Ich habe gestern Deinen Brief aus K.... erhalten, der mich tief gerührt und gedemüthigt hat – um so tiefer, da ich mich selbst vor Dir anklagen muß. Ich habe es nie vermocht, meine Fehler zu beschönigen, und so will ich auch vor Dir, vor meinem Manne, nicht besser scheinen, als ich es bin.
Du weißt, als Du mir Deine Hand angetragen, zögerte ich, sie anzunehmen, nicht aus Mißtrauen gegen Dich, sondern gegen mich selbst. Ich habe Dir es nicht verborgen, daß ich einen Andern geliebt, daß sein Andenken mir noch sehr theuer war – aber ich hatte Dir versprochen, dagegen zu kämpfen, und das habe ich redlich gethan. Trotz Deiner Liebe, trotz meines festen Willens, ist diese Leidenschaft nicht erstorben – sie ist neu erwacht, als ich den Gegenstand derselben, Robert Thalberg, wieder gesehen. Tausendmal hat das Geständniß auf meinen Lippen geschwebt, ich habe Dich um Schutz gegen mich anflehen wollen; aber Dein ausdrückliches Verbot, Dein Widerwillen gegen solches Vertrauen hat mich zurückgehalten, und mehr noch, daß ich Dich, den ich von Grund der Seele ehre und achte, nicht betrüben wollte. Deine Zufriedenheit, Dein Glück war der Zweck meines Lebens geworden, und ich mochte Dir nicht Schmerz bereiten, weil ich hoffte, allein den Sieg über mich zu gewinnen.
Seit acht Tagen ist Thalberg zurückgekehrt hat täglich versucht, mich zu sprechen, was ich ihm nur verweigerte, weil ich es mußte. Gestern ist er unerwartet zu mir gekommen; ich habe das Geständniß seiner Liebe gehört, ich habe ihm gesagt, daß ich ihn liebe, und ich bekenne Dir das offen, weil ich mich frei vor Gott und vor Dir fühle. Daß ich nicht willig dieser Leidenschaft gefröhnt, daß ich mit aller Gewalt mich zu befreien gestrebt, dafür bürgt Dir Deine Kenntniß meines Herzens, meine Achtung vor unsrer Ehe und meine gebrochene Gesundheit. Du hast ein Recht, die Treulose von Dir zu weisen, mir Deine Liebe zu entziehen, aber Du mußt mir Deine Achtung erhalten; denn ich selbst habe Robert entsagt und für immer. Halte das nicht für leere Worte, welche Dich bestechen sollen; erst jetzt bin ich ganz frei, erst jetzt bin ich mit reinem Bewußtsein Dein, während am Tage unsrer Hochzeit das Andenken an Thalberg störend zwischen Dir und mir stand. Ich fühle mich unzertrennlich an Dich gebunden und würde mich noch als zu Dir gehörig betrachten, wenn Dein gekränkter Stolz mich verstieße. Dein Herz kann es nicht. Du kannst mich Das nicht wie ein Verbrechen büßen lassen, was ich gegen meinen Willen empfand; Du kannst mir Dein Vertrauen nicht entziehen, weil ich mich dessen durchaus würdig fühle.
Und nun, mein Freund! mein guter, milder Freund! kennst und weißt Du Alles; gewähre mir Mitleid mit meiner Schwäche und erhalte mir, wenn Du es vermagst, Deine Liebe. Ich sage Dir nicht Alles, was ich für Dich fühle – nur an Dich selbst appellire ich, und ich wünsche und hoffe, Du werdest Deinem Weibe kein strengerer Richter werden, als Du es sonst dem Menschenherzen zu sein pflegtest. Eine schwere Krankheit hat lange in mir gelegen, die Krisis ist vorüber, und ich werde genesen, ich fühle es. Du, der mit der Kranken so viel Nachsicht gehabt, Du wirst die Genesende nicht verlassen, die gesund werden will und wird, um für Dich zu leben.
Vergib mir und sage mir bald, daß Dir mein Leben noch werth sei, daß Du meine Stütze und mein Freund bleiben willst – schreibe mir bald, ich verlange sehr nach diesem Briefe, und vergib mir Alles, mein guter Mann, was ich, wissentlich oder nicht, Unrecht an Dir that. Vergib es mir, weil ich mir selbst vergeben kann, und laß mich Deine Clementine bleiben.
