O! doch, Herr Thalberg, schon der Weg zur Schule schien mir oft schwer, scherzte Clementine, um ihn von dem Gespräch abzuleiten.

Und haben Sie nie die Neigung gehabt, von diesem vorgeschriebenen Wege abzuweichen, wenn er Ihnen unangenehm war?

Niemals! – als Kind hätte ich es aus Furcht vor Vater und Tante nicht gethan; später hätte ich mich vor meinen Gefährten geschämt, und dann ist mir das eigne Gefühl ein guter Compaß geworden, dessen Nadel mir immer wieder den rechten Weg zeigte und nach Norden wies.

Ja! nach Norden, sagte Thalberg, nach dem Norden der kalten Vernunft, in dem das heiße Blut erstarrt. Aber Sie erwähnten Ihrer Tante, sagte er plötzlich abbrechend, wie geht es Frau von Alven und wo lebt sie jetzt?

Damit war die Unterhaltung über Heine beendet und ging zu gleichgültigen Dingen über, obgleich auch bei diesen ein Wiederhall des Sturmes bemerkbar war, der Robert's Seele bewegte. Endlich hörten die Herren zu spielen auf, man ging zu Tisch und sprach während der Mahlzeit unter Anderm auch bald wieder über die politischen Ereignisse des Tages. Robert hing, wie wir sahen, den freisinnigsten Meinungen an und wunderte sich heute, daß Clementine, die in früher Jugend, als seine gelehrige Schülerin, all' seine Ansichten theilte, jetzt bedeutend mehr der konservativen Richtung geneigt schien. Mich dünkt, sagte er, Sie hätten einst mit viel größerer Theilnahme den liberalen Ideen unsrer Zeit gehuldigt, und ich hätte Sie begeistert gesehen, als die Julitage uns eine neue Aera zu verkünden schienen. Was hat Sie denn unsrer Fahne abwendig gemacht?

Und wer sagt Ihnen denn, daß mich die große Idee der Freiheit nicht noch eben so erwärmt, daß ich den Enthusiasmus der Männer dafür nicht begreife? antwortete sie. Damals glaubte ich nur, auch für uns Frauen sei die Freiheit, nach der die Männer streben, ebenfalls ein unerläßliches Gut, und es sei unsre Pflicht, mit ihnen für Freiheit zu schwärmen und über Politik zu sprechen – und nur von dem Glauben bin ich zurückgekommen.

Sehr mit Unrecht, gnädige Frau! sagte der Maler. Warum sollen die Frauen, die uns im Leben das höchste Glück gewähren, nicht auch mit uns Theil haben an den höchsten Schätzen, nach denen wir streben. Warum sollte ein Geschlecht, dem Eleonore Prohaska und das Mädchen von Saragossa angehörten, nicht eben so lebhaft den Sinn für Freiheit und Vaterland haben als wir?

Für ein Vaterland, wandte Thalberg ein, haben die Frauen wirklich gar keinen Sinn und können ihn nicht haben, weil ihr Beruf sie nur zu oft der Heimat entfremdet und ihnen ein neues Vaterland gibt. Ich würde es gewiß meiner Frau, falls sie eine Französin oder Engländerin wäre, sehr verargen, wenn sie nicht mit mir von Herz und Seele eine Deutsche würde; und so sind die Frauen eigentlich geborne Kosmopoliten, die nur für allgemeine Weltfreiheit Interesse haben können, fügte er lächelnd hinzu.

Wie sieht es denn nun mit Ihren Weltfreiheitsideen aus, gnädige Frau! fragte sie der Obrist.

Ich sage Ihnen ja, antwortete sie, daß ich die demagogischen und liberalen Gesinnungen der Männer vollkommen begreife und achte, daß ich selbst aber eine gewaltige Aristokratin bin, und ich glaube, im Herzen sind wir Frauen es alle. Wir sind nicht gewöhnt, uns in die Menge zu verlieren; wir stehen abgesondert für uns und lassen uns von den Männern, denen wir, sobald wir sie lieben, ein ganz apartes Adelsdiplom zuerkennen, gern als treue Vasallen huldigen. Oder noch lieber beten wir den König unsres Herzens mit tiefster Demuth an, der uns viel mehr un et indivisible ist, als es den Franzosen jemals ihre Republik war.