Auf dem Gipfel schwärmten viele Schmetterlinge umher. Wir konnten aber nur wenige fangen, da das Gehn zwischen den hohen Rohrstoppeln für nackte Füsse sehr beschwerlich war: von zwei Paar, aus Manila bezogenen neuen Schuhen hatten sich, noch ehe ich die Spitze erreichte, die nur leicht angehefteten Sohlen abgelöst, so dass ich den Weg nach Ligao barfuss zurücklegen musste.
Am folgenden Tage ging mein spanischer Gastfreund zweimal nach dem Tribunal, um mir die zur Beförderung meiner Sammlungen nöthigen Büffelkarren zu verschaffen. Seine höflichen Bitten blieben ohne Erfolg; dem Befehl des Cura, der den Gobernadorcillo zu sich in’s Haus beschied, wurde sogleich gehorcht. Für spanische Privatleute haben die einheimischen Behörden in der Regel wenig Rücksichten, sie begegnen ihnen nicht selten mit deutlicher Geringschätzung. Eine amtliche Empfehlung des Alkalden ist gewöhnlich wirksam, aber nicht in allen Provinzen, denn manche Alkalden schaden ihrem Ansehn, indem sie zur Förderung ihrer persönlichen Interessen die Mithülfe oder Verschwiegenheit der einheimischen Behörden in Anspruch nehmen.
Ich schoss hier einige Paníkes, grosse Fledermäuse, mit Flügeln von fast fünf Fuss Spannweite, die im Tagesschlaf an den Aesten eines Baumes hingen (s. Reisesk. S. 216), darunter zwei Mütter mit unversehrten säugenden Jungen. Es sah rührend aus, wie sich die Thierchen fester und fester an den Körper der sterbenden Alten klammerten und auch noch nach erfolgtem Tode sie zärtlich zu herzen schienen; der anscheinenden Innigkeit lag aber nur Selbstsucht zu Grunde, denn als ihr Milchvorrath erschöpft, wurden die Alten rücksichtslos, wie leere Schläuche behandelt. Sobald die Jungen abgenommen wurden, frassen sie Bananen und lebten mehrere Tage lang bis ich sie in Spiritus steckte.
Früh Morgens ritt ich auf dem Gaule des Pfarrers nach Legaspi, und Abends durch tiefen Schlamm zum Alkalden nach Albay. Wir befanden uns jetzt (Juni) mitten in der sogenannten trocknen Jahreszeit, es regnet aber fast täglich. Der Weg zwischen Albay und Legaspi war schlechter als je. Während meines Besuches ging vom Kommandanten der Falúas an der Südküste die Meldung ein, dass er zwei Seeräuberboote verfolgte als plötzlich sechs andre erschienen, um ihm den Rückweg abzuschneiden, weshalb er schleunig umkehrte. Die Falúas sind zwar stark bemannt, und mit Kanonen versehn, aber die von den Ortschaften der Küste gestellte Mannschaft ist gänzlich ungeübt im Gebrauch der Feuerwaffen, und hat solche Furcht vor den Moros, dass sie, wenn nur die geringste Hoffnung zur Flucht vorhanden, mit allen Kräften das Land zu erreichen sucht um davon zu laufen. Die Küstenorte, ohne andre Waffen als hölzerne Piken, waren den Seeräubern völlig preisgegeben, die in Catanduánes, Biri, und mehreren kleinen Inseln festen Stand gefasst hatten und ungestraft Schiffe kaperten oder am Lande Menschen raubten. Fast täglich wurden neue Räubereien und Mordthaten aus den Stranddörfern gemeldet. Die während des Raubzuges zum Rudern verwendeten Gefangenen werden schliesslich als Sklaven verkauft. Bei der Theilung sollen je zwei dem Dato, der die Schiffe ausgerüstet, einer der Mannschaft zufallen.[3] Zwar sind die Küstenfahrer in diesen Gewässern grösstentheils mit Geschützen versehn, doch liegen diese gewöhnlich im Schiffsraum, da Niemand an Bord damit umzugehn weiss. Sind die Kanonen auf Deck befestigt, so fehlen die Kugeln oder das Pulver, aber der Kapitän verspricht es das nächste Mal besser einzurichten.[4] Der Alkalde berichtete die Thaten der Seeräuber mit jeder Post nach Manila, wies auf die grossen dem Handel zugefügten Verluste, und auf die Pflicht der Regierung ihre Unterthanen zu schützen, um so mehr, als diesen keine Feuerwaffen gestattet sind.[5] Von den Bisaya-Inseln ertönten dieselben Hülferufe. Die Regierung war aber machtlos gegen das Uebel. Wurden die Klagen gar zu laut, so sandte sie in die am meisten heimgesuchten Gewässer ein Dampfboot, das fast nie einen Seeräuber zu sehn bekam, obgleich diese dicht vor und hinter ihm ihr Wesen trieben.