Auch diesen Brief wollte Clementine gleich befördern, doch fand es sich, daß die Post nach K.... erst am folgenden Tage abgehe und daß er also noch liegen bleiben müsse. Dadurch gewann sie Zeit, an den Eindruck zu denken, den er auf Meining hervorbringen würde, auf ihn, der vollkommen arglos an sie und ihre Liebe glaubte. Wie würde es ihn betrüben, wie unglücklich würde es ihn machen! Sie hatte den Brief geschrieben, um sich selbst zufrieden zu stellen, sich genugzuthun; und sie empfand, daß in dieser Handlung viel mehr Egoismus als Tugend läge. Um sich zu beruhigen, um ihr Gewissen zu besänftigen, raubte sie Meining, von dessen Vergebung sie überzeugt sein konnte, die sie mit Recht zu verdienen glaubte, seine Ruhe. Was konnte die Folge von diesem Briefe sein? Meining würde traurig zurückkehren, mit der Gewißheit, das Unglück seiner Frau verursacht zu haben, indem er sie geheirathet; er würde argwöhnisch und verstimmt auf sie sehen, die sich ihm wie ein Muster von Entsagung, ein Opfer der Pflicht dargestellt hatte, nachdem sie wirklich Nichts als ihre Pflicht gethan. So beschloß sie, schweigend, wie sie gegen Meining gefehlt, auch zu ihm zurückzukehren. Niemand, außer Robert, sollte ahnen, was in ihrer Seele vorgegangen war. In dem Augenblick brachte man ihr diesen Brief von Robert.
Robert Thalberg an die Geheimräthin v. Meining.
Engel des Lichtes, großes, edles Herz! ich gehe. Ich scheide von Dir, weil Du es willst. Du hast Recht, jetzt ist's zu spät – ich habe einst freventlich den Himmel unsres Glückes vernichtet und vermag nicht mehr, ihn uns zu erbauen, obgleich ich Dich mehr liebe, stärker, heißer als je. Wie sehr liebe ich Dich! – und muß ich erst nun, da die schwere Stunde ewiger Trennung uns naht, erkennen, daß Du noch viel reiner, edler und größer bist, als ich selbst in den begeistertsten Augenblicken es für möglich hielt? Warum, schöner Stern, scheinst Du mir in aller Pracht Deines Glanzes, wenn Du mir untergehen mußt für immer? Doch nein! Du bleibst! Du bleibst der feste Stern, auf den mein Auge blickt, der seine leuchtenden Strahlen in meine Seele wirft, wenn ich im Gewühl der Welt den Glauben an die Menschen zu verlieren fürchte. Du bist! – und wer darf zweifeln an der Göttlichkeit des Menschen.
Ich scheide von Dir! Du fühlst, wie ich, was dieses Wort bedeutet; was es heißt: zu entsagen. Darum soll kein Wort der Klage die heilige Stunde unsres Abschiedes beflecken. Wie jene selige Insel, die nur einmal in Jahrtausenden aus dem Meere taucht und deren Anblick dem Auserwählten Paradieses Wonne bereitet, dem sie zu schauen vergönnt ward, so taucht das Andenken an die Stunde dieser Nacht ewig beseligend aus dem Meere meines Lebens empor, und kein Sterblicher kann ermessen, was sie mir gebracht an Glück, an Wonne. Du hast mich überreich gemacht, Geliebte! überreich für immer – denn wer vermag zu lieben wie Du! – weh mir, daß ich selbst unsre Welt zerstört!
Lebe denn wohl, Geliebte! laß mich Dir danken für die Gunst Deiner Liebe, für das Glück an Deinem Herzen. Unvergeßlich und doch so flüchtig, gleicht es jener stolzen Blume, die nur eine Stunde blüht, wohl wissend, daß diese eine Stunde vollendeter Schönheit mehr ist, als das ganze, matte Leben aller andern Blumen. Lebe wohl, schöne, hohe Königin der Nacht, Geliebte meiner Jugend, Weib meiner Seele! laß uns fortgehen auf der Bahn, die Du für uns gewählt und die ich gleich Dir betrete. Wir haben die reinste Freude des Lebens gekannt – laß uns in Anderem das Glück suchen, das wir freiwillig opfern. O! nur noch einmal laß es mich sagen, nur noch dies eine Mal höre es an, daß ich Dich liebe, wie nur je ein Weib geliebt worden, daß ich Dich anbete, wie man die Gottheit anbetet, Dich, meine Clementine! ewig – wenn auch getrennt für immer. Lebe wohl!