Noch einmal sanken sie sich in die Arme, hob er die Geliebte zu sich empor und ruhte Herz an Herz, Mund an Mund. Noch ein langer, tiefer Kuß, den Clementine auf Robert's Stirne drückte, in den sie alle Gluth, alle Liebe ihres Lebens preßte, noch ein kurzer Moment voll Wonne, und Clementine war allein – allein mit der Ueberzeugung, auf dem Gipfel ihres Lebens gestanden zu haben; entschlossen den Weg, der ihr zu machen blieb, unerschütterlich fest fortzuwandeln, das Andenken an ihr Glück in tiefster Seele. Sie wußte, daß es die letzte Stunde gewesen, die sie mit Robert verlebt, und war doch glücklicher als je, obgleich der Schmerz des Abschiedes ihr Herz zusammenpreßte. Jetzt begriff sie, was das Leben sei, und dankte Gott aus vollem Herzen dafür; nur der Gedanke an Meining, nicht der an Robert's Scheiden, störte sie in ihrer Wonne und trat bald als allein herrschend hervor.

Schlaflos verging ihr die Nacht, sie strebte zu einem Entschlusse zu kommen, ob sie nun nicht endlich ihrem Manne Alles bekennen, seine Vergebung erflehen und ihr Schicksal in seine Hände legen, oder ob sie nach wie vor schweigen solle und dürfe? Sie konnte es sich nicht verbergen, daß Robert auf ihre Trennung von Meining rechne, um sie zu seiner Gattin zu machen. Tausend himmlische Träume von Liebes- und Eheglück gingen an ihrem Geiste vorüber; sie sah sich in Hochberg neben und mit ihm wirken, sie empfing ihn, wenn er Abends zurückkehrte, sie theilte seine Leiden, seine Freuden, sie sah ihn strahlend von Glück an ihrer Seite und sich selbst selig in seinen Armen, und mußte doch immer wieder des verrathenen Meining's mit Thränen denken, in dessen Leben das ihre so fest gewurzelt hatte, daß sie sich seine Trennung von ihm nicht als möglich denken konnte. Er war ihr Gatte, hatte ihr in den Jahren, die sie mit einander verlebt, mit rührender Liebe angehangen; sie war seine Freude, sein Glück, er hatte sie geehrt mit vollem Vertrauen, sie schauderte vor dem Gedanken, er würde ein Recht haben, die Treulose zu verachten und zu verstoßen, und er würde doch unglücklich sein ohne sie – einsam und allein in seinem Alter, weil sie ihn verlassen, unglücklich zu werden, auf den Trümmern seines Glückes. Es war eine furchtbare Nacht für die Unglückliche – als aber der Tag und mit ihm die Herrschaft der Vernunft über die zügellosen Schöpfungen der Phantasie und des Herzens begann, war sie mit sich einig geworden.

Der frühe Morgen brachte ihr folgenden Brief von Robert:

Ich kann die Zeit nicht erwarten, Geliebte, in der ich Dich wiedersehen darf, ich muß Dein denken, mit Dir sprechen, um sie zu verkürzen. Jene Besorgniß, die uns überfällt, jene Unruhe, die uns aufregt, wenn wir nach langer Abwesenheit in die Heimat kehren und die bekannten Thürme der Vaterstadt uns sichtbar werden – dieser Unruhe kann ich jetzt nicht Herr werden, da ich mich endlich dem Ziele meines Lebens, der Erfüllung meiner sehnlichsten Hoffnungen, der geliebten Heimat meines Herzens nähere. Ich möchte bei Dir sein, Deine Hand in der meinen halten und in dem warmen Lichte Deiner Blicke die schöne Gewißheit Deines Besitzes fühlen. Wenn ich sonst tief in Deine unergründlichen Augen blickte und mein Bild so klein und beweglich sich darin wiederspiegeln sah, bin ich oft eifersüchtig geworden bei dem Gedanken, so klein und flüchtig könne mein Andenken in Deinem Herzen sein; nun aber verstehe ich das besser. So gewiß, so klar und so deutlich mein Bild, in vollkommner Gleichheit mit mir selbst, mich aus Deinem Auge verschönert anblickt, so wird jeder Gedanke, jedes Gefühl meines Daseins, mir, vollkommen verstanden, gleich gefühlt und doch unendlich schöner wiedergegeben, wenn es durch die läuternde Atmosphäre Deines Herzens, Deines Geistes gegangen ist. Ja! mein theures Herz! unsre beiden Seelen sind nur Eine, nur zusammen können wir das höchste Ziel erreichen, das uns zu erreichen möglich ist. Und wie froh, wie frei macht mich das Gefühl, daß ich in Dir den schönsten Preis des Lebens, Dich, Dein Herz, Deine Liebe wieder errungen habe, die nun mein sind für ewig. Wie kann ich Dir danken, wie Dich die Jahre von Schmerz und Kummer vergessen machen, die ich in unglücklicher Verblendung über Dich verhängt hatte? Nur das beruhigt mich, daß eine Liebe, wahr und stark wie meine, Alles ausgleicht, daß es kein Opfer gibt, keines, meine Clementine! das ich Dir nicht mit Freuden zu bringen im Stande wäre, wenn Dein Glück es erheischt.

