oft gedacht, wenn ich Dich plötzlich, mitten in einer heitern Unterhaltung, ernsthaft oder nachdenkend werden sah, es möchten wol Erinnerungen aus vergangener Zeit sein, die Dich beschäftigten; und es hat mir dann leid gethan, nicht einmal ahnen zu können, was Dich bewegte. Eheleute dürfen keine Geheimnisse vor einander haben, und ich gestehe Dir offen, es liegt auch etwas Verletzendes, Trauriges darin, vor dem Leben seines Mannes, wie vor einem unlösbaren Räthsel zu stehen.
Nun, ein für allemal, liebste Clementine! laß das Räthsel unerrathen! Es liegt in meiner Vergangenheit Nichts, dessen ich mich zu schämen hätte; Nichts, was ich bereue, und Nichts, was Deine oder meine Zukunft beunruhigen könnte – und was das Vertrauen zwischen Eheleuten betrifft, so halte ich das, ehrlich gesagt, wie Du es ansiehst, für eine unnöthige, kaum delikate Neugier. Mache kein böses Gesicht, liebe Frau, und überlege, ob ich nicht Recht habe?
Aber, wandte sie ein, man beurtheilt den Menschen doch ganz anders, wenn man die Elemente kennt, die auf seine Bildung wirkten.
Das sind ja Redensarten, mein Kind! Daß ich jung war, Leidenschaften hatte, wie jeder Andere, das kannst Du Dir denken, daß ich dabei eben so oft glücklich als unglücklich war, das versteht sich von selbst; und ob die Gegenstände dieser Liebe Malchen oder Rosamunde hießen, ob sie blond oder braun waren, das ist wol ziemlich gleichgültig, da sie jetzt jedenfalls alt und grau sind und Deine Eifersucht nicht mehr erregen können. Uebrigens, schloß er scherzend, übrigens kennst Du meine letzte, unwandelbare Neigung und Liebe für ein gewisses Fräulein Clementine Frei, das, einige überspannte Ideen abgerechnet, ein ganz vollkommenes Geschöpf ist. Von dieser Clementine hängt das Glück meiner Zukunft ab, und ich glaube an sie so unbedingt, daß mir ihr liebes, offenes Auge mehr Garantien gibt, als alles Erzählen aus der Vergangenheit.