Der Häuptling der Montesinos hatte täglich Rationen für zweiundzwanzig Mann erhalten, mit denen er angeblich einen Weg zum Gipfel bahnte. Als er aber am Abend des dritten Tages selbst nach Yriga kam, um neue Vorräthe zu holen, da die Arbeit noch einige Zeit erfordere, erklärte ich, dass ich am folgenden Morgen versuchen würde den Berg zu besteigen und forderte ihn zum Führen auf. Er willigte ein, verschwand aber Nachts sammt seinem Begleiter, da die Indier im Tribunal sich das Vergnügen gemacht hatten, ihnen schwere Strafen in Aussicht zu stellen falls die Leistung nicht den Arbeitstagen entspräche. Nach vergeblichem Bemühn um einen andern Führer, verliessen wir Buhi Nachmittags, und übernachteten im Rancho, wo man uns früher so freundlich aufgenommen hatte. Die Feuer brannten noch, aber die Bewohner waren bei unserer Annäherung geflüchtet. Am folgenden Morgen um 6 Uhr begann die Besteigung. Nachdem wir mit Benutzung der früher von uns gebahnten Pfade den Wald durchschritten, ging es durch 3 bis 4 Fuss hohes Gras mit scharfschneidenden Blättern, dann folgte 7 bis 8′ hohes Rohr, vom Habitus unseres Arundo phragmites (es stand aber nicht in Blüthe), das den ganzen oberen Theil des Berges bis zum Rande einnimmt; nur in den Schluchten reichten die Bäume hoch hinauf. In den untern Gehängen waren sie mit Aroideen und Farnen, gegen den Gipfel zu mit Flechten und Moosen bedeckt. Ich fand hier eine schöne neue eigenthümlich gestaltete Orchidee.[1] Die Cimarronen hatten etwas Rohr umgehauen, weiter bahnten wir uns mit Waldmessern den Weg und erreichten schon um 10 Uhr die Spitze. Es war sehr trübe. Auf einen klaren Abend oder Morgen hoffend, liess ich eine Hütte bauen, wozu das Rohr sehr geeignet war. Für sich selbst ein Obdach zu errichten und Brennholz zum Wachtfeuer herbeizuschaffen, waren die Indier zu faul. Sie kauerten, um sich zu erwärmen, dicht an einander gedrückt auf dem Boden, assen kalten Reis und dursteten dazu, da keiner Wasser holen wollte. Von zwei Wasserträgern, die ich mitgenommen, hatte der Eine sein Wasser unterwegs »aus Versehn« verschüttet, der Andre es unten ausgegossen, »weil er geglaubt, dass wir es nicht brauchen würden«.
Ich fand die höchste Spitze des Yriga 1212 Meter, 1120 Meter über dem Spiegel des Buhi-See’s. Von Buhi ging ich nach Bátu.
Der Batu-See (111 Meter Meereshöhe) war seit meinem letzten Besuch im Februar noch tiefer gesunken, der Algenteppich hatte an Breite beträchtlich zugenommen, sein oberer Rand war an vielen Stellen zerfetzt, der untere ging allmälig in einen dicken Wulst faulender Wasserpflanzen über (Charen, Algen, Pontederien, Valisnerien, Pistien u. s. w.), der den Wasserspiegel ringsum einfasste und nur durch einzelne Lücken an das Ufer zu gelangen gestattete. Queer vor der Mündung des Quinali in den See lag eine Barre von schwarzem Moder, in welcher einige schmale Wasserrinnen die weichsten Stellen anzeigten. Da wir mit einem grösseren Boote nicht über die Barre gelangen konnten, so wurden zwei kleine schmale Nachen durch einen Bambusrost verbunden, und mit einem Sonnendach versehn. Vermittelst dieser Vorrichtung, die von 3 kräftigen Büffeln gezogen wurde, während die Mannschaft mit sichtlichem Behagen und lautem Jubel knietief im schwarzen Schlamm watend, schieben half, gelangten wir, wie auf einem Schlitten über das Hinderniss in den Fluss, der bei meinem ersten Besuch an vielen Stellen die Felder überfluthete, so dass die Hütten der Eingeborenen wie Schiffe aus dem Wasser ragten und jetzt (im Juni) nicht einmal sein Bett ausfüllte. Wir mussten daher die Schlittenfahrt bis dicht vor Quinali fortsetzen.
Mazaraga von NNO.
Fuss des Malinao.
In Ligáo stieg ich bei einem befreundeten Spanier ab, da seit meinem letzten Besuch ein grosser Theil der Ortschaft sammt Tribunal und Convento abgebrannt war. Nachdem die nöthigen Vorbereitungen getroffen, ging ich Abends nach Barayong, einem kleinen Cimarronen-Rancho, am Fuss des Mazarága, mit dessen Insassen ich am folgenden Morgen den Berg bestieg. Auch die Frauen begleiteten uns eine gute Strecke und erhielten die Gesellschaft in munterer Laune. Unterwegs wurde einem zu dem Zweck mitgenommenen Indier eine Bambuse voll Wasser zum Tragen übergeben, er warf sie fort, und lief davon, eine Alte trat für ihn ein und schleppte das Wasser unverdrossen bis auf den Gipfel. Dieser Berg war feuchter, als alle die ich je bestiegen, den Semeru in Java etwa ausgenommen. Auf halbem Wege fand ich einige angefaulte Rafflesien.[2] Zwei elend aussehende Cimarronenhunde jagten uns einen jungen Hirsch zu, den einer der Leute durch einen Schlag mit dem Waldmesser erlegte. Im Drittel der Höhe hörte der Pfad auf, doch war es nicht schwierig durch den Wald zu gelangen, der mit Rohr dicht bewachsene obere Theil des Berges verursachte wiederum grosse Schwierigkeiten. Gegen zwölf erreichten wir die Gipfelplatte, die von keinem Krater durchbohrt, flach gewölbt, fast horizontal, und dicht mit Rohr bestanden ist. Ihre Höhe ergab sich = 1354 Meter. In kurzer Zeit bauten die unermüdlichen Cimarronen eine schöne grosse Rohrhütte: ein Zimmer für mich und das Gepäck, einen grossen Vorsaal für die Leute, ein besonderes Haus für die Küche. Leider war das Rohr so nass, dass es nicht brannte. Um etwas Brennholz zum Reiskochen zu haben, wurden dicke Aeste aus dem Walde geholt, und ihr verhältnissmässig trockner Kern mühsam herausgeschält. Die Schwefelhölzer waren so feucht, dass der Phosphor sich beim Reiben ablöste; auf Löschpapier gesammelt, mit dem geschwefeltem Ende des Zündholzes geknetet, ward er trocken, und entzündete sich durch die Reibung. Von anstehendem festem Gestein war nicht eine Spur zu sehn. Alles, von da ab wo der Pfad aufhörte, war dicht bewachsen, der Boden mit einer hohen Schicht feuchter Walderde bedeckt. Der folgende Morgen war hell und gestattete eine weite Rundsicht, aber noch ehe ich sie fertig gezeichnet, ward es wieder trübe, und als nach mehrstündigem Warten der Himmel sich mit dichten Regenwolken bezog, traten wir den Rückweg an.
Rundsicht von Mazaraga.
Lith. Institut v. Wilh. Greve, Berlin.