Endlich erschien er. Clementine, die in entscheidenden Momenten eine große Gewalt über sich besaß, ging ihm bis zur Thüre entgegen und bot ihm ihre Hand zum Willkomm; Meining schloß sie herzlich in seine Arme, küßte ihre Stirne und der Bund war geschlossen.

Es liegt im Charakter der Frauen, sich in unabwendbare Verhältnisse leichter zu fügen, als man es nach der Unruhe, die sie vor der Entscheidung peinigt, für möglich halten könnte. Jetzt war die neue Braut plötzlich zu einer Ruhe und Klarheit gekommen, die Meining entzückte, und ihrer Familie die Ueberzeugung gab, daß sie Recht gethan hätten, auf diese Verbindung zu dringen. Es war im Beginne des Frühjahres, und schon im Juni sollte die Hochzeit gefeiert werden. Clementine traf selbst die nöthigen Anstalten für den neuen Haushalt, hatte eine Menge Meldungsbriefe an entfernte Freunde zu schreiben, Glückwünsche zu beantworten und blieb dadurch in einer fortwährenden Thätigkeit, die ihr wenig Zeit zum Nachdenken übrig ließ. Ihr Bräutigam brachte jeden Abend und jede Stunde, die sein Beruf ihm frei ließ, in ihrer Gesellschaft zu und hatte aufgeregt durch die neuen Verhältnisse, eine Jugendlichkeit wieder gewonnen, die er längst verloren und deren er sich nicht mehr fähig geglaubt hatte. So war sie ihm von Herzen gut geworden, da sie mit jedem Tage seinen gebildeten, klaren Geist und seinen liebenswürdigen Charakter mehr kennen lernte, der sich freilich grade jetzt in seinem günstigsten Lichte zeigte, und darum Clementine die Hoffnung auf eine beglückende Zukunft gab.

Indessen rückte endlich der Hochzeitstag heran, dessen Vorabend in einer befreundeten Familie, nach alter, deutscher Art, mit Poltern zugebracht werden sollte. Dem Brautpaare selbst war das nichts weniger als angenehm; man konnte sich aber dem wohlgemeinten Anerbieten der Freunde nicht füglich entziehen, und Meining äußerte lachend, am Ende sei auch eine ganze glückliche Zukunft mit ein paar lästigen Stunden nicht zu schwer erkauft. Sie fuhren zum Polterabende hin und Clementine fühlte sich auf das Unangenehmste berührt, von dem widrigen Wechsel possenhafter Scherze und ganz ernsthafter Gedanken; weil sie selbst so ernst, so feierlich gestimmt war, daß jeder Scherz sie verletzen mußte. Meining hingegen fand das Ganze nur eine langweilige Einrichtung, die man aber leicht aushalten könne, und mußte über manchen Einfall von Herzen lachen, obgleich er eben so froh war als seine Braut, als die Gesellschaft sich endlich gegen Morgen trennte. Nachdem er Clementine vor ihrem Hause aus dem Wagen gehoben und sie einen Augenblick vor der Thür weilend, sich nach dem Schlosse wendete, fielen die letzten matten Strahlen des Mondes zitternd darüber hin, und es schien ihr unmöglich, sich jetzt, mit dem übervollen Herzen, in die engen Räume eines Zimmers zu sperren.

Lieber Meining! bat sie, wenn sie nicht zu müde sind, geben Sie heute noch einem, vielleicht extravaganten Einfalle nach; ich will dafür auch von morgen ab eine grundvernünftige Frau werden. Lassen Sie uns hinauf gehen auf's Schloß, es ist kaum eine Stunde bis Sonnenaufgang; wir wollen heute, an dem Tage, an dem uns Beiden ein neues Leben beginnt, auch den Tag beginnen sehen.

