Es war ein schwüler, heißer Sonntagabend, ein Gewitter lag in der Luft und eine namenlose Beängstigung drückte Clementinens jetzt doppelt reizbare Nerven nieder. Ein Theil der Dienerschaft hatte die Erlaubniß, den Sonntag auswärts zuzubringen, benutzt; die Uebrigen hielten sich in einem der entlegensten Theile des Hauses auf, wo sich das Domestikenzimmer befand, da die Geheimräthin erklärt hatte, ihrer nicht zu bedürfen. Alles um sie her war still und einsam, sie saß lange in Nachdenken versunken allein. Der Himmel wurde trüber und trüber, wie ihre Stimmung; ihr Herz war unruhig und furchtsam, wie die Schwalben, die ängstlich hin und her flatterten. Eine Spinne hatte ihr Netz in einer Ecke aufgeschlagen und spann und spann den langen, gleichen Faden unermüdlich fort, so oft er abriß, ihn auf's Neue knüpfend – kein Laut in der Natur, außer dem heimlichen Flüstern der Bäume, die nicht aufzuathmen und sich zu regen wagten, bei der glühenden Luft. Die Wolken sanken immer tiefer zur Erde nieder, sie mußten Clementinen erdrücken, wenn es so fortging – sie hielt es nicht länger in den dumpfen Zimmern aus, sie hoffte frei aufzuathmen im Freien, sich selbst zu entfliehen und ging eilig hinab in die breiten Alleen des Gartens. Aber auch hier fand sie weder die Kühlung, noch die Beruhigung, deren sie bedurfte; sie wollte Bewegung, Leben, Menschen um sich sehen. Es trieb sie mit ungewohnter Hast, durch die schattigen Partien des Gartens, nach den offneren, freien Plätzen; sie näherte sich dabei der Straße und sah den Briefträger dem Thore zuschreiten, der ihr einen Brief des Geheimraths brachte.
Es war fast zu dunkel geworden, ihn im Freien zu lesen und, da sie sich nicht entschließen konnte, in das Haus zurückzukehren, ging sie in den Pavillon, wo sie für den Abend zu bleiben dachte, zündete selbst die Lichter an und setzte sich nieder zum Lesen. Je länger sie las, je bewegter schien sie zu werden; endlich legte sie den Brief nieder, lehnte sich in den Divan zurück, das Gesicht in den Händen verbergend. Meining's zärtlicher, sehnsüchtiger Brief that ihr mehr wehe, als die härtesten Vorwürfe es vermocht hätten. Es ist so schwer, Lob zu ertragen, das man nicht verdient; Liebe zu empfangen, die man nicht erwiedern, und Vertrauen, das man nicht vergelten kann. Es wäre ihr nicht möglich gewesen, in dieser Stimmung den Brief zu beenden – er war nicht an sie gerichtet; er galt der Clementine, die Meining's würdig war, die Anspruch hatte auf seine Achtung – das war sie nicht mehr. Hatte sie doch gestern noch Robert aufs Lebhafteste herbeigewünscht; wozu nützte der Kampf einzelner Stunden, wenn der Geliebte immer als Sieger hervorging? Sie warf sich vor, unredlich gegen sich selbst zu sein und – auch diesmal hafteten ihre Gedanken wieder an Robert's Namen, bis sie in jenen Zustand versank, der, eben so fern vom Schlummer, als vom Wachen, nerveuse Menschen nach starker, geistiger Aufregung oft befällt; indem alle Gedanken in einander fließen und verschwimmen und die ganze Welt wie ein nebelgraues, unbestimmtes Etwas, das uns fremd und vollkommen gleichgültig ist, vor unsern getrübten Blicken erscheint.
Da öffnet sich plötzlich die Thüre – Clementine! ruft Robert's Stimme und mit einem Ausruf des höchsten Entzückens fliegt sie ihm entgegen und sinkt leichenblaß und bewußtlos in seine Arme.
Unter den glühenden Küssen des Geliebten erwacht sie an seiner Brust, und die zärtlichsten Worte der Liebe, die süßesten Thränen sagen ihm, wie warm das Herz ihm schlägt, das an dem seinen klopft. Robert bat nicht um Liebe, er gelobte sie nicht, weil Beide es selig fühlten, daß ihr Wesen, ihr Athem – ihr Blick Liebe sei, und doch floß das Geständniß ihrer Liebe von Clementinens Munde, doch hörte Robert nicht auf, der Geliebten zu sagen, wie glücklich er sei. Ist doch auch in der Liebe Geben seliger denn Nehmen. Süßer als die Stimme der sehnsuchtbebenden Nachtigall klangen Clementinens Worte in Robert's Ohr. Er ruhte zu ihren Füßen, küßte ihre Hände, beugte ihr Haupt zu sich hernieder, und sie barg wieder ihr Gesicht in seinem dunkeln Haar, das sie spielend durch die feinen Finger gleiten ließ. So wechselten Worte, die dem Himmel angehörten, mit kindischem Spiele, wie nur die wahre Liebe es schuldlos kennt.
