Ganz anders sah es aber nach Jahresfrist in der Seele der jungen Frau aus. Sie konnte nie jenen Sonnenaufgang an ihrem Hochzeitstage vergessen; und es schmerzte sie tief, daß trotz der Treue, mit welcher sie das Versprechen jener Stunde gehalten, ihr das Glück durchaus nicht geworden war, das sie damals hoffte; es schmerzte sie, daß das Leben, ohne unsre Schuld, so weit zurückbleibt hinter Dem, was es sein könnte; daß es uns nicht vergönnt ist, Das zu werden, wozu die Fähigkeit in uns liegt. Darum konnte Clementine niemals den Wunsch aufgeben, mehr von der Seele und dem Herzen ihres Mannes zu besitzen, als jene ruhige Neigung, die er für sie hatte; er hatte sich zuerst, das wußte sie, in ihr Aeußeres verliebt; er hatte ihren guten Willen, ihr wohlwollendes Herz und einen sittlichen, zuverlässigen Charakter in ihr erkannt, und diese Eigenschaften schätzte er an ihr. Sie aber wollte geliebt sein um ihres Herzens willen, sie wollte ihn durch den Reichthum ihrer Liebe an ihr innerstes Leben fesseln. Doch jener Schätze von Liebe und Hingebung, deren sie sich bewußt war, bedurfte der ruhige, ältere Mann nicht. Er war kein leidenschaftlicher Mensch, wie Robert, der heute die Geliebte auf's Tiefste kränkte und all ihre Nachsicht erforderte, während die Gluth seiner Liebe morgen ihre Thränen trocknet und eine Versöhnung herbeiführt, die durch keinen Schmerz zu theuer erkauft wird. Auch das war ihr, wie schon gesagt, unangenehm, daß Meining auf ihren Geist jetzt fast gar keinen Werth mehr zu legen schien; und obgleich sie sich ihm aus Ueberzeugung in dieser Hinsicht eben so freudig unterordnete, als in jeder andern, hätte sie es doch gern gesehen, daß er mehr Freude an demselben, den er früher so sehr bewunderte, gehabt hätte; und sie vermißte es oft schmerzlich, daß er ihren Enthusiasmus für das Schöne und Große zwar begreife, doch nicht lebhaft theile; ohne zu bedenken, daß sie von dem bejahrten Manne nicht die Leidenschaftlichkeit fordern könne, die ihr angeboren und durch ihre Liebe zu dem enthusiastischen Robert nur gesteigert worden war.
Mag immerhin Egoismus in dem Gefühle liegen, Andere auf die Art und Weise beglücken zu wollen, die uns die beglückendste scheint; ohne zu fragen, ob es die Weise ist, die unsere Lieben wünschen – es ist ein Egoismus, von welchem nur wenige Menschen ganz frei sein möchten und der Clementine doppelt quälte, da sie sich in doppelter Hinsicht beeinträchtigt fand. Einmal weil sie sich nicht ausgefüllt fühlte und dann, weil sie nicht so glücklich zu machen glaubte, als sie gewünscht. Sie wollte ihrem Manne einen Himmel bereiten, sie traute es sich zu – und er begehrte nur ein ganz gewöhnliches Erdenglück, sodaß ihr oft in besonders traurigen Stunden der demüthigende Gedanke gekommen war, jede tüchtige, gutmüthige Haushälterin könne sie ihrem Manne ersetzen, ihm das Glück gewähren, das er in ihr finde, und obgleich sie ihm und sich damit Unrecht that, lag dennoch etwas Wahres darin. Sie machte an sich die Erfahrung, die sich täglich im Leben wiederholt, daß Altersverschiedenheit für das Glück der Ehe gefährlicher wird, als man gewöhnlich glaubt; auch dann, wenn der Mann der bedeutend Aeltere ist. Das Mädchen, wenngleich nicht mehr jung, bekommt durch die Ehe eine zweite Jugend, weil sie erst dadurch ihren wahren Beruf zu erfüllen beginnt, und man sieht häufig, selbst in körperlicher Beziehung, ganz passirte Mädchen zu schönen Frauen werden, die den Titel einer »jungen Frau«, den man ihnen allgemein gibt, vollkommen rechtfertigen. Während der ältere Mann, den man bis dahin einen Mann in den besten Jahren, einen galanten Mann nannte, plötzlich vom geselligen Schauplatz abgetreten, durch die Ehe zu einem alten Manne wird, wenn, wie es in der Regel geschieht, die ruhige Häuslichkeit ihn von der Mühe, jung und galant zu scheinen, befreit. Der ältere Mann, der sich verheirathet, will gewöhnlich ausruhen vom Leben; das ältere Mädchen, deren Gefühl nicht so durch das Leben üsirt ist, wie das der Männer, will nun erst zu leben beginnen, und natürlich kann es dabei an Täuschungen und Enttäuschungen nicht fehlen, die auch, wie wir sahen, bei Clementinen nicht ausblieben.