Meining war es gern zufrieden; die Nacht war unbeschreiblich mild und schön. Schweigend stiegen sie den Weg hinan, der von der Hirschgasse aufwärts führt. Eine Welt von Gedanken zog durch Clementinens Brust, sie sah Meining an, und auch vor seinem geistigen Auge schien sein früheres Leben, ihre Zukunft vorüberzugehen. Es war ein feierlicher Gottesdienst in ihrem Herzen. Oben auf der Höhe angelangt, sah man nichts, als einen dichten, weißen Nebel, der die ganze Gegend verdeckte; die Luft wehte kühl und Meining hüllte besorgt die erbleichende Clementine in die wärmende Mantille. Gedankenvoll ließen sie sich auf der Bank vor dem Weingärtchen nieder – da plötzlich schmettert ein tausendstimmiger Lerchenchor gen Himmel, der Nebel zerreißt vor dem ersten Lichtblick der Sonne, und wie von unsichtbaren Geisterhänden fortgezogen, schwindet der dichte, weiße Schleier und das Neckarthal liegt vor den trunkenen Augen der Entzückten. Drüben das kleine Weinheim mit seinen in Laub versteckten, weißen Häusern; vor ihnen der lachende, jugendmuthige Strom mit Kähnen, die von Neckargemünd daherzogen, um sie her die Wipfel der Bäume, die am Fuße des Berges wurzeln, mit dem berauschenden Dufte der ganzen reichen Vegetation und zu ihren Füßen das kleine schlummernde Heidelberg. Clementine war selig vor Wonne, das reinste, heiligste Gefühl zog ihr Herz zu den Menschen, die Gott einer solchen Welt werth gehalten und mit Thränen der Begeisterung warf sie sich an Meining's Brust und sprach:

Ach! laß uns schön sein, wie diese Welt, wahr und rein, wie dies Licht. Jetzt, jetzt, bin ich Dein und mehr als irgend ein Eid morgen am Altare bindet mich diese Stunde an Dich. Ja, wir wollen glücklich, wir wollen dieser Welt werth sein! Sieh, Guter! ich habe jetzt nichts, nichts auf der Welt als Dich; sei Du meine Welt, stehe mir bei, wenn ich wanke, und verlasse mich nie!

Sie war während des Sonnenaufgangs plötzlich aufgestanden, nun in heftiger Bewegung vor Meining auf die Kniee hingesunken und badete seine Hände in Thränen. Er zog sie empor, gerührt und erschreckt durch ihre Leidenschaftlichkeit; preßte sie fest an seine Brust und der innige Druck seiner Hand, der Ton seiner Stimme hatte noch mehr Beruhigendes, als die Worte: Clementine! mein Leben, mein Weib! ich werde Dir nie fehlen, Du bist mein und nichts soll uns jemals trennen. – Eine Weile hielt er sie noch schweigend in den Armen, dann trieb er zum Aufbruch, denn Clementine schauerte in der leichten Kleidung; und um sie allmälig zu beruhigen, sagte er scherzend, komm, komm, mein Herz! daß uns die guten Heidelberger nicht zurückkehren sehen; was würden die von ihrem Aeskulap denken, wenn sie wüßten, daß er seine zarte Braut dem ungesunden Morgennebel preis gibt. So, unter freundlichen Gesprächen, führte er die leidenschaftlich Bewegte nach Hause.

Viertes Kapitel.