Und nicht wahr? Du hast vergeben, Du denkst nur mit Liebe an mich? Glaube mir, jetzt ist Alles gut. Ich fühlte es gestern, als Du in meinen Armen ruhtest, als Dein müdes Haupt auf meine Schulter sank; die Nacht des Leidens ist vorüber, und eine schöne Zeit wird uns werden. Nun erst werde ich mein Land lieben, ganz anders lieben, weil es den heimischen Herd enthält, an dem Du waltest; mit ganz anderm Sinne werde ich für die Zukunft säen und wirken für ein Geschlecht, das nach uns lebt – o! eine schöne Zeit wird uns jetzt werden. Möge sie Dir mit dem heutigen Tage beginnen. Wirf Alles von Dir, was Dich ängstigt und quält, Geliebteste! Die Hindernisse irdischer Verhältnisse müssen vor der Gewalt unsrer Liebe schwinden. Noch wenig Tage vielleicht, und wir sind unzertrennlich vereint – fühlst Du wie ich die Wonne dieses Gedankens? An die Zeit denke, wenn wir uns heute wieder sehen, meine Clementine! und wünsche sie so sehnlich herbei als ich, der nach Dir verlangt mit aller Gluth und Liebe, welcher ein Menschenherz fähig ist. Ich möchte ein Gott sein, wenn Götter stärker zu lieben vermögen, als wir, um Dich so glücklich zu machen durch meine Liebe, als ich es wünsche, um Dir das Geschenk Deines Herzens zu danken. Auf baldiges, seliges Wiedersehen, Geliebte! Adieu! meine Clementine! noch zwei Stunden, ehe ich Dich sehe – wie lange ist das noch und doch wie kurz gegen die lange Zeit, die ich Dich entbehrte. Ewig Dein

Robert.

Ruhig, wie ein verklärter Geist auf die Erde blicken mag, sah Clementine auf diesen Brief; sie war unwandelbar entschlossen. Sie hatte eine Stunde das höchste Glück des Lebens empfunden, nun fühlte sie die Kraft zu entsagen und beschloß Robert gleich jetzt zu antworten.

Clementine an Robert.

Die Worte Deiner Liebe, schrieb sie, haben mir unbeschreiblich wohl gethan und den reinsten Wiederhall in meiner Brust gefunden. Fest, wie an das Dasein Gottes, glaube ich an Deine Liebe und in diesem Vertrauen fordre ich von Dir ein Opfer, das mich das schwerste dünkt. Wir dürfen uns nicht wieder sehen, mein Freund! weil wir nicht für einander leben dürfen.

Höre mich ruhig an, Du Geliebter! Mehr als ich es Dir sagen könnte, muß Dich gestern der Wonnetaumel, den mir Dein Wiedersehen bereitet, von meiner heißen Liebe überzeugt haben. Kein trüber Gedanke hat mir die Seligkeit gestört, das Geständniß Deiner Liebe von Deinem Munde zu hören, mein höchstes Glück in Deiner Freude zu genießen. Was der sehnlichste, einzige Wunsch des Mädchenherzens, der Traum meiner Nächte, war, Deine Liebe, Du hast sie der Frau gewährt, die sie Dir nicht lohnen darf. In den Jahren, die unsrer Trennung folgten, von Zweifeln an Dir gequält, von Dir entfernt und mich selbst aufgebend, habe ich Tage des herbsten Schmerzes verbracht, die nun alle ausgetilgt sind aus meinem Leben durch eine Stunde des Glückes, und diese werde ich Dir ewig danken; wie in dieser Stunde soll mir Dein geliebtes Bild gegenwärtig bleiben.