Am nächsten Morgen hatte Clementine eben ihren Wagen zu einer Fahrt in den Thiergarten vorfahren lassen, als man ihr Herrn Thalberg meldete. Sie empfing ihn, und er entschuldigte sich, daß er den Kupferstich selbst bringe; er habe sich aber das Vergnügen, sie zu sehen, nicht versagen können. Doch wolle er sie von ihrer Promenade nicht abhalten und bäte um die Erlaubniß, sie zu ihrem Wagen führen zu dürfen. So geschah es. Während sie die Treppe hinunterstiegen, überlegte Clementine, was sie nun eigentlich thun solle. Jeden Andern hätte sie augenblicklich aufgefordert, den Abend in ihrem Hause zuzubringen, und Thalberg darum zu bitten, konnte sie sich nicht überwinden. Was würde aber Meining dazu sagen, wenn sie ihm erzählte, wie flüchtig sie Thalberg abgefertigt hätte, und was würde dieser selbst von ihr denken? So entschloß sie sich, ihn für den Abend einzuladen, und Thalberg sagte freudig zu.
Am Mittage erzählte sie dem Geheimrath von Thalberg's Besuch und ihrer Einladung, der sich derselben freute und hinzufügte, er habe den Obrist B. und den Maler R., die er zufällig gesprochen, zu einer Partie bei sich geladen. Wir machen dann ruhig erst unser Spiel, und Du mußt Deinen Gast, da er nicht spielt, selbst unterhalten, bis zum Abendessen.
So waren denn, als die drei Herren sich zum Spiele gesetzt hatten, Robert und Clementine allein am Theetische. Die arme Frau fühlte eine mädchenhafte Scheu, als sie nun, nach langjähriger Trennung, zum erstenmal mit dem geliebten Manne, der ihr ein Fremder sein mußte, allein war. Allein in jenen Zimmern, in denen sie so oft in glücklicher Unbefangenheit und im Gefühl der wärmsten Liebe sich begegnet waren! Nun war das Alles anders. Ihre Befangenheit entging dem scharfen Auge Thalberg's nicht, dessen Blicke glühend auf ihr ruhten; denn auch er war von lebhaften Erinnerungen bewegt. Dadurch wollte anfangs kein rechtes Gespräch in den Gang kommen, und Thalberg blätterte in halber Zerstreutheit in einem Buche, das zufällig auf dem Sopha lag. Es war das Buch der Lieder von Heine, auf dessen Schriften sich nun die Unterhaltung wandte.
Lieben Sie Heine noch so als früher? fragte Robert, ich weiß, daß Sie von den ersten Heine'schen Gedichten, die Sie kennen lernten, sehr entzückt waren; und wie mir dies Buch beweist, dauert diese Vorliebe fort.
Nicht so unbedingt, als Sie glauben, entgegnete sie. Ich bekenne, daß mich das wahrhaft Poetische, das tief Gefühlte in den Liedern, die ich damals einzeln kennen lernte, lebhaft ergriff und anzog. Daß der Schmerz über eine verschmähte Liebe, dessen er sich schämt, sich in wilder Ironie verbirgt, das fand ich bei einem Manne eben so wahr als ergreifend – daß er aber später Nichts mehr schont, selbst nicht diese Liebe, nicht die Sitte, nicht Gott, das hat ihn mir verleidet.
Ja freilich, à l'usage de la jeunesse ist er nicht geschrieben! bemerkte Robert, und ein Zug von eisigem Hohn wurde um seinen Mund sichtbar. Aber wüßten Sie, meine gnädige Frau, wie gewaltsam uns Männer das Leben enttäuscht, wie es oft grausam und unerbittlich die letzten Bande, die uns an unsre Kindheits- und Jugendwelt fesselten, zerreißt; wie es uns Alles raubt, Glück, Poesie und Glaube – Sie würden Heine vielleicht anders beurtheilen.
Vielleicht! antwortete sie, ich müßte den Dichter beklagen, der so sehr an sich und der Menschheit irre werden konnte, daß er die Leidenschaft nur in ihren Tiefen aufsucht, wo sie der Unschönheit längst zum Raube geworden ist und dem reinen Gefühl einen Schauder des Entsetzens einflößt. Wenn ich von mir auf andre Frauen schließe, muß Heine's Zerrissenheit....
Also auch Sie, auch Sie! sprechen es nach, Heine ist zerrissen! O! das klingt sehr groß, sehr vornehm. Aber wer ist denn ganz? – etwa die Leute, die in enger, dumpfer Beschränkung zwischen denselben vier Pfählen Wiege und Sarg haben? die aus Mangel an Temperament, aus Mangel an Leben keinen Reiz des Lebens, keine Verlockung der Sünde empfinden? Die Leute, die den heißesten Wunsch des Herzens, das einzige Glück ihres Daseins feige aufgeben, weil es gegen ein gemachtes, bürgerliches Gesetz anstößt? Die Leute also sind ganz, die sollen Heine beurtheilen? Glauben Sie mir, gnädige Frau! wer ein ganzer Mensch ist, ganz an Körper und Seele, von dieser in den Himmel gehoben, von jenem an die Erde gekettet, doppelt in seinen Wünschen und Bedürfnissen, auf der Erde ohne das ersehnte Glück, für den Himmel Nichts als eine unbestimmte Hoffnung – wer sich da von dem zwiefachen Getriebe nicht zerreißen läßt, wer sich nicht blutig stößt an den Barrieren und Hecken bürgerlicher und göttlicher Gesetze – der ist kein Mensch, der müßte ein Gott sein.
Robert war, während er sprach, immer lebhafter geworden, und Clementine sah ihn in einer von jenen leidenschaftlichen Aufregungen, die sie so wohl kannte, und denen nur zu leicht ein Anfall tiefer Schwermuth folgte, wenn sie nicht durch Unterhaltung verbannt wurde. In solchen Augenblicken hatte sich früher oft ihr Einfluß auf sein Gemüth geltend gemacht, deshalb begann sie nach einer Pause, in der Robert in tiefes Denken versunken war: Nun wohl denn mir, daß ich kein Mann bin, daß mich das Leben nicht so hart enttäuscht hat, und daß mir mein bestimmter Weg vorgezeichnet ist.
Und haben Sie diesen Weg nie schwer, nie rauh gefunden?