Draußen war es fast Nacht geworden. Ein heftiger Regen fiel in großen, rauschenden Tropfen hernieder; fern leuchtende Blitze zuckten durch die grünen Glasfenster und warfen sonderbares Streiflicht in das kleine Gemach. Die ängstliche Clementine suchte Robert's Hand, wie Schutz erbittend, und er fand die zaghafte Frau lieblicher als je in dieser Schwäche. Sieh, meine Clementine! sprach er, so will ich Dich immer behüten, immer suche Zuflucht bei mir. Wie liebe ich Dich in dieser Bangigkeit, wie froh macht mich das Gefühl meiner Kraft, Dir, Du Zarte, Schwache! gegenüber. Glaube mir, alle Eure Gewalt liegt in Eurer Hülfslosigkeit; werde nie muthig, nie stark, meine Geliebte! niemals könnte ich, wie Meining, Deiner süßen Furchtsamkeit lachen; und jedes Gewitter, das über uns aufzieht, soll mir ein liebes Erinnern an diese Stunde sein, ich will es segnen, wenn es Dich, mein Leben, künftig in den kühlen Gemächern unsres Hauses, nach Schutz verlangend, in meine Arme führt.
Und abermals wollte er Clementine an sein Herz ziehen, aber bebend machte sie sich los aus den Armen des Geliebten. Meining's Name hatte die Welt für sie verwandelt, das Paradies ihrer Wonne versank, und die Wirklichkeit machte ihr strenges Recht geltend. In dem Taumel des Entzückens, in welches das unverhoffte Wiedersehen des Geliebten sie versetzt, hatte sie Alles vergessen, hatte Nichts gedacht, als das unaussprechliche Glück, das sie ihr Leben hindurch ersehnt, von Robert's Munde diese Worte der Liebe zu hören und ihm zu sagen, wie er ihre Welt, ihr Schicksal, ihre Gottheit gewesen sei, von ihrer Jugend an. Nun kam das niederschmetternde Bewußtsein über sie, daß diese erste Stunde des Glückes auch sicher die einzige und letzte für sie sein werde und müsse. Aber das Räthsel ihres Lebens war gelöst; der ewig glühende Funke in ihrer Brust war, wenn auch nur für einen Augenblick, frei und schön zur hellen Flamme emporgelodert; der tief verborgene Keim war zum Lichte durchgedrungen und hatte geblüht, zur Freude des Geliebten. Das konnte ihr genügen für ein langes Leben.
Verlasse mich, Robert! bat sie plötzlich und schlang doch ihre Arme fesselnd um seinen Hals, verlasse mich und laß uns scheiden für immer. Du selbst hast mit dem Namen meines Gatten mich an ihn erinnert, den ich so treulos verrathe, der es nicht ahnt, in liebendem Vertrauen, daß sein Weib Dich liebt und ihn und sich selbst in Deinen Armen, an Deinem Herzen beweint. Gehe, Robert, gehe, Geliebter, wenn Du mich liebst! – rief sie und ihre glühenden Thränen flossen auf seine Brust.
Niemals, Clementine, verlasse ich Dich! Bist Du nicht mein? Mußt Du nicht mein sein und es ewig bleiben, weil Du es einmal gewesen? Ich will nicht mehr leben ohne Dich, hörst Du, mein Herz! ich will es nicht – ich verlasse Dich nicht, und Du darfst nicht hinsterben in fruchtlosen Kämpfen. Leben sollst Du für mich, für mich allein, Du schöne, reine Lilie! Und denkst Du des Abends, als Dein müdes Haupt in den Blättern der Cala sich barg, wie hart ich war, wie ungerecht? Ach! ich war namenlos elend damals – ich fühlte es, daß Meining uns nicht trennen darf, da wir unauflöslich gebunden sind, daß er Dich nicht tödten darf, indem er Dich mir noch länger raubt, und doch hatte ich nicht wie jetzt den festen Glauben, daß er selbst, wenn er Dich liebt, auf....
Nicht weiter, ich beschwöre Dich, flehte Clementine, ach! Meining liebt mich, ich weiß es – dringe nicht in mich, jetzt nicht – verlasse mich nur jetzt, nur heute, mein einzig Geliebter – morgen hörst Du von mir – gewiß, nur jetzt gehe – eile, mein Robert, ich bitte Dich.
Ich höre von Dir? und werde ich Dich nicht sehen? Willst Du Dich mir nach so ewigem Entbehren, nach einer kurzen Minute des höchsten Glückes wieder entziehen? Glaubst Du, daß ich einwilligen werde, mir auch nur einen Augenblick die Wonne Deiner Gegenwart rauben zu lassen, jetzt da Du endlich mein bist? Nein, mein Herz! morgen in aller Frühe bin ich bei Dir, muß ich in Deinen dunklen Augen die Offenbarung meines Daseins lesen und an Deinem Herzen empfinden, daß die Welt die Mühe des Lebens vergelten, überreich vergelten kann, in einem Herzschlag. Nur in der Hoffnung gehe ich von hier und so gute Nacht, mein schönes, holdes Glück. Bleibe mir auch im Traume treu – ist es mir doch wie ein Traum von Jenseits, daß ich Dich wieder gefunden, daß Du mir wieder leuchtest, Du lieber Stern meiner Jugend; gehe mir nie, nie wieder unter. Und nun lebe wohl und ruhe sanft, mein holdes, süßes Weib!