In einer Art stummer Resignation gewöhnte sie sich wieder an das stille Innenleben, zu dem sie sehr geneigt war und das sie Jahre hindurch als Mädchen geführt hatte. Sie erfüllte auf's Strengste ihre Pflichten, suchte nach Beschäftigung umher, ergriff, der Billigung Meining's gewiß, bald dies bald jenes und fühlte sich immer unglücklicher, je länger dies Leben währte. Gar oft sehnte sie sich in jene Zeit zurück, wo sie einsam da gestanden und ungestört das Recht, zu leiden, gehabt hatte, weil Niemand mit ihr und durch sie litt. Jetzt war das vorüber – was sollte Meining denken, wenn er sie traurig, gar weinend fände? Hieße es nicht mit Undank seine ruhige, immer gleiche Güte lohnen, wenn er sie nicht zufrieden sähe? – ach! und Nichts ist so schwer, Nichts reibt den Körper so auf, als zufrieden und glücklich zu scheinen, weil die Vernunft es fordert, während das Herz keinen Theil daran hat und Nichts davon weiß. Eine krankhafte Abspannung bemächtigte sich Clementinens, die auch dem Auge ihres Gatten sichtbar werden mußte. Auf sein ängstliches Befragen erklärte sie, sie sei durchaus gesund, er sähe ja selbst, daß sie keinen Schmerz habe; es müsse ein zufälliges Unbehagen sein, das sich gewiß bald geben würde. Seinen Vorschlag, mit Marien und deren Kindern, die sie noch immer sehr liebte, das nahe Baden zu besuchen, schlug sie bestimmt ab, weil sie sich weder Heilung noch gerade Zerstreuung davon versprach und vor Allem Meining, der sich so sehr an sie gewöhnt hatte, daß er sie ungern vermißte, nicht allein lassen wollte. Es war ihr fester Vorsatz, wenigstens Meining glücklich zu machen, da sie selbst es nicht geworden. Darum nahm sie sich mehr als je vor, über sich zu wachen, schien auch wieder heiterer zu werden und neue Kraft zu gewinnen; Meining beruhigte sich über ihren Zustand, und es blieb Alles, wie es gewesen war.
Wie konnte es auch anders sein! Clementine, aufgewachsen unter dem tropischen Himmel glühender Leidenschaft, hatte sich plötzlich in die gemäßigte, wenn auch noch milde Zone ruhiger Vernunft verpflanzt gefunden, wo ihr üppiges Seelenleben keine Nahrung fand, wie sie dieselbe bedurfte, und nicht freudig leben und treiben, sondern nur kränkelnd fortvegetiren konnte, ohne Farbe, ohne Blüthe, durch die angeborne Kraft ihres innern Markes.
Fünftes Kapitel.
