Nach der Versicherung glaubwürdiger Männer soll es in hiesiger Gegend Schlangenbändiger geben. Sie pfeifen die Schlangen angeblich aus ihren Schlupfwinkeln herbei, lassen sie nach ihrem Willen sich bewegen oder innehalten und hantiren sie nach Belieben, ohne von ihnen verletzt zu werden. Den berühmtesten derselben hatten aber die Seeräuber vor Kurzem fortgeschleppt, ein zweiter war zu den Cimarronen in die Berge entwichen, ein dritter, dessen Ruf nicht recht begründet schien, begleitete mich bei meinen Ausflügen, entsprach aber nicht den Schilderungen seiner Freunde. Zwei Giftschlangen[9], die wir unterwegs trafen, fing er, indem er sie geschickt, unmittelbar hinter dem Kopf packte, so dass sie wehrlos waren, und wenn er ihnen still zu liegen befahl, so setzte er ihnen zuvor den Fuss auf den Nacken. Ich verletzte mir auf der Jagd, an einem im Schlamm verborgenen spitzen Ast, den Fuss so erheblich, dass ich unverrichteter Sache nach Catbalógan zurückkehren musste. Die Bewohner von Calbígan gelten für thätiger und umsichtiger als die übrigen der Westküste, auch ihre Ehrlichkeit wird gerühmt. Ich fand sie sehr anstellig, das Sammeln und Zubereiten von Pflanzen und Thieren schien ihnen Freude zu machen, gern hätte ich einen Diener von hier mitgenommen; sie trennen sich aber so schwer von ihrem Dorf, dass alle Bemühungen des Pfarrers, einen zur Mitreise zu bewegen, erfolglos blieben.
In geringer Entfernung NW. von Catbalógan gewahrt man bei Ebbe in weniger als 2 Faden Tiefe einen der üppigsten Korallengärten. Auf einem bunten Teppich von Kalkpolypen und Schwämmen erheben sich wie Staudengewächse Gruppen von lederartigen, fingerdicken Stielen, deren oberes Ende dicht mit Polypen besetzt ist (Sarcophyton pulmo Esp.), die ihre in den schönsten Farben schillernden Tentakelrosen weit geöffnet haben, so dass sie wie Blumen in voller Blüthe erscheinen. Sehr grosse Serpeln strecken aus ihren Kalkröhren zierliche rothe, blaue und gelbe Fühlerkronen heraus, dazwischen wuchern fein gefiederte Plumularien; kleine Fische von wunderbar prächtigen Farben tummeln sich in diesen Nixengärten.
Nachdem Stürme und die Flucht meines Dieners, der das ihm anvertraute Geld beim Hahnenkampf verspielt hatte, mich einige Tage in der Hauptstadt aufgehalten, fuhr ich die Bucht hinauf, die sich im S. von Catbalógan, WO. bis Paránas erstreckt. Der Nordrand derselben besteht aus NS. streichenden, gleich hohen, regelmässigen, von W. sanft ansteigenden, nach O. steil abfallenden Erdwogen, die gegen das Meer scharf abschneiden; 9 kleine Dörfchen liegen an dieser Küste zwischen Catbalógan und Paránas, sie ziehn sich unter Kokos- und Betelpalmen in vereinzelten Häusergruppen von den Mulden aus die westlichen, sanften Abhänge hinauf und endigen, indem sie den Gipfel erreichen, mit einem kleinen Castillo, das schwerlich Schutz gegen die Seeräuber, aber fast immer einen hübschen landschaftlichen Punkt gewährt. Vor dem Südrande der Bucht und nach SW. hin sieht man viele kleine Inseln und bewaldete Felsen, im Hintergrunde die Berge von Leyte, sich zu immer wechselnden Veduten verschieben.
