Den 12. Mai. Robert ist hier; er ist hier, in meiner Nähe, ich habe seine Stimme im Vorzimmer nach mir fragen hören, ich sah ihn durch den Garten zurückkehren und hinaufblicken nach meinen Fenstern. Das ist Glück! Das ist Sonne und Frühling! Er hat mir geschrieben, und ich habe den Brief uneröffnet zurückgesandt; ich hätte es nicht thun sollen. Und doch weiß ich nicht, was er schreibt, was er begehrt, und kann ich es gewähren? Auch seinen Besuch habe ich abgelehnt, wie einen Ueberlästigen habe ich ihn abweisen lassen. Wie wird er lachen über die Feigheit, die sich nur sicher fühlt hinter gewaltsamem Schutz, wie verächtlich wird es ihm erscheinen. Ich habe verboten, mir irgend einen Besuch zu melden, weil ich Robert allein nicht zurückweisen konnte. Mehr vermag ich nicht. Alle meine Gedanken sind auf ihn gerichtet, mein Herz verlangt ihn, die Sehnsucht ist zum körperlichen Schmerz geworden; ich fühle mich der Verzweiflung, dem Wahnsinn nahe, so verwirren sich meine Gedanken. Ich möchte zu ihm eilen, ich möchte ihm sagen, daß ich ihn anbete; ich, die dreißigjährige Frau, das Weib eines Andern, ich breche mein Wort, die Treue, die Ehe.
Gott, Gott! nur der Tod kann mich retten, gib ihn mir bald, und möge Meining nie ahnen, was ich an ihm gesündigt. Seine Zukunft soll und muß ruhig bleiben, und muß ich leben, elend wie ich bin, so will ich allein es tragen – allein, wie ich es fast immer war; Liebe und Freude entbehrend, allein leben und am liebsten – bald allein und einsam sterben.
Robert Thalberg an den Hauptmann v. Feld.
Berlin, d. 16. Mai.
Ich durfte nicht länger in Hochberg weilen, ich hielt es nicht aus, ohne sie, und bin wieder hier. Man hatte mir zufällig geschrieben, daß Clementine krank sei, daß ein Nervenleiden ihr Leben zu bedrohen scheine. Da litt es mich nicht länger dort, ich mußte sie sehen, ich eilte hieher. Begreifst Du es, Feld! Clementine leidet, sie stirbt, und ich bin ihr Mörder, wenn ich sie und mich nicht rette. Nun bin ich acht Tage hier, bin täglich bei ihr gewesen, aber niemals angenommen worden, weil sie sich zu angegriffen fühle, um Besuche anzunehmen. Was ich auch that, sie zu sehen, Alles war vergeblich, und es gibt Stunden, in denen ich mit Gewalt in ihr Zimmer dringen und sie zwingen möchte, mir nach Hochberg zu folgen und dort die Meine zu werden. Ich weiß es, an meiner tiefen Begeisterung für sie, daß sie mich liebt, daß sie für Meining nur kindliche Verehrung hat; warum sollen wir es büßen, daß sie sich unwürdige Fesseln anlegen ließ, die sie und mich erdrücken? Was kann der alte Mann an ihr lieben? Ja, der nicht weiß, was dieses große Herz bedarf, wie es geliebt werden muß, wie es zu lieben vermag. Und grade jetzt muß ich sie ungestört sprechen, mich mit ihr verständigen, da Meining nicht hier ist.
Heute habe ich der Geliebten geschrieben; sie hat selbstquälerisch meinen Brief ungelesen zurückgesandt; ich möchte ihr diese Qualen, die sie sich vergrößert, ersparen und kann es nicht. Sie muß sie durchkämpfen, wie ich es that, um später die Ruhe in sich zu finden, deren sie bedarf. Sie muß es fühlen, wie ich, daß unsre Verbindung eine innere Nothwendigkeit ist, der zu widerstehen, außer dem Bereich der Natur und der Möglichkeit liegt. Waren je zwei Wesen für einander geschaffen, so ist es Clementine für mich; ich könnte sagen, sie sei der Weib gewordene Robert, sowie ich alle ihre Gefühle, nur männlich stärker, in mir wiederfinde; und doch drückt es Das nicht aus, was wir einander sind. Plato hat Recht, die Natur schuf den Menschen und trennte ihn in Mann und Weib, damit beide Theile nach Vereinigung streben und ein doppelt glückliches Ganze werden, wenn sie nach schmerzlichem Entbehren sich zusammenfinden und harmonisch vollendet in Eins verschmelzen. Sie ist mein, mein anderes Ich, das ich nicht aufgeben kann, feige, wie der Selbstmörder sein Leben von sich wirft; sie ist die Liebe, der Duft, das Licht meiner Seele, der zarte Wiederhall alles Großen, das ich gedacht – sie war mein, sie soll es wieder werden.
Wende mir nicht ein, daß ich selbst sie aufgegeben hätte; ich hatte sie vernachlässigt, wir hatten uns vom Wege verirrt, uns verloren; aber früh oder spät mußten wir uns wiederfinden, wie es geschah, weil wir Eins sind. Nichts, selbst ihr eigner Wille nicht, soll sie mir jetzt entreißen. Ich will mein Glück um jeden Preis! – nicht selbstsüchtig wie ein wilder Jüngling; ich will es, mit der ruhigen, kalten Ueberzeugung des Mannes, von Meining fordern und von Clementine, weil mein Glück das ihre ist und ihr Leben rettet.
Warum weiset sie mich ab? Kann sie mich fürchten? So klein ist Clementine nicht, so gering kann sie von mir nicht denken. Glaubt sie mich zu überreden, daß es ihr gelingen werde, mich für Meining zu opfern, der mir mein Eigenthum, mein Leben geraubt hat? Nimmermehr! Hätte ich sie nur gesprochen – aber sie will lieber sterben, als abweichen von Dem, was sie für Pflicht hält; freiwillig wird sie mir die Gunst des Wiedersehens nicht gewähren, und Niemand ist hier, bei dem ich sie treffen könnte. Marianne und Frau von Stein sind beide bereits verreist; sie verläßt ihr Haus nicht, seit Meining abwesend ist, und ich habe keine Wahl. Denke an mich; in wenig Stunden bin ich der seligste Mensch auf der Welt – selig in ihrem Anschauen, in ihrer Liebe und in ihrer Nähe. Lebewohl!
Robert Thalberg.