Aus Clementinens Tagebuch.
Den 27. Februar. Gott sei Dank! Der erste Tag ist vorüber! und noch ein Tag und noch einer, so geht das Leben hin. Armer Meining! sollst Du es büßen, daß Du mich geliebt, mir vertraut hast? Soll das der Lohn Deiner Arbeit, die Freude Deines Alters sein, daß Dich in Deinem Hause ein kränkelndes, mißmüthiges Geschöpf empfängt? Und wie gut Meining ist, wie er für mich sorgt, und wie elend ich ihm danke! Nur zur Pein lebe ich noch in der Welt, mir und Allen. Robert, der – – O! Gott! fort, fort mit den Gedanken. Ich bin Meining's Weib, sein Glück, sein Wohl allein dürfen mein Ziel sein, und Gott im Himmel wird mir Kraft geben, es zu erreichen, wenn er sieht, wie ich danach ringe.
Den 3. März. Ich bin wohler, Meining ist ruhig über mich. Es kann, es wird Alles noch gut werden, und warum sollte es nicht? Konnte ich dafür, wenn ein Gefühl, welches ich nicht absichtlich hervorrief, sich nicht gleich unterdrücken ließ, daß es mich beherrschte? und habe ich nicht Alles versucht, was mir Pflicht und Recht geboten? Nun ist es vorüber, Thalberg ist fort – auch er wird Frieden finden und glücklich werden. Ich – muß es sein, weil ich nicht mir gehöre.
Im Thiergarten, d. 2. April. So wäre ich denn hier eingerichtet! Krank, traurig und müde bis zum Tode. Es gibt Leiden, die, Gott sei Dank! den meisten Menschen unbekannt bleiben. Nicht alt zu sein, und hoffnungslos in das Leben zu blicken, ohne Aussicht, ohne Wunsch für die Zukunft, nicht einmal den, daß es jemals anders werden möge. Wo ist die erste, frohe Jugendzeit hin, in der ich reich an Muth, an Lust und so überreich an Liebe in das Leben sah? Ich fühlte mich glücklich in der Liebe meines Vaters, kein andres Gefühl in meiner Seele, als ihm Freude zu machen und gut zu sein, um des Guten willen. Damals, es war, ehe ich Robert kannte, war ich frei! Frei? wenn ich es endlich würde, wenn mein Tod endlich diesem Elend ein Ende machte – das wäre das Einzige, was ich wünschen darf, was ich wünsche. Dann würden Meining und Robert freundlich mein gedenken, und ich schliefe still, wie mein müdes Herz es bedarf.
Den 10. April. Die Welt ist so schön, Alles scheint glücklich, warum kann ich es nicht sein? Dadurch kommt oft ein Gefühl von Bitterkeit in mein Herz, das mich erschreckt. Der Vogel darf glücklich und fröhlich von Blatt zu Blatt fliegen, die Blume findet Sonne und Regen, so viel sie bedarf, um schön zu erblühen; nur ich entbehre Das, was mein Dasein zum Leben machen könnte. Wenn ich Abends hinaufsehe, an das Firmament und die Milliarden Sterne in seliger Ruhe ihre ewige Bahn durchleuchten, so begreife ich nicht, wie nicht Ein Sternchen Mitleid fühlt mit mir, warum nicht Eines herunterkommt, mich zu trösten, oder warum es nicht heller hervorleuchtet, um mir ein Zeichen zu geben, daß es mich versteht, daß es mein Leiden, mein Sehnen, mein Verzagen kennt. Hätte ich meine Mutter noch, der ich Alles klagen dürfte, die würde mich nicht so kalt, so streng an meine Pflicht verweisen, als die Tante; sie würde ihr müdes Kind ausweinen lassen an ihrer Brust, sie würde mit mir weinen und mich beklagen.
Pflicht! – hat denn irgend ein Geschöpf außer dem Menschen eine andre Pflicht, als glücklich zu werden? Freilich kann aber nur der Mensch in seinem wahnsinnigen Dünkel so selbstvermessen sein, sich Pflichten zu schaffen, die ihm zu erfüllen fast unmöglich sind.