In der Hauptstadt Samars traf ich später einen Regierungsdampfer, der seit vierzehn Tagen vergeblich gegen Piraten kreuzte; denn diese, gewöhnlich schon durch ihre Spione gewarnt, sehn den Rauch des Dampfbootes früh genug, um mit ihren flachen Kähnen zu entschlüpfen. Die Offiziere wussten von vornherein, dass ihre Fahrt schwerlich andern Erfolg haben würde, als den geschädigten Provinzen zu zeigen, dass ihr Nothschrei nicht unbeachtet blieb.[6]
Es waren indessen damals schon 20 kleine Dampfkanonenboote von geringem Tiefgang in England bestellt und ihrer Vollendung nahe, sie wurden in Stücken um das Kap transportirt, die ersten beiden trafen bald darauf in Manila ein, die übrigen folgten, und es gelang ihnen den Archipel auf einige Zeit von dieser schweren Plage fast zu befreien[7], wenigstens von den ächten Moros, die jährlich aus der Solosee meist von der Insel Tavi-tavi kamen, im Mai nach den Bisayas gelangten, und dann ihre Raubzüge im Archipel fortsetzten, bis der Wechsel des Monsun im Oktober oder November sie zur Rückkehr zwang.[8] In den Philippinen erhielten sie neuen Zuwachs durch Vagabunden, Desertöre, entlassene Sträflinge, ruinirte Spieler. Aus denselben Elementen werden auch die Banden von Strassenräubern (Tulisánes) gespeist, die zuweilen sehr zahlreich auftreten und Streiche von ausserordentlicher Keckheit ausführen. Nicht lange vor meiner Ankunft waren sie in eine Vorstadt Manila’s eingefallen und hatten in den Strassen mit dem Militär gekämpft. Ein Theil des letzteren pflegt regelmässig durch den Dienst gegen Tulisanes in Anspruch genommen zu werden. Die Räuber sollen in der Regel gegen ihre Opfer nicht grausam sein, wenn kein Widerstand geleistet wird.[9]
In Legaspi fand ich mehrere Kisten mit Blechfuttern, die mit der Ueberlandpost nach 16 Monaten, statt nach 7 Wochen, für mich angekommen waren, da sie von Berlin über Triest versandt, wegen des italienischen Krieges dort liegen geblieben. Ihr fast ausschliesslich zum Gebrauch in den Philippinen bestimmter Inhalt war mir jetzt zum grössten Theil überflüssig. In einer Kiste befanden sich zwei mit Glasstöpseln verschlossene Fläschchen, die eine mit feuchtem Kohlenpulver, die andre mit feuchtem Lehm gefüllt, beide enthielten Samen von Victoria regia und Knollen rother und blauer Nymphäen. Die in der ersten Flasche waren verdorben — wie sich erwarten liess; aber in der mit feuchtem Lehm gefüllten hatten zwei Knollen ½ Zoll lange Keime getrieben und sahen ganz gesund aus. Ich pflanzte sie sogleich; in einigen Tagen entwickelten sie kräftige Blätter. Eine dieser schönen, ursprünglich für den Buitenzorger Garten in Java bestimmten Pflanzen blieb in Legaspi, die andre sandte ich nach Manila, wo ich sie später in voller Blüthe wieder sah. Im Kohlenpulver hatten zwei Victoriakerne über einen Zoll lange Wurzeln gemacht, die aber abgefault, vielleicht auch bei der Zollrevision abgerissen und dann gefault waren, denn der Hals des Fläschchens war zerbrochen; das Kohlenpulver sah aus als wäre darin gerührt worden. Ich theilte dem Inspektor des Berliner botanischen Gartens den glänzenden Erfolg seiner Verpackungsart mit; er machte eine zweite Sendung direkt nach Java, die im besten Zustande ankam, so dass nicht nur die Victoria, sondern auch die von einem afrikanischen Vater und einer asiatischen Mutter in Berlin erzeugten rothen Teichrosen jetzt die Wasserbecken Java’s (letztere Pflanzen vielleicht auch die der Philippinen) schmücken.