Es war im Sommer am zweiten Jahrestage ihrer Hochzeit, als Clementine arbeitend in ihrem Zimmer saß, in einer jener Stimmungen, in denen das Leid der ganzen Welt auf uns zu ruhen scheint. Sie hatte am Morgen ihren Mann aufgesucht, ihn aber beschäftigt gefunden und ihn nicht sprechen können; dann hatte sie, weil ihr das Herz so übervoll war, ihrer Tante schreiben wollen; aber was konnte sie ihr sagen? Der Briefwechsel zwischen ihnen war sehr selten geworden. Unwahr gegen diese treue, mütterliche Freundin zu sein, hätte sie nicht vermocht und ein Wort der Klage, des Mismuthes laut werden zu lassen, wäre ihr wie ein Unrecht gegen Meining vorgekommen, das dieser nicht um sie verdient hatte. So war es kein bestimmter Schmerz, der sie drückte, aber eine Traurigkeit, eine Müdigkeit, die an Auflösung grenzte. Trübe Ahnungen einer freudlosen Zukunft wechselten mit wehmüthigen Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit. Sie dachte der Zuversicht, mit welcher sie vor zwei Jahren in dies Haus getreten war, und wie wenig sie das Glück gefunden, das sie gehofft; freilich war es nur ihre Schuld, denn ihr Mann war sich gleich geblieben, immer gut und freundlich gegen sie. Es sei eine Schwärmerei, sagte sie sich, daß sie nicht glücklich zu sein vermochte mit ihrem Loose, das hundert Frauen ihr beneidet hätten. Wie durfte sie auch von dem bejahrten Manne eine Leidenschaft fordern, die sie selbst nicht für ihn hatte? Ihre auf Achtung gegründete Neigung erwiederte er herzlich, aber Liebe, wie sie derselben bedurfte, konnte er nicht mehr empfinden, seine Frau konnte nicht sein ausschließlicher Gedanke sein, da er durch seinen Ruf und seine Berühmtheit ebenso und früher der ganzen Menschheit und der Welt gehört hatte, als ihr. Er hatte eine Frau genommen, um an ihrer Seite Ruhe zu finden nach der Arbeit des Tages. Dafür hatte sie Theil an seiner Ehre, trug seinen berühmten Namen und hatte ja selbst nur ein ruhiges Glück erwarten können, als sie die Seine geworden. Wie durfte sie mehr verlangen? Wie sich zurücksehnen nach den lebhaften, stürmischen Eindrücken ihrer Jugend? Sie klagte sich an, ungerecht gegen Meining zu sein; sie war unzufrieden mit sich selbst und versank zuletzt in ein dumpfes Hinbrüten, aus dem Meining's Tritte, die sie auf der Treppe hörte, sie aufschreckten.
In der besten Laune trat er, mit einem großen Briefe in der Hand, in das Zimmer. Rathe, liebe Frau! sagte er, was ich Dir hier bringe? Aber rathe etwas Großes, Gutes, denn es übertrifft meine Erwartungen und wird auch Dich sicher sehr erfreuen!
Clementine rieth mehrmals vergebens, bis der Geheimrath ihr den Brief zu lesen gab, der eine Anfrage des preußischen Ministeriums enthielt, ob Meining sich entschließen könne, seine heidelberger Verhältnisse mit einer Anstellung in Berlin zu vertauschen, die ihm unter den glänzendsten Bedingungen angetragen wurde. Diesen Brief habe ich vor 14 Tagen erhalten, fügte er hinzu, habe mir nun Alles reiflich überlegt und denke, heute an die preußischen Behörden zu schreiben, daß ich ihre Bedingungen annehme. Ich werde dort eine freie und glänzendere Stellung haben, als hier, und Du wirst in Deiner Vaterstadt Dich gewiß viel behaglicher fühlen, als in dem kleinen Heidelberg.
Und das bescheerst Du, Lieber, mir heute zu unserm Hochzeitstage? fragte Clementine, sehr erfreut durch diese Aufmerksamkeit ihres Mannes und durch die Hoffnung einer Veränderung, die ihr augenblicklich erwünscht schien, weil es eben eine Veränderung war.
Unser Hochzeitstag ist heute? Sieh, Clementine! das hatte ich bis in den Tod vergessen. Deshalb kamst Du wol auch heute so früh in mein Arbeitszimmer? Aber ich konnte Dich nicht sprechen, weil ich einen Kranken bei mir hatte. Nachher kamen gleich meine Studenten; dann wartete schon mein Wagen, ich mußte zu einem Consilium und konnte nicht mehr zu Dir kommen. Ach, armes Kind! und ich glaube gar, heute Morgen bin ich heftig gewesen! Sage mir selbst, war es nicht so?