Den 27. April. Nach mehrtägigem Ueberlegen und Zaudern hat Meining sich entschlossen, mit dem Prinzen zu gehen, und ist heute abgereist. Der Prinz hat dringend seine Begleitung gefordert, und er hat sie nicht ablehnen dürfen. Ich habe ihm angeboten, nachzufolgen, damit wir am Ziel der Reise zusammenträfen; ich wäre dann mit Marianne und ihrem Manne bis Wien gegangen und hätte den übrigen Theil der Reise allein mit meinem Mädchen und dem Diener meines Mannes fortgesetzt. Vielleicht hätte mir die Zerstreuung wohlgethan, und hauptsächlich hoffte ich Meining damit eine Freude zu machen, wenn er mich bald wieder um sich hätte und in K.... seine Häuslichkeit wieder fände, wo der Prinz sechs bis acht Wochen die Cur brauchen muß. Meining hat es aber nicht gewünscht, weil er glaubt, ich würde die Bergluft nicht ertragen können. Nun ist er abgereist und hat mit rührender Innigkeit mich mir selbst empfohlen; ich solle mich schonen, wie ich sein Leben schonen würde, mich pflegen, mich zerstreuen, damit er mich gesund und froh wiederfände, denn ich sei sein höchstes Gut! – Wie es mich demüthigte! Ich weinte vor Scham, und Meining glaubte, daß meine Thränen nur dem Abschiede von ihm galten – ich täusche ihn mit jedem Athemzuge! Elendes Dasein. Wenn er mein Vater wäre, wie könnte ich ihn lieben, ihn, der so gut, so gut ist; wie zufrieden würde er mit dem Gefühl von Verehrung sein, daß ich für ihn hege, wie würde er sich der Liebe seiner Tochter für Thalberg, den er so hoch hält, erfreuen. Jetzt aber!
Den 4. Mai. Ich fühle mich freier, besser in Meining's Abwesenheit, weil ich mich nicht, wie ein harter Aufseher den widerspenstigen Sklaven, in jedem Augenblick zu bewachen, zu strafen habe – weil ich nicht, wie ein feiger Sklave, Herz und Geist verstellen muß. Auch die vollkommene Stille um mich her thut mir wohl. Ich überschreite die Schwelle unsres Gartens kaum, ich ziehe mich ganz in mich selbst zurück, und es scheint mir, als ob dadurch mehr Klarheit und Friede in mein Gemüth käme. Nur noch einmal möchte ich Robert sehen, nur noch ein einzigesmal ihn sprechen! aber wozu auch? Könnte ich unter diesen schönen, säuselnden Bäumen schlafen, immerfort – bis zu Meining's Rückkehr; tief, tief schlafen und dann erwachen, und die ganze Vergangenheit wäre mir entschwunden, wie das Bewußtsein eines bösen Traumes, wenn man früh die Augen aufschlägt und der liebe, helle Tag fröhlich durch die Fenster grüßt.
Den 5. Mai. Die Tante kommt noch immer nicht, obgleich ich sie nochmals darum bat. Erst im Juni darf ich sie erwarten.
Den 8. Mai. Schon seit Tagen kommt wieder kein Gedanke in mir auf, als der an Robert. Ich kann sein Bild nicht aus meinem Herzen bannen, in dessen Pulsschlägen es seit meiner Kindheit lebt. Leben und Robert lieben ist mir Eins – wie konnte ich jemals wähnen, ich würde aufhören, ihn zu lieben? Wie hat man versuchen dürfen, mich zu einer Heirath zu überreden? Ich habe in der Zeit, die meiner Verlobung folgte, selbst geglaubt, ich müsse Robert ruhig wieder sehen können, weil er mein Gefühl, meinen Stolz so tief verletzt, ich würde ihn deshalb nicht mehr lieben. Thörichter Wahn! Jedes andre Empfinden ist ohnmächtig gegen Liebe – sie ist Alles, Demuth, Hingebung, Selbstverleugnung, Geist, Wahrheit und Stolz; aber nur Stolz auf den Besitz des Geliebten, Stolz auf das Glück, von ihm gewählt zu sein. Das Alles habe ich selbst in mir zerstört und keine Möglichkeit, es jemals zu ändern. Nun fühle ich die Folgen dieses Schrittes an der innern Zerstörtheit meines Daseins. Mit aller Gluth der Seele zieht es mich zu dem Geliebten, ich möchte ihn nur einmal sehen, nur den Ton seiner Stimme hören – ach und an seinem Herzen alles Elend vergessen und weinen.