Robert.
Stumm drückte Clementine den Brief gegen ihr Herz und dankte Gott für die Kraft, die er ihr gegeben, zu siegen, wo sie es kaum gehofft. Sie war wie zu neuem Leben geboren, sie dachte Robert's nicht mehr mit der stürmischen Unruhe der Leidenschaft, mit den peinigenden Vorwürfen des Gewissens, mit der Sehnsucht, die ihn herbeiwünschte und sich deshalb verdammte – sie weilte bei seinem Bilde mit der beglückenden Ueberzeugung, sich und ihn gerettet zu haben vom gemeinsamen Verderben; und selbst auf Meining's Rückkehr sah sie mit Zuversicht, weil sie sich seiner würdig fühlte. In dieser Stimmung legte sie Robert's Briefe und den, welchen sie für ihren Mann geschrieben, zusammen in die verborgenste Ecke ihres Schreibtisches – dort sollten sie unberührt liegen, wie jene Dokumente, die man in das Fundament großer Denkmale für die Nachwelt legt; denn auch sie fing an zu bauen für die Zukunft, mit dem frömmsten Sinne und der Hoffnung, daß sie einen Tempel des häuslichen Glückes begründe, zur Freude ihres Gatten.
Am andern Tage, als sie, nicht ohne tiefe Wehmuth, den Pavillon wieder betrat, fand sie noch Meining's Brief dort liegen, den sie in der Aufregung jenes Abends nicht beendet und dort vergessen hatte. Mit welch andern Empfindungen las sie ihn jetzt! Ja, selbst die Nachricht, daß Meining früher zurückkehren würde, als er geglaubt, daß sie ihn in vierzehn Tagen erwarten könne, war ihr lieb, und sie fing an, Alles für seine Heimkehr vorzubereiten, obgleich die Ereignisse der letzten Tage noch lebhaft in ihr nachhallten und Robert's Name in dem Verzeichniß der Abgereisten sie in der Einsamkeit manche stille Thräne kostete.
Die wiedergewonnene Ruhe des Gemüthes verfehlte nicht, ihren wohlthätigen Einfluß auf Clementine zu äußern; sie brachte ihren Nächten Schlaf und ihren Nerven die verlorene Stärke, sodaß, als nach Verlauf der vierzehn Tage der Geheimrath zurückkehrte und seine Frau ihm freundlich, wenn auch mit heftig klopfendem Herzen, entgegenkam und ihm dann weinend um den Hals fiel, er sie viel wohler aussehen fand, als an dem Tage der Trennung. Er war ganz Glück, sie wieder zu sehen, und es verdroß ihn nur, wenn sie von Zeit zu Zeit seine Hand, die in der ihren ruhte, mit Innigkeit an ihre Lippen drückte, statt seine Küsse zu erwiedern. Es lag so viel Weiches, Demüthiges in ihrem Betragen, daß er sie unbeschreiblich liebenswürdig fand und es ihr tausendmal versicherte, wie froh er sei, sie wieder bei sich zu haben, und wie gar schwer ihm das Leben ohne sie geworden.
Nun fand Clementine den Lohn für ihre Entsagung und schloß sich fester und fester an ihren Gatten an, je mehr sie Herr über sich selbst wurde. Als endlich im Juni Frau von Alven anlangte und das gute Einverständniß der Eheleute sah, konnte sie sich nicht enthalten, ihrer Nichte im engsten Vertrauen zu bemerken, es käme nur darauf an, daß Mann und Frau sich verständigen wollten, und sie hätte sehr klug gethan, daß sie nicht früher gekommen sei. Du wärst mit keinem Manne so glücklich geworden, als mit Meining, sagte sie, selbst mit Thalberg nicht, der Dir bei Deiner Verheirathung doch noch sehr am Herzen lag. Clementine wurde roth und bat die Tante, Thalberg in dieser Beziehung nicht zu erwähnen, da er im letzten Winter oft in ihrem Hause gewesen sei und Meining Nichts von ihrem frühern Verhältniß zu Robert wisse.
Meining's Einfluß erlangte etwa zwei Jahre später Reich's Berufung nach Berlin, und als Marie die Schwester wiedersah und das gegenseitige Fragen und Erzählen begann, war eine der ersten Neuigkeiten, die Marie mitbrachte: ich habe auch in Wiesbaden Thalberg gesehen; was für ein schöner Mann ist der geworden! und seine Braut, ein Fräulein Ringer, die Dich tausendmal grüßen läßt, sagt mir, Du hättest sie mit Thalberg bekannt gemacht. Sie werden gleich nach der Hochzeit auf Reisen gehen und ein paar Jahre fortbleiben; darauf besteht Thalberg, obgleich die Staatsräthin Ringer es nicht wünscht. Sehen Sie einmal, lieber Meining, wie ernsthaft Clementine wird! Wir Frauen sind doch närrische Geschöpfe; ich glaube, meine Schwester wundert sich heute noch, daß Thalberg, der in frühster Jugend eine große Passion für sie hatte, die sie theilte, sich schon entschließen kann, ein schönes, junges Mädchen zu heirathen. Sage einmal selbst, Clementine! ist's nicht so?
Clementine schwieg, aber Meining drückte ihre Hand und sagte, als sie später allein waren, sehr bewegt: Armes Kind! jetzt weiß ich, woran Du vor zwei Jahren erkrankt, wie sehr Du gelitten hast – es ist vorbei, und Gott gebe, daß ich Dir fortan jedes Leid ersparen könne. Eine herzliche Umarmung folgte diesen Worten, und Nichts hat fortan den Frieden dieser Ehe bedroht.
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
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