Nach einigen Monaten finden wir Clementinen wieder. Der Hochzeitstag, die Feste nach demselben waren vorüber, das eheliche Leben zu einer ruhigen Gewohnheit geworden. Meining war ungemein beschäftigt, seine Kranken, seine Collegia, ein größeres Werk, das er zu schreiben begonnen und das während des Brautstandes liegen geblieben war, nahmen seine ganze Zeit in Anspruch; während Clementine eigentlich ohne alle wirkliche Beschäftigung war und es ihr selbst an jenen wohlthätigen Zerstreuungen fehlte, die der Umgang mit Freunden bietet. Ihre Haushaltsangelegenheiten ließen sich in einer Stunde abthun; Meining war den ganzen Morgen außer dem Hause in Anspruch genommen; kehrte er Mittags zurück, so hatte ihn die große, angreifende Praxis so müde gemacht, daß er nothwendig eine Stunde der Ruhe haben mußte, um sich für die Geschäfte des Nachmittages zu stärken, und waren auch diese endlich beendet, dann ging es an ein so eifriges Arbeiten und Studiren, daß sogar Clementinens Vorschläge zu kleinen Ausflügen, zu denen die reizende Lage Heidelbergs sehr lockt, fast immer abgelehnt wurden. Führte das Abendessen sie wieder zusammen, so war Meining so zerstreut, so geistig beschäftigt und abgespannt, daß er oft um Entschuldigung bat und seinen Beruf verwünschte, der ihn ganz und gar absorbire, und ihm den ruhigen Genuß seiner Häuslichkeit unmöglich mache. Vor seiner Verheirathung hatte der Geheimrath oft mit Clementinen den Plan besprochen, sich von den größeren Gesellschaften, in denen er bisher fast jeden Abend zugebracht, fern zu halten, da er derselben überdrüssig geworden und auch Clementine keine besondere Freude daran gehabt hatte. Statt dessen wollten sie einen kleinen Kreis gewählter Freunde, wenigstens einmal in der Woche, bei sich versammeln, von deren traulichem Umgange sich Meining und Clementine viel Genuß versprachen, und den sie am Anfange des Winters wirklich mehrmals eingeladen hatte. Grade an solchen Abenden war dann ihr Mann aber zufällig abgerufen worden, nach einer Stunde zerstreut von dem Bette eines schwer Erkrankten wiedergekehrt, und eine nicht zu beschreibende Mißstimmung hatte sich dadurch der kleinen Gesellschaft bemächtigt, die der Wirthin freundlichste Aufmerksamkeit kaum zu bannen vermochte, so daß auch dieser Versuch bald aufgegeben werden mußte, besonders da Meining selbst auch daran keine Lust zu finden schien, und offen erklärte, er fände diese Art von Geselligkeit noch viel unbequemer, als die großen Zirkel, in denen man ungestört plaudern und unbeachtet schweigen könne; ja er fühle entschieden, daß er jetzt, wo er seine Clementine bei sich habe, erst die Sphäre gefunden, in der ihm nach der Arbeit wohl und behaglich werde. Glaube mir, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, für mich beginnt in Dir ein neues Leben; ich arbeite zehnmal mehr und besser als früher, denn ich arbeite nicht für mich allein; und finde nach der Arbeit hier bei Dir mehr Freude und Genuß, als mir jemals die Salons boten, in denen ich stundenlang im Frack, den Hut in der Hand, Conversation machen und wahre Thorheiten anhören mußte. Wenn Du mir beistimmst, leben wir Beide nur für uns allein.

Clementine willigte ein; ihre geselligen Verbindungen lösten sich fast ganz auf; sie sah es ziemlich gleichgültig an, weil Meining's Zufriedenheit ihr letztes Ziel war, und sie selbst in der Ehe mehr gesucht hatte, und Anderes, als ein glänzendes Leben in der Gesellschaft. Ihre ungewöhnliche geistige Regsamkeit, die Meining an dem Mädchen so interessant gefunden, war in der Zurückgezogenheit, in der sie lebten, doppelt groß geworden; der Kreis ihrer Gedanken hatte sich erweitert in den neuen Verhältnissen; sie fühlte sich berechtigt und werth, auch das geistige Leben ihres Mannes zu theilen und zu verschönen, und sehnte oft den Abend herbei, um mit Meining ein paar Stunden plaudern zu können, weil sie hoffte, er würde, wie als Bräutigam, Lust daran finden; er würde ihr die Ereignisse des Tages mit jener sicheren Klarheit, die ihm so eigenthümlich war, erzählen; ihr seine Gedanken darüber mittheilen, ihre Ansichten hören und berichtigen – mit einem Worte, er würde sie wie einen Freund betrachten, wie den vertrautesten Freund, dem jeder Gedanke enthüllt werden muß, weil er ihn versteht; weil er ihn liebt, um des Freundes willen, der ihn gedacht. Davon war aber gar nicht die Rede! Clementine sah nun ein, daß Meining ihre geistigen Eigenschaften jetzt am wenigsten schätze, daß er diese an seiner Gattin leicht entbehren, vielleicht gar nicht vermissen würde. Er bedurfte nur einer sorglichen Frau, einer freundlichen Gesellschafterin, mit der er sich über unbedeutende Dinge heiter unterhielt, wenn er nicht zu müde war, die er wirklich sehr lieb hatte und der er gern viel Freude bereitet hätte, wenn er vor übergroßer Beschäftigung Zeit gefunden, an Das zu denken, was sie erfreuen könnte. Vor Allem aber fühlte er sich sehr froh, ein so komfortables Haus und eine Frau zu besitzen, die jedem seiner Wünsche mit der größten Bereitwilligkeit zuvorkam. Er pries sich glücklich, grade diese Frau gewählt zu haben, und zweifelte nicht, daß sie sich zufrieden fühlte, weil er es war und es noch immer mehr wurde, je länger sie mit einander lebten.