Da die Leute bei schwüler Hitze, völliger Windstille und fast wolkenlosem Himmel beinahe so viel schliefen als ruderten, so erreichten wir erst Nachmittags Paránas, ein sauberes zwischen 20 und 150 Fuss Meereshöhe an einem Abhang gelegenes Dorf. Die am Meere senkrechten Wände bestehn aus grauen gegen das Land einfallenden Thonbänken, und werden überlagert von einer Schicht Muscheltrümmer, deren Zwischenräume mit Thon ausgefüllt sind; über dieser liegt eine festere, durch Kalk verkittete Breccie, aus eben solchen Bruchstücken bestehend. In den Thonbänken finden sich wohlerhaltene Versteinerungen, in Farbe, Habitus, und Vorkommen manchen deutschen Tertiärbildungen zum Verwechseln ähnlich; die Breccien sind gleichfalls fossil, vielleicht auch tertiär; jedenfalls liess sich die Identität der wenigen darin erkennbaren Cerithien, Pecten und Venus mit lebenden Arten nicht feststellen.[10]
Am folgenden Morgen fuhr ich nördlich in einem schmalen Kanal durch einen stinkenden Rhizophorensumpf und setzte dann die Reise zu Lande nach einem kleinen, im Walde gelegenen Dörfchen Loquilócun fort. Halbwegs durchfurtheten wir einen 20′ breiten, OW. strömenden Fluss, mit steilen durch Leitern zugänglich gemachten Uferwänden.
Da ich noch immer lahmte (Fusswunden heilen sehr schwer in heissen Ländern), liess ich mich einen Theil des Weges auf landesübliche Weise tragen: der Reisende liegt in einer an einem Bambusrahmen befestigten Hängematte; eine III versinnlicht die Vorrichtung: der mittlere Strich stellt die Hängematte, der Rest den Rahmen dar, dessen hervorragende Enden vier rüstige Polistas auf die Schultern nehmen. Etwa alle zehn Minuten werden die Träger durch andre abgelöst. Zum Schutz gegen Sonne und Regen ist der Rahmen mit einem leichten Pandanusdach versehn.
Die Wege, die man nach Analogie von Unmensch und Unwetter Unwege nennen könnte, waren ziemlich so schlecht, wie die bei der Salta-Sangley; mit Ausnahme des zuweilen bequemen Seestrandes scheinen in Samar keine bessere vorhanden. Nach 3 Stunden gelangten wir an den Loquilócun, der von Norden kommend, dort seinen südlichsten Punkt erreicht, dann NO. dem grossen Ozean zufliesst. Ich fand hier durch die liebenswürdige Fürsorge des Guvernörs zwei kleine Nachen bereit, die durch je zwei in den äussersten Spitzen hockende Männer mit bewundernswürdiger Gewandtheit getrieben zwischen den Baumstämmen und Felsen im Bett des reissenden Bergstromes durchschlüpften. Unter lautem Jauchzen glitten beide Kähne einen 1½ Fuss hohen Fall hinab, ohne Wasser zu schöpfen.
Das Dörfchen Loquilócun liegt in drei Häusergruppen auf drei Hügeln. Die Bewohner waren sehr freundlich, gefällig, bescheiden und so erfolgreich im Sammeln, dass mein mitgeführter Weingeist schnell verbraucht war; in Catbalógan konnten meine Boten nur einige Flaschen auftreiben, und meine eignen Vorräthe waren durch ungeschickte Zuvorkommenheit eines zu gefälligen Freundes in falscher Richtung gesandt, und erreichten mich erst nach Monaten wieder; der in Samar käufliche Palmenwein war zu schwach. Täglich fuhren ein oder zwei Nachen aus, um für mich zu fischen, doch erhielt ich nur wenige Individuen, die fast ebenso vielen Arten und Gattungen angehörten. Wahrscheinlich hat der Missbrauch, die Fische durch Vergiftung des Wassers zu tödten (es wird hier die zerklopfte Frucht einer Barringtonia dazu verwendet) den Fluss so fischleer gemacht.
Nach einigen Tagen verliessen wir das Oertchen um 9 Uhr 30 Minuten Vormittags, enggepackt in zwei kleinen Nachen, und waren, als wir um 1 Uhr 7 Minuten Dini, eine bewohnte Hütte im Walde erreichten, über 40 Stromschnellen von 1 bis 1½ Fuss und mehr Tiefe hinabgestiegen. Die bedeutendsten derselben haben Namen, die auf der Coelloschen Karte richtig angegeben sind. Folgendes sind ihre Abstände nach der Uhr: 10 Uhr enge Felsenschlucht, an deren Ende das Wasser mehrere Fuss tief in ein grösseres Becken stürzt. Die Kähne, die bisher mit wunderbarer Geschicklichkeit, wie gewandte Pferde zwischen allen Hindernissen des Flussbettes und über alle Sprudel und Schwellen, fast ohne Wasser zu schöpfen, geglitten, werden ausgeladen, es bleiben nur 2 Mann in jedem Nachen zurück, die laut jauchzend hinabschiessen, wobei sich die Kähne bis an den Rand füllen.