Wegen der anhaltenden Regen benutzte ich zwei Backöfen, um meine Sammlungen vor dem Einpacken zu trocknen. Mein Diener verbrannte den grössten Theil, so dass der Rest in einer geräumigen Kiste Platz fand, die ich für einen Dollar erstand. Leider fehlte der Deckel. Um diesen zu beschaffen, musste ich zuerst einen Zimmermann, der wegen einer kleinen Schuld gefangen sass, frei machen, dann Vorschuss geben, um ein Brett zu kaufen und Vorschuss um das versetzte Handwerkzeug auszulösen; die endlich begonnene Arbeit wurde mehrere Male unterbrochen, weil ältere Vorschüsse ungestümer Gläubiger durch Arbeit getilgt werden mussten. Nach fünf Tagen war der Deckel fertig; er kostete drei Dollar, hielt aber nicht lange, denn schon in Manila musste er durch einen neuen ersetzt werden.
In Legaspi fand ich Gelegenheit einen kleinen Schoner nach der Insel Samar zu benutzen, die SO. von Luzon, jenseits der 3 Leguas breiten S. Bernardino-Strasse liegt. Im Augenblick der Abreise verliess mich mein Diener »um ein wenig von den Strapazen auszuruhn« — zu meinem grossen Bedauern, — denn Pepe war gutmüthig, sehr anstellig und immer guter Laune. Er hatte in seinem Geburtsorte Cavite, wo viele spanische Soldaten und Seeleute leben, diesen manches abgesehn, und wurde scherzweis Español de Cavite genannt. Das Herumstreichen von einer Ortschaft zur andern gefiel ihm sehr, er machte schnell Bekanntschaft, und wusste sich bei den Frauen beliebt zu machen; denn er besass viele gesellige Talente, verstand auch Guitarre zu spielen und Büffelkühe zu melken. Kamen wir in ein Pueblo, wo eine Mestizin oder gar eine »Landestochter« (Kreolin) wohnte, so requirirte er, wenn es anging, sogleich eine milchende Büffelkuh, molk sie, brachte der Señora einen Theil der Milch und hielt, unter dem Vorgeben der Dolmetscher meiner Gesinnungen zu sein, eine so höfliche wohlgesetzte Rede, pries die Schönheit und Anmuth der Dame und liess sich mit demüthigster Miene so ungeheuerliche Reiseabenteuer abfragen, dass Ritter und Knappe in hellem Glanze strahlten. Das Geschenk war immer willkommen, (und brachte uns manch Körbchen Orangen ein); denn Büffelmilch ist zur Chocolade sehr beliebt, es kommt aber, wie es scheint, nur selten jemand auf den Einfall eine Kuh zu melken. Leider mochte Pepe nicht Berge steigen, und bekam Bauchweh, wenn er mich begleiten sollte, oder er verschenkte meine starken Schuhe oder liess sie stehlen; die einheimischen aber blieben unangetastet; denn er wusste wohl, dass sie fast nur zum Reiten taugen, woran auch er Freude hatte. In meiner Gesellschaft arbeitete er schnell und gern, aber allein langweilte es ihn, er fand überall Freunde, die ihn abhielten; dann liess er bei dem Abbalgen der Vögel das Fleisch in den Beinen sitzen, so dass sie verfaulten und fortgeworfen werden mussten. Noch unangenehmer war ihm das Packen, darum that er es so schnell als möglich, doch nicht immer mit genügender Sorgfalt, wie einmal, wo er Schuhe, Arsenikseife, Zeichnungen und Chocolade in ein Tuch zusammenband. Trotz solcher kleinen Mängel war er mir sehr nützlich und angenehm. Nach einer so unzivilisirten Insel, wie Samar, ging er aber nicht gern, und als er gar seinen Lohn für acht Monate auf einmal erhielt, und plötzlich ein kleiner Kapitalist war, konnte er der Versuchung nicht widerstehn, ein wenig von den Strapazen auszuruhn.